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Medien: Die Trickfilmer

Der mächtige Medienmanager Michael Grabner, Vize im Holtzbrinck-Verlag, war privat Aufsichtsrat einer TV-Firma. Die ist nun pleite und fordert Schadenersatz.

Michael Grabner ist ein Manager, wie ihn sich Firmeneigner wünschen: schnell, ideenreich und, wenn nötig, giftig im Ton. Stefan von Holtzbrinck, der Erbe eines der größten deutschen Medienkonzerne, der Stuttgarter Verlagsgruppe Holtzbrinck ("Zeit", "Wirtschaftswoche", "Handelsblatt", "Tagesspiegel"), hält deshalb große Stücke auf den 55-Jährigen. Grabner ist als stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung der wichtigste Mann nach der Verlegerfamilie und damit einer der mächtigsten Medienmanager des Landes. Er pflegt auch Kontakte in die Politik, zurzeit besonders zu Wirtschaftsminister Wolfgang Clement. Von dem braucht Holtzbrinck eine Sondererlaubnis, um die vom Verlag Gruner + Jahr, in dem auch der stern erscheint, erworbene "Berliner Zeitung" trotz Kartellbedenken behalten zu dürfen.

Nebenher umgab sich der umtriebige Wiener, wie erst jetzt auffällt, mit glücklosen Geschäftsfreunden: Grabner war, privat, Aufsichtsrat einer kleinen Medienfirma in München. Ein Engagement, das ihn teuer zu stehen kommen kann. Denn das Unternehmen, um das er sich kümmern sollte, steht im Verdacht, Schauplatz von Betrug und Schieberei gewesen zu sein. Gegen Grabner und andere ehemalige Verantwortliche der Firma liegt eine Klage auf Schadenersatz über insgesamt 750.000 Euro durch die inzwischen insolvente Firma vor, davon allein 667.000 Euro gegen Grabner als Gesamtschuldner. Insolvenzverwalter Carlos Mack will die Klage weiter verfolgen.

Zusätzlich ermittelt die Münchner Staatsanwaltschaft auf Anzeige der Firma gegen den Gründer und ehemaligen Vorstandschef des Unternehmens, Andreas Gaiser, und die Ex-Aufsichtsräte Hans Harrer, Reinhard Tvarocska sowie Grabner wegen des Verdachts der Untreue, wie Oberstaatsanwalt August Stern bestätigte: "Das Ermittlungsverfahren ist in vollem Gange." Grabner und Gaiser gaben gegenüber dem stern an, von den Ermittlungen nichts zu wissen.

Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen drei Beraterverträge, welche die Münchner Trickfilm-Produktionsfirma Asset Media International AG - hier war Grabner bis Sommer 2001 stellvertretender Aufsichtsratschef - mit zwei Firmen und einer Einzelperson abgeschlossen hat. Den dicksten Vertrag zog die Wiener Werbefirma Asset Marketing GmbH an Land. Pikant: Hier war Grabner bis September 2001 dabei - als Co-Geschäftsführer.

Aus Sicht des Anwalt Lars Veit von der Münchner Kanzlei Heeren & Partner, welche die Klägerin vertritt, handelte es sich in allen drei Fällen um Scheinverträge, durch die die Taschen der Investoren der Asset Media AG insgesamt um Millionen erleichtert und die des damaligen Vorstandschefs Gaiser und der Ex-Aufsichtsräte Harrer und Tvarocska gefüllt wurden; Grabner wird keine Bereicherung vorgeworfen. "Gerade mal ein halbes Jahr nach der Kapitalzuführung" durch neue Geldgeber sei die AG aufgrund der Finanztricks "insolvenzreif" gewesen, heißt es in der Schadenersatzklage, die dem stern vorliegt. Gaiser & Co hätten das Geld der Anleger "systematisch" abgezogen. Insolvenzverwalter Mack kommt in seinem Bericht zum selben Ergebnis: "Mit hoher Wahrscheinlichkeit" seien "durch Scheinverträge und Scheinrechnungen" Investitionsgelder "abgeschöpft" worden. Die Betroffenen bestreiten das. Gaiser kündigt gegenüber dem stern an, die Vorwürfe "in allen Punkten" widerlegen zu wollen. Sämtliche Vertragsleistungen, behauptet auch Grabner, seien erbracht worden, die Vergütung sei "angemessen und marktüblich" gewesen.

Dem Holtzbrinck-Mann wirft die Klägerin vor, er habe seine Aufsichtspflichten als Vize-Aufsichtsratschef "nicht einmal im Ansatz" wahrgenommen und die Verträge nicht verhindert. Grabner bestreitet auch dies. Er habe "seine Aufgaben als Aufsichtsratsmitglied voll und ganz erfüllt", heißt es in der Klageerwiderung.

