Berliner Zeitungsstreit Showdown beim Minister


Vertreter dreier Medienkonzerne treffen sich in Berlin zum entscheidenden Schlagabtausch vor Minister Clement: Darf die Holtzbrinck-Gruppe die 'Berliner Zeitung' trotz Konkurrentenprotest kaufen?

Der Kampf um die Neuordnung des Zeitungsmarktes in Berlin geht in die entscheidende Runde. Im Streit um die Übernahme der 'Berliner Zeitung' durch den Holtzbrinck-Verlag werden heute die Vertreter von drei Medienkonzernen in einer öffentlichen Anhörung Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) Rede und Antwort stehen. Das Stuttgarter Medienhaus, dem das Konkurrenzblatt 'Der Tagesspiegel' gehört, hat nach einem Veto der Kartellwächter Clement um eine Sondererlaubnis für den Kauf der 'Berliner Zeitung' gebeten.

Der Minister hat eine schnelle Entscheidung angekündigt. Er sei in keiner Richtung festgelegt, sagte Clement zu Beginn der Anhörung in Berlin. Nach stundenlangen Wortgefechten der drei Verlage musste jedoch auch der Minister am Nachmittag einmal Luft holen. Er legte eine 15-minütige "Denkpause" ein, nachdem Vertreter des Holtzbrincks-Verlags auf die Frage nicht antworteten, ob sie den 'Tagesspiegel' tatsächlich verkaufen wollten. Am Ende ging es bei der Anhörung zum Berliner Zeitungsstreit zu wie auf einem Bazar. Als der Holtzbrinck-Verlag seine Bestandsgarantie für den 'Tagesspiegel' auf 20 Jahre erhöhte, zog Verleger Heinz Bauer sofort nach. Zuvor hatte Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) die "Herren Verleger" aufgefordert, endlich Ross und Reiter zu nennen und ihre wahren Absichten in der Hauptstadt zu offenbaren.

Clement hat Holtzbrinck ('Die Zeit', 'Handelsblatt') eine Forderung gestellt: Der Verlag müsse glaubwürdig darlegen, dass er alles unternommen habe, um den 'Tagesspiegel' zu verkaufen. Mit einem Verkauf des 'Tagesspiegels' bei gleichzeitigem Erwerb des ehemals zu Gruner + Jahr gehörenden Berliner Verlages soll eine beherrschende Stellung der Stuttgarter bei den Abo-Zeitungen der Hauptstadt verhindert werden. Zum Berliner Verlag gehören neben der 'Berliner Zeitung' das Boulevardblatt 'Berliner Kurier' und das Magazin 'tip'.

Verleger Heinz Bauer bekundet sein Interesse persönlich

Holtzbrinck hatte das Bankhaus Sal. Oppenheim mit der Käufersuche beauftragt, jedoch erklärt, ein Interessent für den defizitären 'Tagesspiegel' sei unter den vom Ministerium verlangten Bedingungen für den Erhalt der Zeitung nicht aufzutreiben. Ohne Erlaubnis und die aus der Verlagsfusion erhofften Einsparungen müsste laut Holtzbrinck der 'Tagesspiegel' schließen.

Das sieht der Verleger Heinz Bauer anders. Er hat Interesse am Hauptstadt-Blatt angemeldet und will an diesem Montag in Berlin seine Offerte persönlich vortragen. Bauer ('Bravo', 'tv hören und sehen' ) soll 20 Millionen Euro und eine Bestandsgarantie von bis zu sieben Jahren für den 'Tagesspiegel' in Aussicht gestellt haben. Die Zeitung soll Verluste von 84 Millionen Euro angesammelt haben. Auch bei der Axel Springer AG stoßen die Übernahme-Pläne aus Stuttgart auf erbitterten Widerstand. Europas größtes Zeitungshaus sieht bei einer Verlagsfusion die Stellung ihres publizistischen Flaggschiffes 'Die Welt' sowie die 'Berliner Morgenpost' bedroht. Springer hat die Redaktionen beider Blätter aus Kostengründen und angesichts der Krise auf dem Mediensektor zusammengelegt.

Showdown wie in einem Westernfilm

Am Montagmorgen war Stefan von Holtzbrinck persönlich in die Runde gesprungen, um auf die scharfen Fragen im Stakkato-Ton von Clement selber zu antworten. Ja, sein Haus sei bereit, weit reichende Sicherheiten abzugeben, um mit der Übernahme der 'Berliner Zeitung' auch noch das Konkurrenzblatt 'Der Tagesspiegel' behalten zu dürfen. Das Bauer-Angebot sei unseriös und schiele auf eine schnelle Zerschlagung der Zeitung. 'Der Tagesspiegel' sei ohne Verlagsfusion mit der 'Berliner Zeitung' zur Schließung verdammt. Er erwarte nach dem Veto der Kartellwächter Clements Sondergenehmigung.

Da hielt es Bauer nicht auf der Bank. Aus dem Stand verteidigte er vehement sein Angebot, wies Vermutungen über gezinkte Karten zurück, bot 20 Millionen Euro und sicherte dem 'Tagesspiegel' zunächst eine 7-jährige Bestandsgarantie zu - die er wenige Stunden knapp verdreifachte. Andernfalls sei er bereit, 10 Millionen Euro Vertragsstrafe zu berappen. Im vollbesetzen Hörsaal des Bundeswirtschaftsministeriums waren zwei der wichtigsten Verleger Deutschlands zum "Showdown" zusammengekommen. Clement kam dabei die Rolle des gestrengen Schiedsrichters zu.

Stundenlange Wortgefechte

Rund 150 Manager, Regierungsbeamte und Journalisten hatten dem stundenlangen Wortgefecht der Verlagsanwälte über Marktanteile, Stiftungsmodelle, Pressevielfalt und Verträge verfolgt. Bis Clement der Kragen platzte: "Jetzt muss mit der Taktik endlich Schluss sein", forderte der Minister Bauer und Holtzbrinck auf, Tacheles zu reden. Als Bauer die Holtzbrinck-Leute direkt fragte, ob das Stuttgarter Medienhaus überhaupt den 'Tagesspiegel' verkaufen wolle, legte sich Stille über den Raum. Clement ordnete ein 15-minütige Denkpause an.

Danach ging alles sehr schnell. Als beide Verleger ihre ultimativen Angebote auf den Tisch legten, zeigte sich Clement zufrieden. Er werde nun schnell über die von Holtzbrinck beantragte Sondererlaubnis entscheiden. Mit keinem Wort ließ der frühere Chefredakteur der «Hamburger Morgenpost» erkennen, auf welcher Seite sein Herz und sein Verstand im Berliner Zeitungsstreit sind.

Markt für drei Abo-Zeitschriften ist eng

Unter den Abo-Zeitungen der Hauptstadt rangiert die 'Morgenpost' mit 150.000 Exemplaren hinter der 'Berliner Zeitung', die jeden Tag rund 193.000 Exemplaren verkauft. Der 'Tagesspiegel' setzt täglich 139.000 Exemplare ab. Experten sehen den Platz für drei Abo-Zeitungen in der Hauptstadt als extrem eng an. Sollte Clement den Kauf genehmigen, will Springer gegen eine 'Lex Holtzbrinck' vor Gericht ziehen.

Anfang vergangener Woche hatte die Monopolkommission bereits erklärt, Holtzbrinck habe nicht nachweisen können, dass 'Der Tagesspiegel' unverkäuflich ist. Damit fehle die Voraussetzung für eine Sondererlaubnis. Clement ist an die Empfehlung nicht gebunden.


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