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Zerstrittene Auto-Dynastie: Ernst Piëch, der Gralshüter des Porsche-Erbes

Ernst Piëch ist der Aussteiger unter den zerstrittenen Porsche-Enkeln – und der Bewahrer des großväterlichen Vermächtnisses.

Von Thomas Ammann

Porsche Enkel Ernst Piëch: der andere Piëch

Porsche Enkel Ernst Piëch im offenen Austro-Daimler, den Großvater Porsche einst konstruierte

Zeitreise im offenen Austro-Daimler, Jahrgang 1929. Am Steuer: Ernst Piëch, ebenfalls Jahrgang 1929. Die Fahrt geht durch das Salzburger Land, der Wind bläst den Passagieren ins Gesicht. Der Duft von frisch gemähten Wiesen weht herein, auf den Weiden stehen gefleckte Kühe, und auf den schmalen Waldwegen blitzt die Sonne durch das Gehölz. So ähnlich muss es auch schon gewesen sein, als der kleine Ernst vor mehr als einem Dreivierteljahrhundert den Großvater hier bei seinen Ausfahrten begleitete. Der war damals schon ein berühmter Mann; einer, der das Automobilzeitalter prägte wie kaum ein anderer: Konstrukteur Ferdinand Porsche.

Blamage an der Ampel: Porschefahrer gibt Gummi - und verliert sein Rad


“Ich hab mich immer gut mit ihm verstanden“, sagt Ernst Piëch, als er einen Aussichtspunkt oberhalb des idyllisch gelegenen Mattsees ansteuert, „als Ältester unter den Enkeln habe ich ihn am besten gekannt, und er hat mir das Autofahren beigebracht.“ Darum drehte und dreht sich alles in einer der mächtigsten Autodynastien der Welt, die mehr als die Hälfte des Volkswagen-Konzerns besitzt.

Porsche und Piëch, das sind Tradition und Mythos, Erbe und ein Familienstreit über Jahrzehnte. Auch in der dritten Generation steht der Clan im Schatten des übermächtigen Großvaters. Das Vermächtnis bringt Fluch und natürlich Segen, jedenfalls immensen Reichtum – auch für die, die nicht Porsche heißen, sondern Piëch, und von der Porsche-Tochter Louise (1904 bis 1999), verheiratete Piëch, abstammen.

"Die Chinesen stehen schon bereit"

Die nostalgische Ausfahrt findet in Zeiten statt, in denen der VW-Konzern und damit auch das Erbe der Porsches und Piëchs bedroht ist wie nie. Der Dieselskandal stürzte VW in die tiefste Krise der Firmengeschichte, und sie ist nach Ernst Piëchs Überzeugung noch lange nicht ausgestanden. Er sieht den Konzern bereits als Übernahmekandidat. “Die Chinesen stehen schon bereit“, warnt er, „die brauchen die Milliarden nur vom Konto zu nehmen.“

Aber Angreifer, egal, woher sie kommen, hätten nur eine Chance, wenn sich das Land Niedersachsen oder die Familien von größeren Aktienbeständen trennen wollten. Bislang schien das undenkbar.

Bis zur vergangenen Woche.

Ausgerechnet der einstmals mächtigste unter den sechs noch lebenden Porsche-Enkeln, Ferdinand Piëch, Ernsts acht Jahre jüngerer Bruder, scherte aus der Familienphalanx aus. Er tat etwas, das er sein Leben lang kategorisch ausgeschlossen hatte: Er verkaufte fast seinen gesamten Anteil im Wert von rund einer Milliarde Euro an die Porsche SE. Ihr wiederum gehört der VW-Konzern zu 52 Prozent.

"Ich verstehe meinen Bruder und seine Entscheidung"

Vorausgegangen war ein beispielloser Machtkampf, den Ferdinand Piëch vor zwei Jahren mit sechs dürren Worten auslöste: “Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“ Es folgte der Wirtschaftskrimi “Piëch gegen den Rest der Welt“ – gegen den von ihm selbst inthronisierten VW-Vorstandschef Martin Winterkorn, gegen den mächtigen Betriebsrat und nicht zuletzt gegen den ungeliebten Vetter aus Stuttgart, Wolfgang Porsche, 73. Der gilt nach Ferdinand Piëchs erzwungenem Rückzug als VW-Aufsichtsratschef als alleiniger Sprecher der Enkelgeneration. Als Porsche gehört er zu den “Namensträgern“, während die Piëchs familienintern bei Streitfällen schon mal als “Nicht-Namensträger“ abgekanzelt werden.

Streit gab es schon immer reichlich im Clan der Autokraten, und jetzt scheint es, als ob sich Ferdinand Piëchs Prophezeiung erfüllen könnte. “Die erste Generation baut auf, die zweite erhält, und meine Generation ist die dritte, die ruiniert normalerweise“ , sagte er vor Jahren in einem seiner seltenen TV-Interviews.

