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Gentleman, Erfinder, Visionär: Er revolutionierte mit Dyson schon Staubsauger. Jetzt plant er das nächste ganz große Ding

James Dyson ist der mit Abstand bekannteste und innovativste Unternehmer Großbritanniens, seit seine Firma es von einer Tüftler-Klitsche zum Unternehmen mit Weltruf brachte. Nun nimmt er sich ein neues Großprojekt vor: die Entwicklung eines Elektroautos.

James Dyson: Besuch beim innovativsten Unternehmer Großbritanniens

James Dyson, pardon!, Sir James Dyson neben einem Motor des überschallschnellen Concorde-Fliegers

Es wird im Folgenden von einem Mann die Rede sein, der sein Vermögen aus Luft gemacht hat. Einem Mann, James Dyson sein Name, den die großen und die kleinen Unzulänglichkeiten des Lebens umtrieben und ärgerten und der deshalb beschloss, sie zum Wohle der Allgemeinheit zu beseitigen. Der aber, wenn man ihn schließlich trifft, einen durchaus zufriedenen Eindruck macht und mit sich vielleicht auch deshalb im Reinen ist, weil seine Erfolgsgeschichte mit einem Staubsauger begann.

Am Anfang aber war der Ärger. Dyson, Spross eines Lehrer-Ehepaars aus Norfolk, ärgerte sich als junger Mann darüber, dass die Räder von Schubkarren ständig stecken blieben im Schlamm. Also erfand er das Rad einfach neu, indem er es durch einen Ball ersetzte. Später ärgerten ihn die ständig verstopften Beutel im Staubsauger. Also erfand er einen ohne Beutel.

Kein Spaß ohne Risiko

Vor drei Jahren ärgerte ihn, dass an britischen Universitäten zu wenig Ingenieure ausgebildet werden. Also fuhr er nach London und beschwerte sich beim Minister, der sprach: "Mach es doch selbst", worauf Dyson lediglich 18 Monate später einen eigenen Campus eröffnete. Schließlich und endlich ärgerten ihn bereits vor vielen Jahren die hohen Diesel-Emissionen von Autos. Er erfand also einen neuartigen Filter, aber die Automobilhersteller, die deutschen vorneweg, machten einfach weiter wie bisher. Dyson vergaß das nicht. Er vergisst überhaupt recht wenig und kann bemerkenswert stur sein. Und nun, in den Zeiten von Dieselgate und Fahrverboten, will seine Firma in zwei, maximal drei Jahren Elektroautos auf den Markt bringen und damit auf Konfrontationskurs mit den ganz Großen gehen. Einige nennen das Wahnsinn, andere genial, und irgendwo dazwischen pendelt dieser Plan wohl auch. Denn nicht irgendein Auto soll es werden, sondern ein radikal anderes. Ein von eigens entwickelten Batterien betriebenes Mobil, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Das ist ihm zwei Milliarden Pfund wert, schließlich seien Elektroautos alsbald allgegenwärtig, die summende Zukunft, "jeder will irgendwann eins haben". Kein Spaß ohne Risiko. So tickt der.

Dyson gibt in der Zentrale in Malmesbury Raum für Experimente mit Staubsaugern – aber auch für die Kantine

Dyson gibt in der Zentrale in Malmesbury Raum für Experimente mit Staubsaugern – aber auch für die Kantine

Ein bisschen erinnert Dyson mit seiner verwegenen Experimentierfreude an Elon Musk, der auch Elektroautos baut, die Teslas, und eins davon sogar mit eigener Rakete in den Weltraum beförderte und am liebsten gleich weiter zum Mars flöge. Für Musk wie Dyson gilt, dass sie Visionen folgen. Der große Unterschied zwischen ihnen ist, dass Musk auf einem zusehends nervigen Egotrip ist, wohingegen Dyson britisches Understatement lebt und obendrein nicht das Geld von Aktionären benutzt, sondern sein eigenes. Das ist ihm wichtig.

