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London Heathrow: 20.000 Koffer verschollen

Tausende Hotelzimmer für gestrandete Passagiere, 20.000 verschollene Koffer und Taschen, geschätzte 455 Millionen Euro Schaden bei den Fluglinien - knapp eine Woche nach den vereitelten Terroranschlägen beginnt der Streit um die Kosten.

Von Karin Spitra

Schon seit Montag dürfen Passagiere am Londoner Flughafen Heathrow wieder mit Handgepäck einchecken - doch ein Zeichen von Normalität ist das nicht. Immer noch sind tausende Gepäckstücke verschollen - dabei ist es fast schon unwichtig, ob es 10.000 Stück (behauptet die britische Fluglinie BA) oder 20.000 (behauptet die britische Presse) sind. Auch vor den Abflugschaltern bilden sich noch lange Schlangen. Zwar streicht British Airlines keine Flüge mehr, aber die verschärften Kontrollen kosten viel Zeit.

Kontrolle unter freiem Himmel

Zeit, die gerade eiligen Geschäftsreisenden fehlt. Denn der schnelle Check-In am Automaten geht nicht mehr so einfach - das Gepäckstück, dass wieder mit an Bord genommen darf, ist nur noch halb so groß wie davor. Jetzt geht zwar noch eine Laptop-Tasche, aber nicht mehr ein kleiner Trolley. "Es geht wichtige Zeit verloren, ich will hier einfach nur weg," klagte ein deutscher Geschäftsmann auf dem Weg von London-Heathrow nach Frankfurt in einem TV-Interview sein Leid.

Doch der Londoner Flughafen hat noch ein anderes Problem: er ist chronisch überlaufen. Ursprünglich für einen Kapazität von 150.000 Passagieren ausgelegt, wird er in Spitzenzeiten von über 200.000 überrannt - täglich wohlgemerkt. Damit ist Heathrow vom Passagieraufkommen her der größte europäische Flughafen. Doch davon haben Passagiere derzeit nichts: Viele sind verbittert, weil sie einen Teil der Kontrollen unter freiem Himmel absolvieren müssen. Der Flughafenbetreiber BAA hatte so viel seiner Fläche an Ladenbesitzer vermietet, dass beim kleinsten Passagierstau im Gebäude selbst kein Platz mehr für die Fluggäste ist.

British Airways hat 60 Millionen Euro verloren

Und auch zwischen den betroffenen Fluggesellschaften und Betreiber BAA gibt es massiven Ärger: British Airways erwägt eine Schadenersatzklage gegen das Unternehmen, welches auch für die Sicherheitskontrollen und die Gepäckabfertigung zuständig ist. Analysten schätzen, dass allein der britischen Fluglinie durch die Streichungen und Verzögerungen der vergangenen Tage knapp 60 Millionen Euro Schaden entstanden sind. Die Fluglinie musste 10.000 Hotelzimmer für gestrandete Passagiere buchen und Lieferautos mieten, die deren Gepäck quer durch Europa beförderte. Britische Zeitungsberichte sprechen von möglichen Schadenersatzforderungen aller Airlines von bis zu 445 Millionen Euro.

"Die BAA hat keine Vorkehrungen für einen Notfall getroffen und ist daher mit Schuld am entstandenen Chaos," machte sich BA-Chef Willie Walsh in einer Pressekonferenz publikumswirksam Luft. Und nach Informationen der BBC musste allein British Airways seit Beginn des Terroralarms über 700 Flüge streichen. "Seit den Anschlägen des 11. September weiß jeder in der Branche, dass immer mal wieder spezielle Sicherheitsvorkehrungen notwendig sein könnten," so Walsh. "In dem Moment, wo es soweit war, hatte BAA aber keinen Plan, wie der Flugbetrieb auf Heathrow weiter ordnungsgemäß abgewickelt werden kann." Auch Giovanni Bisignani, Chef des Weltluftfahrtverbandes IATA, hatte BAA ermahnt, die Notfallpläne für derartige Krisenpläne zu überarbeiten.

Auch Lufthansa überlegt Klage

Auch die beiden größten deutschen Fluglinien Lufthansa und Air Berlin denken über Schadenersatzansprüche nach: "Wir werden uns jetzt, nachdem der Flugverkehr wieder geregelt läuft, damit befassen und eine mögliche Klage prüfen," sagte dazu ein Lufthansa-Sprecher. Allerdings waren die wirtschaftlichen Auswirkungen für die Lufthansa auch nicht so gravierend: Insgesamt waren 35 ihrer Flüge ausgefallen. Air Berlin hatte neuen Verbindungen vom Flugplan nehmen müssen.

Die schwer gescholtenen Flughafenbetreiber argumentierten dagegen, dass die von den Behörden auferlegten Sicherheitsvorkehrungen die Verzögerungen schlicht unvermeidlich gemacht hätten. Nach Darstellung von BAA waren die längsten Schlangen außerdem nicht an den Sicherheitsschleusen, sondern an den Flugschaltern selbst.

Britische Regierung bleibt hart

Der immer schon etwas krawallig auftretende Billigflieger Ryanair hat inzwischen die britische Regierung ultimativ aufgefordert, innerhalb von sieben Tagen die Sicherheitsmaßnahmen auf den Flughäfen wieder auf das vor der Terrorwarnung übliche Maß zu reduzieren. Sonst, so Ryanair-Chef Michael O'Leary "drohen Schadenersatzforderungen." Allerdings will O'Leary nicht die BAA verklagen, sondern das Geld direkt vom Staat. Zur Normalisierung gehöre die Rücknahme der Einschränkungen beim Handgepäck und der verschärften Personenkontrollen. Alles andere wäre "ein enormer PR-Erfolg für Extremisten," so O'Leary.

mit Agenturen