“Ich verstehe meinen Bruder und seine Entscheidung“, sagt Ernst Piëch, sie sei nachvollziehbar “nach dem Resultat seiner beiden Nachfolger im Amt des VW-Vorstandschefs, Bernd Pischetsrieder und Martin Winterkorn“. Er “akzeptiere den Ausstieg“ seines Bruders, fügt Piëch, der Ältere, noch hinzu, “so wie er seinerzeit meine Entscheidung akzeptierte“.

Denn auch er wurde einst abtrünnig. “Ich bin der Ernst-Fall“ , sagt Ernst Piëch, ein stiller, verbindlicher Mann mit hellwachen Augen, und er spielt damit auf einen früheren Skandal an. In den 1980er Jahren hatte er versucht, seine Anteile an der Sportwagenfirma heimlich loszuschlagen – an einen arabischen Investor. Ein bis dahin unerhörter Vorgang, denn Porsche war damals noch eine reine Familienangelegenheit. Als die Verwandten das spitzkriegten, kauften ihm die beiden Familienstämme für knapp 100 Millionen D-Mark die Anteile ab – weshalb der Piëch-Zweig dem Abtrünnigen lange gram war, denn der Anteil der Porsches war seither etwas größer als jener der Piëchs.

Akt der Selbstachtung

Bislang galt als gesichert, die nackte Not habe Ernst Piëch damals zum Verkauf getrieben, nachdem er sich mit Immobilienspekulationen im Burgenland verhoben hatte. So hat es auch Wolfgang Porsche gern erzählt. Das weist Piëch in Mattsee weit von sich. Es sei vielmehr, so sagt er, ein “Akt der Selbstachtung“ gewesen. Als man nach einem handfesten Familienkrach in den 1970er Jahren gemeinsam entschieden habe, alle Porsche-Nachkommen sollten sich aus dem Management der Sportwagenfirma zurückziehen, habe man ihn als Einzigen aus der Sippe auch aus dem Aufsichtsrat verbannt. “Da habe ich beschlossen, wenn man mich nicht will, dann gehe ich eben ganz“, erzählt Ernst Piëch.

Sein Bruder Ferdinand tat es ihm jetzt gleich. Aber was zunächst wie ein Akt tiefster Resignation wirkte, könnte sich als cleverer Schachzug herausstellen. Hans Michel, 75, der dritte und jüngste der Piëch-Brüder, übernahm den weitaus größten Teil des Aktienpakets. Er ist damit der größte Einzelaktionär und verfügt über eine Sperrminorität in der Porsche SE, die wiederum den VW-Konzern dominiert. Damit bleibt die Machtbalance zwischen den zerstrittenen Familienstämmen einigermaßen gewahrt.

Mit Ach und Krach versucht die Generation der Porsche-Enkel, längst selbst im Großvateralter, den Familienbesitz zusammenzuhalten. Dennoch geht im Clan die Sorge um, dass andere Ferdinand Piëchs Beispiel folgen und ihre Anteile verkaufen könnten. In der vierten Generation, die rund drei Dutzend Mitglieder zählt, sind die Beziehungen zum Unternehmen weitaus weniger ausgeprägt als bei der derzeit noch herrschenden Vetternschaft. Manche könnten angesichts des fortdauernden Streits und der VW-Krise versucht sein, Kasse zu machen.

Auch wenn sein Anteil heute nicht Millionen, sondern rund eine Milliarde Wert wäre – Ernst Piëch hadert nicht mit seinem frühzeitigen Ausstieg. Er sei “gottfroh“, meint er, dass er mit den Entscheidungen bei VW nichts mehr zu tun habe. “Ich beneide die nicht, die in den Aufsichtsräten sitzen“, fügt er hinzu.

Ferdinand Porsche Erlebniswelten

Den Lebensunterhalt bestritt er, “Ernst-Fall“ hin oder her, tatsächlich mit Immobiliengeschäften, wie er sagt, nicht zuletzt aber mit Erträgen aus seinem Zehn-Prozent-Anteil an der Salzburger Porsche-Holding, den er nicht abgestoßen hatte. Piëchs Mutter Louise hatte die Firma nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Mit dem Verkauf von Produkten aus dem Hause Volkswagen stieg sie zum größten Autohändler Europas auf.

Irrsinniges Überholmanöver


Ohnehin verspürt Piëch vor allem das Bedürfnis, das großväterliche Wirken der Nachwelt zu erhalten. Seit einigen Jahren baut er in Mattsee in einer ehemaligen Schuhfabrik ein Museum auf, eine einzige Huldigung an den Patriarchen. Piëchs “Fahr(t)raum – Ferdinand Porsche Erlebniswelten“ zeigt unter dem Motto “Von der Kutsche zum Käfer“ auf rund 2000 Quadratmetern nur Konstruktionen aus der Frühzeit des Opas. Automobile aus Deutschland und Österreich, auf denen noch nicht der weltbekannte Name Porsche prangt. “Ich möchte die Highlights zeigen“ , erklärt Piëch.