Mit dem Elektroauto-Coup jedenfalls wurde der Brite auch vielen Deutschen ein Begriff, die seinen Namen bis dato nicht wahrgenommen hatten, in Restaurants, Flughäfen und Büros, wo seine Handtrockner, die Airblades, auf den Toiletten ebenso allgegenwärtig sind wie Millionen seiner hochpreisigen Staubsauger und Föhne in den Haushalten. Der Mann versteht was von Luft in allen Variationen: gepustet, gereinigt, zirkuliert, befeuchtet, erwärmt oder – wie im Falle des Autos – aerodynamisch zugeschnitten.

James Dyson hält 9000 Patente

James Dyson, 71 Jahre alt, mit einem unverschämt jungenhaften Aussehen gesegnet, der mit Abstand bekannteste und innovativste Unternehmer Großbritanniens, seit seine Firma von einer Tüftler-Klitsche mit vier Leuten und einem Telefon im Jahr 1993 zu einem Unternehmen von Weltruf heranwuchs – mit mehr als 12.000 Angestellten weltweit. Sein Vermögen: geschätzt knapp zehn Milliarden Pfund. Seine Patente: 9000. Sein Gewinn: 801 Millionen Pfund. Und jede Woche gehen acht Millionen in Investitionen. Von der Königin vor elf Jahren zum "Sir" geadelt; bei dieser Gelegenheit trug er letztmals Krawatte. Er schrieb seine Autobiografie, sie heißt "Sturm gegen den Stillstand", und beriet früher die britische Regierung in Wirtschaftsfragen. Obwohl er für die politische Kaste herzlich wenig übrig hat, die sich im fernen London über den Brexit zerfleischt. Dyson, das sei hier klargestellt, war einer der prominentesten Befürworter des EU-Austritts, betrachtet sich aber als europhil. Er besitzt obendrein mehr Land als die Queen – über 10.000 Hektar –, darunter eine Farm in Lincolnshire, auf der er Gemüse anbauen lässt, und kann exakt vorrechnen, wie viele Erbsen er ernten wird. Erfinder und Erbsenzähler, der in mikro und makro denkt. Ein Mann voller Widersprüche, und insofern passt es, dass seine Geschichte vor allem die des fortgesetzten Scheiterns ist, des Trial and Error. Das Firmenmantra: make, test, break; bauen, testen, verwerfen. Bis es passt. So werden sie das auch mit dem Auto halten, das getestet wird auf einem alten Flughafengelände, Hullavington Airfield, umgerüstet für 200 Millionen Pfund. Nur das dollste soll rollen. Und bis dahin: üben, üben, üben.

Nach 5126 Versuchen kam der beutelfreie Staubsauger raus (l.). Heute bietet man weiterentwickelte Geräte (M.) bis hin zum Roboter (r.) an.

Nach 5126 Versuchen kam der beutelfreie Staubsauger raus (l.). Heute bietet man weiterentwickelte Geräte (M.) bis hin zum Roboter (r.) an.

Für den Urtyp des Staubsaugers, die Keimzelle seines Reichs, ertrug er 5126 Mal Error. Was, wie sein Sohn Jake einmal ausplauderte, den Familienfrieden zuweilen belastete. Es war nämlich so, dass der Vater werkelte und tüftelte, Tag und Nacht im Keller, fünf Jahre lang – von 1979 bis 1984, während seine Frau Deirdre die drei Kinder als Kunstlehrerin durchbrachte. Papa Dyson erschien oft mit überschaubarer Laune zum Essen, aber dann, nach 5126 Fehlversuchen, hatte er seinen Eureka-Moment. Ein Staubsauger ohne Beutel, dessen Motor – revolutionär damals – Zentrifugalkräfte nutzte. Was er sich abgeschaut hatte in einem Sägewerk ums Eck. Er dachte sich: "Was im großen Maßstab in der Industrie funktioniert, muss auch im Kleinen funktionieren." Makro und mikro. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer für Dyson, der für seinen "G-Force" Mitte der 80er Jahre einen Lizenzvertrag mit einer japanischen Firma abschloss. Und ein paar Jahre danach mit den Verkaufserlösen und einem Kredit seine eigenen Firma gründete. Später gestand er, dass "ich jeden Tag ans Aufhören dachte und nur deshalb immer wieder an die Werkbank zurückkehrte, weil ich als Schüler Langstrecken gelaufen war". Seine Schule fürs Leben: langer Atem.

