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Interview zu VW-Skandal: "Ferdinand Piech muss verschwinden"

Ex-Manager Peter Hartz steht wegen des VW-Skandals vor Gericht. Hauptursache für die Affäre sei die betriebliche Mitbestimmung, sagt "Vorstandsschreck" Ekkehard Wenger im stern.de-Interview. Das System mache aus deutschen Konzernen Selbstbedienungsläden. Aber auch Aufsichtsratschef Ferdinand Piech bekommt sein Fett ab.

Herr Wenger, was verbinden Sie mit der VW-Affäre und dem Namen Peter Hartz?

Für mich ist der Fall ein Beispiel dafür, wozu das deutsche Arbeitsrecht im Allgemeinen und die betriebliche Mitbestimmung im Besonderen typischerweise führen.

Wozu führen sie?

Sie führen dazu, dass die Arbeitnehmervertreter, die vom Gesetzgeber mit Mitbestimmungsrechten bedacht wurden, in die Pläne der herrschenden Gruppierung eingebunden werden. Bei VW steht diese Gruppierung unter dem Kommando von Herrn Piech.

Sie sind also für eine Reform der betrieblichen Mitbestimmung?

Was dringend erforderlich wäre, aber politisch tabuisiert wird, ist die Abschaffung der gesetzlichen Mitbestimmung. Zumindest in der Form, wie wir sie jetzt haben, ist sie ein schwerer Standortnachteil. Ex-Daimler-Vorstand Manfred Gentz, der in der Regierungskommission zur Fortentwicklung der Mitbestimmung mitarbeitete, hat ja hinreichend deutlich artikuliert, dass Geschichten, wie sie jetzt von VW bekannt geworden sind, in allen deutschen Unternehmen vorkommen, wenn auch vielleicht nicht in so krasser Form. Aber es läuft immer darauf hinaus, dass aus Arbeitnehmervertretern verkappte Hilfsdirektoren werden, die mit entsprechenden Etats, Spesenkonten und anderen Vergünstigungen bedacht werden. Gentz hatte bei Daimler sicher genug Anschauungsmaterial. Es ist schon lange klar, dass die Mitbestimmung in Deutschland international beispiellos ist und uns immer weiter zurückwirft.

Wie meinen Sie das?

Ganz einfach: Für die Kapitalgeber ist die Mitbestimmung eine Belastung. Sie mindert den Marktwert des eingesetzten Kapitals, und deshalb macht das Kapital um deutsche Aktiengesellschaften einen Bogen. Als Folge davon sind die deutschen Großunternehmen in der Rangliste der Marktkapitalisierung in den letzten Jahrzehnten dramatisch zurückgefallen. Als Entscheidungszentrum für weltweit agierende Großunternehmen hat Deutschland massiv an Boden verloren, und je länger die Mitbestimmung aufrechterhalten bleibt, desto mehr setzt sich dieser Prozess fort. Kein internationaler Investor wünscht sich eine Konzernzentrale, die der deutschen Mitbestimmung unterliegt.

Sind auch die Betriebsräte der deutschen Konzerne zu mächtig?

Ich würde nicht sagen, dass sie zu mächtig sind. Aber sie können - wie fast jeder Mensch - mit Zuwendungen auf Linie gebracht werden. Denn wo viel Geld im Spiel ist, ist Korruption eine zwangsläufige Folge, wenn die Kontrollmechanismen nicht strikt genug sind. Genau daran aber fehlt es, wenn ein Vorstandsvorsitzender, der später dann auch noch den Aufsichtsratsvorsitz übernimmt, Strukturen wie bei VW entstehen lässt.

Sind die deutschen Konzerne Selbstbedienungsläden?

Darauf läuft es hinaus. Mit dem deutschen Mitbestimmungssystem wurde eine zusätzliche Schicht von Abgreifern etabliert. Aber vom Geben und Nehmen zwischen Arbeiterfunktionären und Vorstand profitieren nicht nur die Arbeitnehmerfunktionäre.