Mit großer Hingabe haben er und sein Team ein Exemplar des Lohner Mixte-Wagens von 1901 aufgetrieben, der mit teilelektrischem Hybridantrieb aktuell wie nie erscheint. Der “Prinz-Heinrich-Wagen“ von 1910, Sieger der Rundfahrt zu Ehren des Bruders von Kaiser Wilhelm II., ist voll fahrbereit, wie alle anderen vierrädrigen Zeitzeugen im “Fahr(t)raum“. Es gibt Mercedes-Kompressorwagen, die automobilen Träume der 1920er Jahre, und es fehlt auch nicht das umstrittenste Projekt, der KdF-Wagen, später Volkswagen, den Porsche im Auftrag seines österreichischen Landsmanns Hitler entwickelte.

Die Ära der “Porsche“ genannten Sportwagen begann erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Und die, sagt Piëch, seien ja “Stuttgart“, also “der Onkel“. Gemeint ist Ferry Porsche (1909–1998), Sohn des alten Ferdinand und Bruder Louises, der Anfang der 1950er Jahre mit dem Sportwagenbau in Stuttgart-Zuffenhausen begann.

"Ohne Traktoren hätte es die Porsche-Sportwagen nie gegeben"

Das Verhältnis zu den Vettern, den “Namensträgern“, bleibt schwierig. Im Museum postiert sich Piëch nur ungern für den Fotografen vor einem seltenen Austro-Daimler Bergmeister von 1932, einem Millionen teuren Schmuckstück. Warum man ausgerechnet dieses “schiache“ , also hässliche, Auto zeigen wolle. Wie sich herausstellt, ist es eine Leihgabe aus der persönlichen Oldtimersammlung des Cousins Wolfgang Porsche.


Lieber führt Piëch in den geräumigen Keller des Museums, der als Scheune dekoriert ist und eine spektakuläre Sammlung von rund dreißig Traktoren beherbergt. Den Ackerschleppern fühlt er sich besonders verbunden: Auf ihnen hat er als Teenager auf dem Familiengut in Zell am See fahren gelernt, bevor der Großvater ihn ans Steuer eines Käfers ließ. Und es zählt noch etwas anderes: Aufträge eines Landmaschinenherstellers retteten den Familienbetrieb nach dem Zweiten Weltkrieg vor der Pleite. “Ohne Traktoren hätte es die Porsche-Sportwagen nie gegeben“, sagt Piëch.

Krisen waren und sind die ständigen Begleiter des Hauses Porsche. Als der Sportwagenbauer zu Beginn des 21. Jahrhunderts versuchte, den 15-mal größeren Volkswagen-Konzern zu übernehmen, endete das mit Milliardenschulden für den Angreifer. Porsche verlor bekanntlich die Selbstständigkeit und wurde dem VW-Konzern einverleibt.

Um einen Teil der Schulden zu tilgen, mussten die Familien die hoch profitable Salzburg-Holding an VW abtreten. Der Firmenwert wurde mit 3,3 Milliarden Euro taxiert, worüber Ernst Piëch heute noch unglücklich ist. Man könnte sagen: Es war ein Schnäppchen für VW, denn die Autohandelsfirma machte schon damals zweistellige Milliardenumsätze. Auf die Frage, ob er den Preis für angemessen hält, winkt Piëch nur ab. Dann meint er diplomatisch: “Das kommt darauf an, von welcher Seite aus man es betrachtet.“ Ob man also Käufer sei oder Verkäufer.

"Sein Geist schwebt hier überall"

Es blieb ja in der Familie, könnte man einwenden. Immerhin fiel dem Clan am Ende der Übernahmeschlacht mehr als die Hälfte des VW-Konzerns zu. Aber für den Außenseiter Ernst Piëch wirkt es so, als ob er sein Firmenerbe ein zweites Mal unter Wert verschleudern musste.

Sorgen muss man sich um ihn aber nicht machen. Seine Oldtimersammlung hat an Wert zugelegt, seit er 1996 den ersten Wagen kaufte. Mögen andere um die Macht im VW-Konzern ringen – er hat hochfliegende Pläne und lässt gerade ein uraltes Flugzeug rekonstruieren, eine Hansa-Brandenburg C1, in der sein Onkel Ernst Piëch im Ersten Weltkrieg abgeschossen wurde. Beim Jungfernflug des Nachbaus will der Neffe selbstverständlich am Steuerknüppel sitzen. Überflüssig zu erwähnen, dass der Großvater den Motor des Doppeldeckers konstruiert hatte. “Sein Geist schwebt hier überall“, sagt Piëch.

Die Ausfahrt im Austro-Daimler führt zu einer kleinen Kirche in der Ortschaft Gebertsham, die dank ihres spätgotischen Flügelaltars zu regionaler Berühmtheit gelangte. Im leeren Kirchenraum wird Piëch still, fast andächtig. “Hier habe ich vor fast 60 Jahren geheiratet“, erklärt er lächelnd. Elisabeth, die Angetraute, war eine geborene Nordhoff, Tochter des früheren VW-Generaldirektors. Porsche, Piëch und Volkswagen – das ist eine Jahrhundertehe. Mit dem Abgang der dritten Generation könnte sie bald Geschichte sein.

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