Lebensmittel Boom bei Bio


Jede Woche eröffnet irgendwo in Deutschland ein neuer Öko-Supermarkt. Ihre Preise liegen zwischen "null und 300 Prozent" über den Angeboten der "normalen" Lebensmittelmärkte.

Beim 15. Mal ist Götz Rehn nicht mehr aufgeregt. 14 Biosupermärkte betreibt der studierte Ökonom in Deutschland, an diesem Abend eröffnet er Nummer 15 im Industriegebiet von Karlsruhe-Durlach. Kurz bevor die ersten Kunden kommen, geht der Öko-Unternehmer durch den Laden, kontrolliert die Etiketten, rückt die Ketchup-Flaschen zurecht und zeigt immer wieder auf die Preise, zu denen er seine Bioprodukte anbietet: "Hier ein Liter Bioland-Apfelsaft für 79 Cent, das ist doch wie im normalen Supermarkt!" Die Flasche französischer Bio-Landwein geht für 1,99 Euro weg.

Mit 80 Millionen Euro Jahresumsatz spielt der Chef der Supermarktkette Alnatura mittlerweile in einer Liga, in der man den Bio-Herstellern seine Preise diktieren kann. "Wir geben jede Einsparung an den Kunden weiter", behauptet der bekennende Anthroposoph, "deshalb werden unsere Produkte immer billiger." Rehns Marktmacht ist so groß, weil er seine Alnatura-Waren auch noch in 981 Filialen der Drogeriemarktkette dm verkauft, zudem in 320 Tegut- und 90 Budnikowsky-Filialen. Von April an stehen seine Produkte auch in 80 Hit-Filialen im Regal.

Allein in den vergangenen beiden Jahren hat sich bundesweit die Zahl der BioSupermärkte auf knapp 200 verdoppelt. 2002 gaben die Deutschen drei Milliarden Euro für Bioprodukte aus. Das entspricht zwar nur einem Marktanteil von 2,3 Prozent, doch vor fünf Jahren waren es nur 1,2 Prozent. Motor des Wachstums sind aber weder die etablierten Ökometzger oder Biobäcker, sondern die neuen Biosupermärkte. Die drei größten Ketten steigerten 2002 ihren Umsatz um jeweils 20 Prozent. Mit Renditen von drei Prozent sind sie dreimal so lukrativ wie der normale Lebensmitteleinzelhandel.

Alnatura hat zwei ernsthafte Konkurrenten: Michael Radau aus Münster, der acht "Superbiomärkte" in Norddeutschland betreibt, und die Basic-AG mit derzeit sechs Läden zwischen München und Köln. Basic hat in der Münchner Innenstadt auf 1.700 Quadratmetern den größten Bio-Supermarkt Deutschlands. Erklärtes Ziel: "Bio für alle". Im Unterschied zu klassischen Naturkostläden will Basic-Chef Georg Schweisfurth, 43, seinen Kunden "mehr Vielfalt zu vernünftigen Preisen" bieten. "Mir war schnell klar, dass Bio in Deutschland raus aus der Schmuddelecke muss, wir brauchen helle und freundliche Läden, dazu Verkäuferinnen, die Kunden kompetent beraten und nicht blöd gucken, wenn einer mit der Aldi-Tüte reinkommt." Prospekte von spirituellen oder sonstigen Selbsterfahrungsgruppen, die Kunden in seinem Supermarkt immer wieder auslegen, schmeißt er eigenhändig in den Müll. Die 5.000 Produkte im Basic-Markt sind zwischen null und 300 Prozent teurer als im Supermarkt. Ein Kilo Schweinefleisch kostet 15 Euro, im Supermarkt nur fünf. "Fünf Euro für ein Kilo Fleisch zeigt, wie verkommen diese Industrie ist", sagt Schweisfurth. Es seien keineswegs die Topverdiener, die bei ihm einkaufen. "Ich würde es eher die Bewusstseins-Elite nennen."

Christoph Spahn von der Unternehmensberatung "synergie" kennt die Bio-Kundschaft gut: "Junge, postmoderne Menschen und ältere, wertkonservative Leute." Beiden Milieus sei gemein, dass sie auf Qualität in der Ernährung Wert legen, überdurchschnittlich gebildet sind und über ein höheres Einkommen verfügen.

In der Münchner Basic-Zentrale rechnet man in diesem Jahr mit 20 Prozent Umsatzzuwachs. Auch Michael Radau, der Ende 2002 in Düsseldorf und Leverkusen je einen seiner Superbiomärkte eröffnete, wird 2003 "sicher wieder im zweistelligen Bereich wachsen". Alnatura-Chef Rehn plant in ähnlichen Größenordnungen. Wachstumsprognose der Lebensmittelmärkte: magere 1,1 Prozent.

Markus Grill print

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