Im Prinzip hat sich an dieser Philosophie nichts geändert. Wenn Vater und Sohn zum Skiurlaub in die Berge reisen, fallen sie lieber auf die Schnauze, als Unterricht zu nehmen. Versuch macht klug und blaue Flecken. Jeder bei Dyson erzählt das. Nicht über die Erfolge reden, sondern über Fehlschläge, auf dass sie alle lernen daraus. Und jeder fragt: "Wo gibt es das sonst noch?", was eine ziemlich gute Frage ist.

360 Millionen Kilometer Haar in Büscheln

Der Unterschied zu früher ist, dass sie heute größer denken, weil alles kleiner wird. Die leistungsstarken Elektromotoren, die Batterien und Akkus. Nur die Ideen eben nicht. Was das im Detail bedeutet, lernt man an zwei Tagen in Malmesbury auf dem Firmengelände – ein gläserner Hochsicherheitskomplex, der Transparenz vorgaukelt, wo keine ist, weil alles geheim ist und sie nichts so sehr fürchten wie Betriebsspionage. Der Besucher muss eine Armbinde tragen, die ihn für alle erkennbar als Besucher ausweist. Das Ganze hat die Anmutung einer Gute-Laune-Uni, das Essen in der großen Kantine ist selbstverständlich bio. Über den Essenden schwebt ein altes Jagdflugzeug, das "English Electric Lightning", als Reminiszenz daran, was englische Erfinder und Ingenieure einst zu leisten imstande waren.

Hier arbeiten die hellsten Köpfe, 3000 vornehmlich junge Menschen, Durchschnittsalter 34, die meisten von ihnen Nerds. Maschinenbauer, Ingenieure, Techniker, Tester, Wissenschaftler, die bauen und verwerfen und bauen und wieder verwerfen – bis hin zu und im Wortsinn: Haarspalterei. In einem der 129 Labors bewahren sie 360 Millionen Kilometer Haar in Büscheln, das gebogen und gedehnt und mit dem Dyson-Föhn getrocknet und hernach unterm Elektromikroskop auf eventuelle Schäden untersucht wird.

Im Labor wird die Lautstärke gemessen, die Produkte sollen leise und zudem ansehnlich sein

Im Labor wird die Lautstärke gemessen, die Produkte sollen leise und zudem ansehnlich sein

In Malmesbury wird aus dem vermeintlich Banalen ein Spektakel, wenn die jungen Tüftler die Schönheit und Einmaligkeit von Luftreinigern besingen oder sich ergötzen am Rotationsmoment winziger Motoren. In einem schalldichten Raum prüfen sie die Lautstärke der Produkte, und ein paar Türen weiter sind eine ganze Reihe von Menschen unablässig damit beschäftigt, Staub zu saugen. Staub und Dreck, das lernt man hier, sind in globalisierten Zeiten eben nicht gleich Staub und Dreck. Asiatisches Katzenfutter auf Flokati erfordert einen anderen Umgang als der europäische Hausstaub auf Velours.

Trial and Error

Man kann die Firma und James Dysons Credo exemplarisch erzählen am Beispiel von Mike Aldred, 44. Entdeckt vom Firmenpatron persönlich, der vor mehr als 20 Jahren dessen Uni in Canterbury besuchte und ganz angetan davon war, dass sich die Herren Studenten dort die Hände noch richtig schmutzig machten und Roboter bauten. Aldred wurde eingestellt für den Bereich Roboter. "Ich dachte, es würde maximal drei Jahre dauern, bis wir unseren staubsaugenden Roboter fertig hätten." Falsch gedacht. Make, test, break. Aus drei Jahren wurden fünfzehn. Sie testeten das Roboterbaby um die 50.000 Stunden in Haushalten auf der ganzen Welt und trafen überall auf ortstypische Eigenheiten und Hindernisse. Beim Probelauf in Kalifornien etwa stießen sie auf etwas Magisches: Sonnenlicht, helles Sonnenlicht – worauf das auf britisches Nieselwetter geeichte Kameraauge verrücktspielte. Trial and Error. Seit zwei Jahrzehnten macht Aldred das nun. Tagaus, tagein. Er sagt, es werde nie langweilig. Zuweilen schaut der alte Dyson vorbei und sagt dann Dinge wie: "Das reicht noch nicht, macht weiter und macht weiter Fehler."

