HOME

Höhere Löhne für Erntehelfer: Macht der Mindestlohn den Spargel teurer?

Seit Anfang des Jahres gilt der Mindestlohn in Deutschland - auch für die Erntehelfer, die derzeit den Spargel auf den Feldern stechen. Hat das Auswirkungen auf den Spargelpreis?

Von Rolf-Herbert Peters

In diesen Tagen zahlen Bauern ihren Erntehelfern erstmals den Mindestlohn. Wird der Spargel dadurch teurer?

In diesen Tagen zahlen Bauern ihren Erntehelfern erstmals den Mindestlohn. Wird der Spargel dadurch teurer?

Folien flattern auf den Feldern von Walbeck. Unter ihnen gedeiht der erste Spargel. Traktoren knattern, Bauern richten die Quartiere für die Saisonarbeiter her. Es ist April, das Spargeldorf am Niederrhein rüstet sich für die Ernte. Alles wirkt friedlich. Doch Spargelbauer Stephan Kisters ist aufgebracht: Ein "Monstrum" habe die Walbecker Höfe heimgesucht.

Er meint den Mindestlohn. "Was uns Arbeitsministerin Andrea Nahles da angetan hat, ist unerträglich", schimpft er. Die neuen Regeln für die Bezahlung der Erntehelfer, alles viel zu teuer und viel zu bürokratisch. Fast 18 Hektar bewirtschaftet Kisters mit seiner Familie, bei der Ernte helfen rund 20 Saisonkräfte. Doch wie lange noch? "Kleine Betriebe werden bald aufgeben müssen", sagt der Bauer.

Mindestlohn für die Erntehelfer

Drei Autostunden weiter nördlich das gleiche Lamento, diesmal vom größten #link;ww.stern.de/genuss/essen/spargelsaison-zwoelf-kuriose-fakten-zu-spargel-2112570.html;Spargelbauer# Deutschlands. "Unsere Kosten steigen um 15 Prozent", sagt Heinrich Thiermann aus dem niedersächsischen Kirchdorf. Er beliefert auch Aldi und Lidl. Für seine 2000 Hektar Acker hat er in diesem Jahr 2000 Arbeitskräfte geordert, vor allem Polen und Rumänen. Sechs Bürokräfte müssten sich nun allein mit dem Mindestlohn rumschlagen, klagt er: "Ein Umbruch! Die Politik hat aus meinem Betrieb eine Papierfabrik gemacht."

Tatsächlich erlebt die Spargelsaison 2015 etwas Besonderes: Erstmals in der Geschichte der Landwirtschaft können Erntehelfer bundesweit nach gleichen, fairen Regeln arbeiten. Rund 330 000 Menschen, die meisten aus Osteuropa, heuern jedes Jahr auf deutschen Höfen an. Im Westen erhalten sie nun einen Stundenlohn von mindestens 7,40 Euro, im Osten 7,20 Euro, bevor 2017 der volle Mindestlohn von 8,50 Euro greift. Außerdem müssen ihre Chefs die Arbeit minutiös dokumentieren.

Kein Lohndumping als Wettbewerbsvorteil

Die Gewerkschaften loben die neue Strenge. "Sie verhindert Wettbewerb über Lohndumping" , sagt Harald Schaum, Vizechef der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau). Und der Papierkram? "Die Aufzeichnung der Arbeitsstunden war schon früher gang und gäbe. Das überfordert niemanden." Damals aber wurden die Bücher kaum kontrolliert.

Auch gab es in den vergangenen Jahren für Erntehelfer schon Regionaltarifverträge, die nur zehn Cent unter dem jetzigen Mindestentgelt lagen. Doch außerhalb der Hochsaison mussten sie sich oft mit fünf Euro und weniger abspeisen lassen. Anspruch auf Tariflohn hatten ohnehin nur Gewerkschaftsmitglieder – und welcher Wanderarbeiter ist schon in der IG Bau?

Spargelbauern schlagen Alarm

Die Spargelbauern warnen nun vor den Folgen des Mindestlohns: Traditionshöfe würden zerstört – und der #link;ww.stern.de/genuss/essen/spargelsaison-zwoelf-kuriose-fakten-zu-spargel-2112570.html;Spargel# werde für die Verbraucher deutlich teurer. Mindestens zehn Prozent Aufpreis prophezeit das Netzwerk Deutscher Spargelverbände. Und am Ende lande statt Qualität aus deutschen Landen Billigware aus Griechenland oder Peru in den Kochtöpfen. Für Gewerkschafter Schaum ist das vor allem eines: Propaganda. Die Bauern wollten am liebsten wie früher nach "gutsherrlicher Großzügigkeit" über Einsatzzeiten und Entlohnung ihrer Hilfskräfte entscheiden.

Der Preis wird gedrückt

Dass Spargel jetzt teurer werden muss, halten Marktbeobachter für Unsinn. Bei einem Erntehelfer, der 20 Kilogramm pro Stunde aus der Erde holt, wirkt sich die Lohnsteigerung kaum auf den Ladenpreis aus. Selbst wenn er jetzt 3 Euro mehr bekäme, macht das pro Kilo gerade mal 15 Cent. Außerdem bestimmen nicht die Bauern den Preis, sondern Angebot und Nachfrage. Und da machen sich die Produzenten selbst das Leben schwer. Sie überfluten den Markt und drücken so die Preise. Zum einen verlängern sie die Erntesaison künstlich durch Wärmefolien wie in Walbeck. Zum anderen weiten sie die deutsche Anbaufläche stetig aus. 2014 waren es erneut fünf Prozent mehr.

Dieses Jahr werden um die 140 000 Tonnen heimischen und importierten Spargels angeboten: 1,75 Kilogramm für jeden Deutschen – deutlich mehr als die etwa anderthalb Kilogramm, die er im statistischen Mittel verzehrt.

Bauer Kisters und Kollegen werden mit dem "Monstrum" leben müssen. Detaillierte Regeln sollen verhindern, dass sie über Wohn- oder Essenskosten die Löhne kleintricksen. Und verstärkte Kontrollen sollen dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden. Allein beim Hauptzollamt Krefeld rücken jetzt 170 Leute gegen Mindestlohn-Brecher aus. Alwin Bogan vom Zoll warnt: "Jeder Bauer muss damit rechnen, dass wir irgendwann bei ihm auftauchen."

  • Rolf-Herbert Peters