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Maschinenbau: ... und es hat Booooom gemacht

Deutschland hat Angst vor dem Abschwung. Ganz Deutschland? Die Auftragsbücher der Maschinenbauer sind noch immer voll. Besuch bei einem Betrieb im Ausnahmezustand.

Von Beate Flemming

Freitagmittag. An der Transportkette aufgereiht schweben oberschenkelgroße Getriebe an Helmut Frank vorbei. Eigentlich hat der Lackierer der Wittenstein AG in Igersheim gleich Feierabend. Aber die Kette will einfach nicht abreißen. Der Produktionsleiter hat schon wieder eine dritte Schicht angehängt. Da wird Frank wohl mal wieder eine Überstunde draufpacken. Macht nichts, sagt Frank. Anfang 2007 war er noch ein 59-jähriger arbeitsloser Lackierer. Er schickte eine Blindbewerbung an die Wittenstein AG. Volltreffer, im März ging es los, zwei Wochen später feierte er seinen 60. Geburtstag - und diesen Job. Der kommt Frank vor "wie ein Sechser im Lotto". Das Wunder von Wittenstein ist das aber nicht. Sondern ganz normal. Kollegen, die damit drohen, in Rente zu gehen, werden zum Gespräch in die Personalabteilung gebeten und dort aufgefordert, in Teilzeit weiterzuarbeiten. Erich Samper zum Beispiel ist 69 und wuselt drei Tage pro Woche durch die sechs Produktionshallen, erfindet baumgroße Maschinen und tüftelt an der Frage herum, wie man wohl eine Fehlerquote von null hinkriegt.

Der Chef hat Sampers Kopf kürzlich in Bronze gießen lassen, er steht im Eingangsfoyer der Firmenzentrale. Die liegt im Industriegebiet von Igersheim-Harthausen, auf der grünen Wiese zwischen Bad Mergentheim und Würzburg. Mitten im Wirtschaftswunderland: Der deutsche Maschinenbau durchlief 2007 das vierte Rekordjahr in Folge - und 2008 soll noch einmal besser werden. Mal wieder wurde Deutschland Exportweltmeister. Gut 2,5 Prozent Wachstum erreichte die Wirtschaft 2007. Und 2008 soll es weiter aufwärtsgehen, wenn auch Dollar-, Öl- und Finanzmarkt-Krise das Wachstum auf 1,9 Prozent abbremsen – so die Prognosen der Wirtschaftsforscher. Die Wittenstein AG gehört schon jetzt zu den Super-Gewinnern. Seit sieben Jahren wächst das Unternehmen jährlich um mehr als 20 Prozent. Im August gingen mal wieder zehn Prozent des Gewinns an die Mitarbeiter, jeder bekam drei Prozent seines Jahresgehalts obendrauf. Die Auftragsbücher sind voll, die Pläne gehen bis ins Jahr 2011. Schließlich heißt das Firmenmotto: "Wir denken an Lösungen, die noch nicht existieren."

Überall wird umgeräumt, aufgebaut, neu organisiert

Die Tüftler und Schaffer aus Igersheim entwickeln und produzieren mechatronische Antriebssysteme. Die werden in Knochen von Schiefwüchsigen eingepflanzt, um diese sanft zu strecken. Elektromagnetische Servo-Antriebe für Öl- und Erdgasventile arbeiten in 3000 Meter Tiefe auf dem Meeresboden oder helfen der Ariane-5-Rakete auf den Weg. Exportquote: 60 Prozent, 60 Vertretungen und Töchter in 40 Ländern. 1200 bis 1500 Aufträge gehen pro Woche in Igersheim ein, überall wird umgeräumt, aufgebaut, neu organisiert. Die Rolltore zwischen den sechs Hallen fahren nonstop auf und ab. Die Überstundenkonten sind randvoll. Halle drei fährt die Sechs-Tage-Woche, viele Maschinen wurden "geisterschichtfähig" gemacht: Der Arbeiter bestückt sie kurz vor Feierabend, so kann die Maschine noch zwei Stunden weiterwerkeln und Kollege Mensch endlich ins Bett. Produktionsleiter Peter Lesch träumt von der "One Stop Production". Das heißt, die Produktionskette möglichst so zu organisieren, dass das Produkt auf dem Weg zum Kunden höchstens einmal anhält, sprich: Platz verschwendet. Die Speditionen werden auf früher bestellt, lassen ihre Hänger da, die Wittensteiner schaffen bis zur Abholung direkt in sie rein. Statt die sechs Arbeitsschritte von "Bereitstellen" bis "Versenden" auf viele Hallen und Montagegruppen zu verteilen, soll bald alles von jeweils einer Arbeitsgruppe erledigt werden.