Wer profitiert denn noch?

Man schaue sich nur an, wie ein Herr Schrempp bei DaimlerChrysler jahrelang überleben konnte, obwohl er einen katastrophalen Managementfehler nach dem anderen gemacht hat. Trotzdem hatte er, bis er endlich verschwunden ist, die Unterstützung der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat. Ohne die gesetzlich erzwungene Mitbestimmung der Arbeitnehmerseite hätte sich Schrempp niemals solange auf seinem Posten halten können. So lange Arbeitnehmer und Anteilseigner in großen Konzernen den Aufsichtsrat paritätisch besetzen, braucht der Vorstand, wenn er die Arbeitnehmerseite in der Hand hat, nur noch einen einzigen Freund auf der Kapitalseite, und dann hat er den Laden im Sack. Bei VW lief es zunächst genau so.

Mit Ferdinand Piech ist bei VW der ehemalige Vorstandsvorsitzende zum Aufsichtsratschef geworden, wie etwa auch bei Siemens Heinrich von Pierer. Tut es einem Unternehmen gut, wenn der Ex-Chef in den Aufsichtsrat wechselt?

Grundsätzlich ist das natürlich nicht gut, weil so die Chance für einen Neuanfang vergeben wird. Wenn das Spitzenpersonal nicht ausgewechselt wird, werden strategische Fehlentscheidungen langsamer und mit geringerer Wahrscheinlichkeit korrigiert; denn noch im Amt befindliche Verantwortliche werden in der Regel versuchen, ihre Fehler zu verdecken.

Wäre es besser, wenn von Pierer und Piech von ihren Posten zurücktreten?

Bei Herrn Piech habe ich keinerlei Zweifel. Für die Streubesitzer von VW wäre es sicher am besten, wenn Herr Piech so schnell wie möglich verschwände, nachdem er zu Lasten des Unternehmens milliardenschwere Fehlentscheidungen zu verantworten hat. Als Aktionär von Siemens würde ich keinen Nutzen darin sehen, wenn Herr von Pierer zurücktreten müsste. Denn die Neuausrichtung des Unternehmens wurde schon während seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender begonnen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass er nun im Aufsichtsrat als Blockierer agiert. Aber dies ändert nichts daran, dass der Wechsel eines Vorstandchefs in den Aufsichtsratvorsitz eine Neuausrichtung des Unternehmens behindert. Insofern ist VW der Normalfall, an dem sich die grundsätzliche Einschätzung des Problems zu orientieren hat.

Wie groß ist denn der Schaden für VW durch den Skandal?

Der unmittelbare Schaden ist aus Aktionärssicht vernachlässigbar. Ob jemand einen VW kauft, hängt kaum davon ab, ob irgendwelche Betriebsräte Lustreisen unternehmen. Das Problem besteht auch nicht in erster Linie darin, dass für die Betriebsräte ein Haufen Geld aus dem Fenster geworfen wurde. Denn die Beträge fallen, gemessen an den Umsätzen von VW, nicht ins Gewicht. Der Hauptschaden ist auf einer ganz anderen Ebene zu sehen.

Wo denn?

Wie kann eine für die Aktionäre erfolgversprechende und für das Unternehmen zukunftsträchtige Strategie formuliert werden, wenn alle Schlüsselpositionen mit den Vasallen von Herrn Piech besetzt sind und die Arbeitnehmerfunktionäre mit mehr oder weniger appetitlichen Vergünstigungen ruhig gestellt werden? Piech mit seinen bekannten geschäftlichen Sonderinteressen ist eine spezielle Symbiose mit den Funktionären der Arbeitnehmerseite eingegangen; von den an dieser Symbiose Beteiligten hat jeder auf seine Weise persönlich profitiert. Eine vernünftige Unternehmensstrategie ist dabei aber auf der Strecke geblieben.

Interview: Malte Arnsperger