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Klaus Kleinfeld: Abgang ohne große Zeremonie

Es ist der letzte Arbeitstag von Siemens-Chef Kleinfeld, doch ein großer Bahnhof ist zum Abschied nicht geplant - eher eine Stabübergabe im laufenden Geschäft an Nachfolger Löscher. Wenigstens gehe er "ohne Wut im Bauch".

Eine große Zeremonie wird es am letzten Arbeitstag von Siemens-Chef Klaus Kleinfeld nicht geben. "Der eine CEO geht am Freitag, der andere kommt am Montag - so unprätentiös wird das ablaufen", sagte Siemens Sprecher Peik von Bestenbostel am Donnerstag in München. Ein öffentliches Händeschütteln mit Kleinfelds Nachfolger Peter Löscher sei nicht geplant. "Das ist ja keine Pensionierung eines jahrzehntelangen Vorstandsvorsitzenden", erklärte der Sprecher. Man habe hier "eine Stabübergabe im laufenden Geschäft".

Über Korruptionsskandal gestolpert

Gerade einmal zweieinhalb Jahre konnte sich Kleinfeld an der Konzernspitze halten. Im Januar 2005 hatte er Heinrich von Pierer abgelöst, der Siemens zwölf Jahre führte. Aber auch Pierer stolperte über den Korruptions-Skandal. Bereits eine Woche vor Kleinfelds Rückzug trat er als Siemens-Aufsichtsratsvorsitzender ab. Beobachter erwarten von der Zäsur einen echten Neuanfang.

Und er soll es richten: Peter Löscher. Ein österreichischer Pharma-Manager. Mit seiner Berufung hat der Aufsichtsrat mit einer 160 Jahre alten Tradition gebrochen. Erstmals in der Geschichte des Konzerns wurde ein externer Manager als Vorstandsvorsitzender geholt. Der 49-Jährige soll Siemens vor allem aus dem Korruptionsskandal um Schmiergeldzahlungen in dreistelliger Millionenhöhe führen.

Am 5. Juli tritt Löscher vor die Presse

Der neue Siemens-Chef wird sich voraussichtlich am 5. Juli bei einem Empfang im Berliner Hyatt-Hotel der Presse vorstellen. "Ein kurzes Statement", dann soll er sich "unters Volk mischen" und mit den Journalisten reden, sagt ein Siemens-Sprecher. Kleinfeld werde wohl nicht da sein.

Dabei sah es lange Zeit gar nicht so schlecht aus für den gebürtigen Bremer und promovierten Betriebswirt. Im April übertraf er mit den Quartalszahlen die kühnsten Erwartungen der Analysten. Zwar musste Kleinfeld eingestehen, dass die möglichen dubiosen Zahlungen von Siemens-Mitarbeitern deutlich höher ausfallen könnten als bislang bekannt. Trotzdem schien es, als würde er den Korruptions-Skandal überstehen. Am Nachmittag des 25. April sagte der Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Jürgen Kurz, noch, ein "Neuanfang von außen" mache wenig Sinn. Wenige Stunden später kündigte Kleinfeld seinen Rückzug an. Im Aufsichtsrat soll Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann an seinem Stuhl gesägt haben.

Kleinfeld ging wegen der Diskussionen um seine Person

Kleinfelds Begründung: Die laufenden Diskussionen im Aufsichtsrat darüber, seine anstehende Vertragsverlängerung erneut zu verschieben. Er habe die Unklarheit über die Führung sowie seine Person "für belastend und untragbar" für das Unternehmen und seine Mitarbeiter erachtet.

Die Berufung des 49-jährigen Löscher, der seit Mai 2006 die Gesundheitssparte des US-Pharmakonzerns Merck & Co. führte, kam völlig überraschend. Bis zuletzt waren als mögliche Nachfolger Kleinfelds unter anderem der Chef des Energiekonzerns Vattenfall, Lars Josefsson, der Linde-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Reitzle und auch der neue Siemens-Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme selbst gehandelt worden.

Kleinfeld lässt nächste Station offen

Cromme erklärte, ausschlaggebend für die Entscheidung des Aufsichtsrates sei Löschers "globaler Hintergrund, sein hohes internationales Renommee, seine breite Erfahrung in der Strategie-Entwicklung, in Finanzmarktfragen und Technologiethemen sowie seine aufrechte Persönlichkeit" gewesen.

Wohin Kleinfeld nach seinem Siemens-Kurzaufenthalt geht, weiß er noch nicht. "Es sind eine ganze Reihe von Menschen mit interessanten Ideen auf mich zugekommen", sagte er vor kurzem der "Bild"-Zeitung. Wut habe er nicht im Bauch. Löscher kündigte bereits an, er wolle bei Siemens verstärkt gegen Korruption vorgehen. Beim operativen Geschäft werde sich nicht viel ändern. Wer nach seinem Amtsantritt eine Revolution erwarte, den müsse er "leider enttäuschen".

Matthias Dachtler/DDP / DDP