Die Aufgaben für die nächste Woche werden bei Wittenstein statt bisher Montagfrüh Freitagnachmittag besprochen, "damit die Mitarbeiter ihre Wochenendgestaltung dementsprechend anpassen", so Lesch. Offiziell arbeitet er 37, in Wirklichkeit nie unter 50 Stunden pro Woche. Die Entwicklungsingenieure werden aus der Verwaltung in die Produktion verlegt: spart Wege. Und der Kaffeeautomat, an dem sich Monteure und Ingenieure austauschen: "Bringt 20 Prozent mehr Produktivität", sagt Lesch. Über den Aschenbechern neben den Ausgangstüren hängen Schilder. Sie fordern die Raucher auf, ihre suchtbedingten Auszeiten zugunsten des Wirtschaftswunders möglichst kurz und selten zu halten. Zeit ist schließlich Geld. Die angedachte Lieferzeit von 15 Tagen ab Auftragseingang droht sich wegen des derzeitigen Booms fast zu verdoppeln. Und die Kundenbetreuung leidet, sagt Dieter Derr, Vertriebsleiter Nord- und Südamerika. Kümmert man sich um die Stammkunden, bleibt keine Zeit für die Erschließung neuer Märkte.

Nicht gut, weil 85 Prozent aller Produkte Neuentwicklungen sind. Kümmert man sich um neue Kunden, sind die Stammkunden beleidigt. Auch nicht gut. Klar, mehr Leute schaffen mehr weg und holen mehr ran. Aber: Woher sollen die kommen? Wittenstein stellte vergangenes Jahr 150 Menschen zusätzlich ein, jetzt sind es insgesamt 1250. Bald gibt es eine richtige Kantine und nicht mehr dieses aluverpackte Flugzeugessen. Ein Punkt mehr für Personalleiter Michael Geier, studierter Theologe und Hobby-Pianist. Der spielt fortissimo "die gesamte Klaviatur des Personal-Marketings": Ausschreibungen auf der Homepage, Inserate in den Internetjobbörsen und regionalen bis überregionalen Zeitungen. Und, na gut, Geier räuspert sich verlegen: "Headhunter." Aber selbst die sagen: "Ein Vertriebsingenieur? Vergessen Sie’s", sagt Geier. Manche Stellen bleiben ein Jahr vakant. Konstruktions-, Entwicklungs-, Vertriebsingenieure: "Der Markt ist praktisch leergefegt", berichtet Geier. Der im Moment heiß begehrte Ingenieursnachwuchs macht gerade die Zwischenprüfung an der Uni. Und, ehrlich gesagt, noch heißer begehrt sind die mit schon ein bisschen Erfahrung. Pro Woche rufen fünf Headhunter in der Entwicklungsabteilung an.

"Zu wachsen ist für uns ganz normal"

"Das sind Firmen, die nicht die Vorratshaltung betreiben wie wir", ärgert sich Manfred Wittenstein. Aber nur ein bisschen. Die Augen des 65-Jährigen strahlen blau. Er pumpt sich einen Kaffee aus der Thermoskanne, beißt in einen herzförmigen Keks. Super Laune. Alles läuft nach Plan. Ach was, besser: Im laufenden Geschäftsjahr wird der Umsatz zweistellig steigen. Auf wahrscheinlich, neuer Rekord, knapp 170 Millionen Euro. Proportional dazu wächst der Gewinn. Trotz des miesen Dollars, trotz der gestiegenen Stahl-, Kupfer-und Ölpreise. Man exportiert mehr nach Europa und kauft mehr zu günstigen Dollar-Preisen ein. Vor dem Fenster bis hinten zum Waldrand, wo ein alter Bolzplatz ist, wird Wittenstein demnächst sechs neue Produktionshallen bauen, rechterhand wird gerade die "Talent Arena", das neue Ausbildungszentrum, fertig, in Rumänien entsteht ebenfalls eine Produktionshalle für die Motor-Spindeln, die viel Handarbeit erfordern, also in Deutschland zu hohe Lohnkosten. "Alle fünf Jahre haben wir uns verdoppelt, umsatz- und mitarbeitermäßig", sagt Wittenstein. Deshalb brach im jüngsten Boom nur das übliche Chaos aus. "Zu wachsen ist für uns ganz normal", sagt der Chef. Er bleibt cool.

