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KAFFEEHÄUSER: Café global

Jeden Tag eröffnet die US-Kette Starbucks drei neue Kaffeehäuser. Jetzt wird Deutschland aufgerollt. Erst Berlin - dann der Rest der Republik.

Sieben Mark sind ein stolzer Preis für einen Becher Kaffee. Selbst wenn es ein besonders großer ist. Aber das hält Justin Estes nicht davon ab, praktisch jeden Tag bei Starbucks vorbeizuschauen und sich einen Caffè Latte zu kaufen. Oder einen Americano. Oder einen Grande Mocha, wie jetzt gerade. »Es frisst einen Großteil meines Budgets auf«, seufzt der 25-jährige Student aus Seattle, der im Starbucks-Café im Univiertel an einem Ecktisch sitzt. »Ich frage mich selbst, warum ich immer wieder komme.« Wahrscheinlich, setzt der junge Mann mit dem blonden Strubbelhaar grinsend hinzu, »wahrscheinlich bin ich süchtig.«

Gourmetkaffee vom Filialnetz

Süchtig nach Starbucks, wohlgemerkt. Nicht einfach nach Kaffee. Kaffee gibt's ja überall, auch Gourmetkaffee wie der, auf den Starbucks spezialisiert ist: dunkel geröstete Spezialmischungen, frisch gemahlen, aufgebrüht in chromglänzenden Espressomaschinen. Nichts Besonderes mehr, Starbucks-Rivalen haben es längst nachgemacht. Nur eines ist bisher keinem gelungen: den Erfolg der Kaffeekette zu imitieren. Vor kaum 15 Jahren war Starbucks ein kleiner Händler in Seattle, der in sechs Geschäften Kaffee in Tüten verkaufte. Heute gehört das runde Firmenlogo mit der Meerjungfrau auf grünem Grund so zum amerikanischen Stadtbild wie das gelbe »M« der Burgerkette McDonald's. Neben den USA hat Starbucks schon 23 Länder erobert, von Bahrein bis Südkorea. Schneller als der Umsatz, der voriges Jahr auf 2,6 Milliarden Dollar geklettert ist, steigt nur die Zahl der Filialen: Rund 4.700 sind es schon, jeden Tag kommen drei hinzu - bald auch in Deutschland. Das erste Café will Starbucks im Frühjahr mit seinem neuen Partner Karstadt-Quelle in Berlin eröffnen.

Kaffee braucht ein positives Image

Serviert wird mehr als ein Getränk: Die Kunden sollen in eine andere Welt entführt werden. »Was wir mit Starbucks erschaffen haben, ist eine Oase, ein 'dritter Ort' neben dem Arbeitsplatz und dem Zuhause«, sagt Howard Schultz, der Firmenchef. »Kaffee ist ein sehr soziales, romantisches Getränk, und alles, was Sie sehen, riechen, hören, wenn Sie zu Starbucks kommen, ist darauf abgestimmt, den Besuch zu einem Erlebnis zu machen.« Die dezente Musik gehört genauso dazu wie die Ohrensessel. Aber auch ein positives Image. Und da hat Starbucks ein Problem.

Lieblingsfeind der Globalisierungsgegner

Globalisierungsgegner zählen die Kette zu ihren Lieblingsfeinden, genau wie McDonald's und Nike. Wer im Internet nach »hate« (Hass) und »Starbucks« sucht, kommt auf über 14.000 Treffer. Die Kapitalismus-Kritikerin Naomi Klein vergleicht Markenstrategien wie die von Starbucks gar mit einem Virus, das immer größere Teile der Kultur befalle.

Dabei verhält sich kaum ein Großunternehmen politisch so korrekt wie Starbucks: In den Cafés wird mittlerweile fair gehandelter Kaffee verkauft, auf Wunsch gibt es Porzellantassen statt der Wegwerfbecher. Starbucks zahlt überdurchschnittliche Gehälter, alle Mitarbeiter bekommen Aktien. Die wahren Bösen seien Kaffeegiganten wie Nestlé oder Kraft, sagt Mark Pendergrast, Autor des Buches »Kaffee - wie eine Bohne die Welt veränderte«.

Keine Ausbeutermethoden

Ausbeutermethoden würden auch schlecht passen zu einer Firma, die 1971 von drei Hippies gegründet wurde, weil die Großröster immer billigeren, immer schlechteren Kaffee auf den Markt warfen. Starbucks - der Name stammt vom ersten Maat im Klassiker »Moby Dick« - war einer der ersten Gourmetkaffeehändler in den USA. Zur Kette wurde die Firma erst durch Howard Schultz, der in den achtziger Jahren in Mailand entdeckte, wie beliebt Espressobars waren. Schultz, damals nur Starbucks' Marketingchef, brauchte bis 1987, um die Firma zu übernehmen und umzubauen. Der Sohn eines Taxifahrers aus Brooklyn ist 48, braun gebrannt, makellos frisiert, mit Stärke im Hemdkragen und Wettkampf im Blick. Jeden Sonntag spielt der zweifache Vater, seit 19 Jahren verheiratet, Basketball, immer mit denselben Leuten. »Freunde« sagt er. »Aber nicht auf dem Platz!«

Belebende Konkurrenz

Sonnig, freundlich, knochenhart. Neue Cafés werden meist da eröffnet, wo andere schon gezeigt haben, dass die Nachfrage stimmt. Starbucks - ein Konkurrentenkiller? »Sehr wenige Cafés leiden, wenn wir kommen«, sagt Schultz. »Meistens geht es ihnen sogar besser, weil sie davon profitieren, dass wir Kunden anziehen.«

Bald auch in Deutschland

Als Testmarkt auf dem europäischen Kontinent wählte Schultz Zürich. Die Nachfrage ist so groß, dass die Kette schon jetzt sechs Schweizer Filialen eröffnet hat und im Dezember nach Österreich aufbricht. Und dann Deutschland. Dass das Starbucks-Konzept hier zu Lande funktioniert, haben umtriebige Nachahmer längst bewiesen. Sie nennen sich World Coffee oder San Francisco Coffee Company, versprechen eine neue Art von Kaffee-Erlebnis, irgendwo zwischen Tchibo und Café Kranzler, und können übers Geschäft nicht klagen. »Es geht uns gut, es wird immer mehr«, sagt etwa Vanessa Kullmann, 29-jährige Gründerin der Kette Balzac Coffee, die bereits auf acht Läden gewachsen ist. Angst vor dem Original? »Starbucks wird den Markt nicht so abdecken, dass keiner übrig bleibt.« Das schätzt auch der Deutsche Kaffee-Verband, der errechnet hat, dass das Land mindestens 1.000 Kaffeebars verträgt. Etliche davon, glaubt Schultz, mit dem Starbucks-Logo: »Die Leute können vieles nachmachen. Aber die Qualität unseres Kaffees und das Vertrauen unserer Kunden, das können sie nicht kopieren.« Sagt's und lehnt sich zurück in einen der Plüschsessel in seinem Büro, einen von der Art, wie sie in fast jedem Starbucks-Café stehen - und bald wohl auch überall in Deutschland.

Karsten Lemm