Der alte, junge Dyson empfängt sodann in seinem Office – geordnetes Chaos. Auf dem Tisch liegen Motoren, große und kleine und ganz kleine. Er trägt einen blauen Pulli, eine blaue Brille und Sportschuhe. James spricht mit weicher Stimme und ist bester Dinge. Kurz zuvor haben sie die Geschäftsergebnisse veröffentlicht, Wachstum natürlich. Er erzählt gut gelaunt von der Kraft des Ärgers. Die Geschichte mit dem Ärger hat ja nie aufgehört. Er ärgert sich heute nur über anderes. Oft über seine Landsleute, die Ingenieure wie ihn für von niederem Stande und "für die Leute halten, die ihre Waschmaschinen reparieren".

Der Preis ist heiß: der schicke Föhn der Briten (l.). Auch der Handtrockner (r.) hat nichts mehr vom lauwarmen Gebläse von einst .

Der Preis ist heiß: der schicke Föhn der Briten (l.). Auch der Handtrockner (r.) hat nichts mehr vom lauwarmen Gebläse von einst .

Früher, sagt Dyson, hat er sich auf Feiern einen Spaß daraus gemacht, diese britische Hochnäsigkeit zu karikieren. Wenn ihn Gäste fragten, was er beruflich mache, und er "Schubkarren" sagte, drehten die betreten ab, und seiner Frau war das etwas peinlich. Manchmal beneidet er die Deutschen, Land des gesunden Mittelstands, der Maschinenbauer und Ingenieure. Man muss allerdings wissen, dass Dyson ansonsten ein eher kompliziertes Verhältnis zu den Deutschen pflegt. Was auch sein klares Bekenntnis zum Brexit erklärt. Er hatte das Gefühl und hat es noch, dass die mächtigen Teutonen in Brüssel den Ton und die Standards setzen. Er fühlte sich benachteiligt und klagte sogar. "Als Großbritannien 1973 in die Europäische Gemeinschaft eintrat, war das ein richtiger Schritt." Dann hätten sich die Dinge auf unangenehme Weise verselbstständigt, die vielen Regularien und Einschränkungen. Er beugt sich vor und spricht: "Europa verliert immer mehr an Einfluss. Das ist ein Fakt. Es trägt gerade mal zwölf Prozent zum Welthandel bei, in drei Jahren wird das auf neun Prozent gesunken sein." Die Zukunft? Asien. 73 Prozent des Wachstums seines Unternehmens stammen aus dieser Region.

Mut, Sturheit und fester Glaube

Schon deshalb sieht er dort auch die größten Absatzchancen fürs neue Auto. Insbesondere, da die Chinesen langsam grüner denken. Dennoch, Sir, warum ausgerechnet Autos? "Ach", sagt er, "lange Geschichte." Die, wie er dann ausführt, begann vor mehr als einem Vierteljahrhundert mit dem Filter gegen die Dieselabgase. Brüssel allerdings hielt Diesel für unbedenklich. Sie ließen das Projekt mit den Filtern fallen, wohl wissend, dass "unbedenklich" eine glatte Lüge war. "Aber ich kannte die Studien und die Ergebnisse von Tierversuchen." Er wartete, verzieh aber nicht, und mit den Jahren kamen die kleinen und großen Triumphe, der Staubsauger, die Motoren, die Batterien, die Akkus, ersonnen und hergestellt im eigenen Haus. "Wir haben uns von Staubsaugern zu einem Technologieunternehmen entwickelt", sagt er. Für ein Elektroauto braucht es Mut, Sturheit auch und festen Glauben. Es soll einzigartig sein, ein echter Dyson.

Mehr will er dazu nicht sagen, Betriebsgeheimnis. James Dyson bittet um Verständnis und lächelt. Es ist das Lächeln eines Langstreckenläufers, dem die Puste nicht ausgeht.

Der Artikel über James Dyson ist dem aktuellen stern entnommen:

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