Der Fall der Asset Media ist auch die Geschichte einer Männerfreundschaft zwischen dem österreichischen Magister Michael Grabner und dem Ex-Kellner und Werber Andreas "Andy" Gaiser. Als sich beide Anfang der neunziger Jahre kennen lernten, war Grabner ein aufstrebender Verlagsmann in seiner Heimat, "Andy" hatte viele Ideen und Freunde jedweder Reputation. 1993 gründete Gaiser die Asset Marketing GmbH. Grabner war als Co-Geschäftsführer mit von der Partie. Er habe es sich "zur Aufgabe gemacht, Jungunternehmern zu helfen", so der Manager zum stern. In der GmbH habe er kostenlos "am Wochenende gewirkt". Holtzbrinck sei informiert gewesen.

Im Frühjahr 2000 stieg Gaiser zudem mit der Asset Media International AG ins Filmgeschäft ein. Den Chefsessel im Vorstand nahm Großaktionär Gaiser selbst ein, weitere Mitstreiter fand er im Bekanntenkreis. Doch die Firma kam nie richtig in Gang, Trickfilme wurden kaum produziert. Dafür war die Aktiengesellschaft umso rühriger beim Werben von Geldgebern. Schnell waren bei Investoren über drei Millionen Euro eingesammelt. Das eröffnete Spielraum für einen starken Auftritt: Die erfolglose Filmcrew hielt Hof auf einer Yacht bei einer TV-Messe an der Cote d'Azur. Gaiser ließ sich bei der Gelegenheit im T-Shirt mit der Aufschrift "Ich Chef, Du nix" fotografieren. Doch lukrative Filmdeals blieben aus. Umsätze 2000 und 2001 nach stern-Informationen: praktisch null. Dagegen standen Millionenausgaben. Erst 2002 kamen etwas Geld in die Kasse, doch das Minus wuchs weiter.

Grabners Duzfreund Gaiser soll trotzdem kräftig kassiert haben. Laut Klageschrift verfügte er über eine Firmenkreditkarte, über die er in weniger als einem Jahr 50.000 Euro Spesen abrechnete. Vor allem aber wirft das Unternehmen seinem Ex-Chef vor, er habe Geld aus der Aktiengesellschaft über einen Scheinvertrag etwa mit der eigenen Wiener Marketingfirma abgezogen. Die Asset Marketing habe der Aktiengesellschaft "rund DM 1 Mio." ungerechtfertigt für Beraterleistungen in Rechnung gestellt, so die klagende Pleite-AG. Gaiser und Grabner bestreiten das. Die Asset Marketing GmbH sei "für das gesamte Marketing" der AG verantwortlich gewesen und habe "sogar internationale Auszeichnungen" erhalten, heißt es in Grabners Klageerwiderung. "Was Asset Marketing für den Start von Asset Media geleistet hat, ist sicher beispielhaft", schrieb Grabner schon im Januar 2002 an die misstrauische neue Führung der Aktiengesellschaft - pikanterweise auf Briefpapier von Holtzbrinck.

Im Mai 2001 musste Gaiser auf Druck eines Großinvestors zurücktreten. Kurz darauf wurde Grabner die Mehrfachbelastung zu viel, und er zog sich aus dem Aufsichtsrat zurück. Auch mit der Wiener Marketinggesellschaft hat Grabner heute nichts mehr zu tun. Der Holtzbrinck-Manager bestreitet in seiner Klageerwiderung, "im Zeitpunkt der Zahlungen" von den umstrittenen Verträgen oder deren Inhalten gewusst zu haben. Selbst von den Zahlungen an die Asset Marketing GmbH, deren Geschäftsführer er war, will Grabner erst "kurze Zeit vor dem 06.06.2001", also nach deren Auslaufen, erfahren haben. Gaiser habe sich "nahezu" allein ums Tagesgeschäft gekümmert. Grabner räumt lediglich ein, dass er an keiner einzigen Aufsichtsratssitzung der Asset Media AG teilgenommen habe. Als Grund führen seine Anwälte Zeitnot an: "Der Beklagte war aufgrund seiner Geschäftsführertätigkeit bei Holtzbrinck außerordentlich beschäftigt." Eine Pflichtverletzung liege trotzdem nicht vor: "Allein aus dem Umstand, dass er bei den einzelnen Aufsichtsratssitzungen nicht persönlich anwesend war, können keine Rückschlüsse auf die ordnungsgemäße Wahrnehmung der Aufgaben seines Amtes gezogen werden", heißt es weiter.

Detailliert listet Grabner auf, wie er sich um die Firma gekümmert habe: viel telefoniert, Aufsichtsratsprotokolle "intensiv" studiert, schriftlich mit abgestimmt, neun persönliche Gespräche mit Gaiser, Aufsichtsratskollegen und Geschäftspartnern geführt. Gern traf sich Grabner dabei in Wiener Restaurants. Mal frühstückten die Herren im "Salettl". Mal speisten sie im feinen "Do & Co". Und mal traf man sich in der "Cantinetta Antinori", wo man auch gut isst.

Rupp Doinet, Rudolf Lambrech, Johannes Röhrig, Frank Thomsen / print