Wittenstein fördert seit Jahren Studenten mit Stipendien und versucht, sie so an sich zu binden. Die Ausbildungsquote beträgt elf Prozent. In Zahlen: 137 von 1250. Man muss sich, berichten Ex-Lehrlinge, schon sehr bescheuert anstellen, wenn man nach der Ausbildung kein Angebot bekommt. Zum Wintersemester installierte und finanziert Wittenstein an der nahegelegenen Berufsakademie Mosbach einen eigenen Studiengang "Vertriebsingenieur". Der kluge Chef sorgt vor. Tobias Schwing, 28, ist ein Ex-Wittenstein- Student und schon Vertriebsleiter Asien. Thomas Hornung, 23, frisch diplomierter Wirtschaftsingenieur, kann sich nicht vorstellen, sich je abwerben zu lassen: "Meine Freunde wohnen hier, und zu einem guten Teil arbeiten sie auch hier." Die Wittensteiner mit Anzug tragen stolz die eine Anstecknadel im Revers, die an einen Ventilator erinnert. Als der Chef, selbst Wirtschaftsingenieur, in den Siebzigern die Firma von seinem Vater übernahm, stellte sie Handschuh-Nähmaschinen her und stand vor der Pleite. Die einzige weibliche Angestellte war eine Sekretärin, die Weihnachtsfeiern waren Saufgelage, erinnert sich der Chef. Das alles will er nie wieder. Die Mitarbeiter, Durchschnittsalter 34, bekommen die auf dickem Papier gedruckte Broschüre mit der Unternehmensphilosophie ("Wir bekennen uns zur Verantwortung gegenüber unserer Zukunft und der Gesellschaft") in die Hand gedrückt.

"Ich muss langfristig denken"

Ob sie die auch lesen? Wichtig ist dem Chef zunächst, dass seine stetig neu hinzukommenden Mitarbeiter erst mal lernen, den Empfangsdamen ein freundliches "Guten Morgen!" entgegenzuschmettern. Der Rest liegt in der Zukunft, aber die hat Wittenstein fest im Griff. "Ich muss langfristig denken", sagt der frisch gekürte Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen-und Anlagenbau (VDMA). Deshalb bringt die US-Immobilienkrise die Firma bislang auch nicht in die Bredouille. Dabei hätte sie es können. Der Einbruch auf dem US-Immobilienmarkt führte zum Beispiel dazu, erklärt Vertriebsleiter Derr, dass sich weniger Amerikaner Küchen in ihre Häuser einbauen. Die Marmorplatten für diese nicht eingebauten Küchen bleiben in den Baumärkten liegen, die Maschinen, die sie folglich nicht mehr zersägen, haben einen Antrieb von Wittenstein. Der Sägenhersteller stornierte. Dazu noch die Airbus-Krise: Für die Container-Rollenantriebe im Frachtraum und die Türöffnungsmotoren war Wittenstein in Vorleistung gegangen. Nun verzögert sich das A-380-Projekt, "anderen Firmen hätte das schon das Genick gebrochen", sagt Produktionsleiter Lesch. Für Wittenstein nicht so schlimm. "Wir nutzen sofort die frei gewordenen Kapazitäten." Klar, nach so viel aufwärts muss es jetzt aber wieder abwärts gehen, unkt es derzeit aus allen Ecken. Manfred Wittenstein hat keine Angst vor 2008: "Wir machen unsere eigene Konjunktur."

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