HOME

Mercedes-Arbeiter: Zwischen Wut und Verständnis

Die schlechte Nachricht hatten viele Mercedes-Arbeiter schon länger erwartet. Dennoch schwankt die Reaktion der Belegschaft auf den geplanten Stellenabbau zwischen Wut und Verständnis.

Die Mercedes-Arbeiter waren gewappnet, die Nachricht über den Stellenabbau kam nicht überraschend. "Es war klar, dass es irgendwann so kommt. Die Auftragslage ist halt schlecht", sagte ein 23 Jahre alter Industrie-Elektroniker am Donnerstagvormittag auf dem Weg zur Betriebsversammlung. Die Reaktionen auf den geplanten Abbau von 8500 Stellen in Deutschland schwankten an diesem Morgen zwischen Verständnis und Wut.

"Ausbaden tut's die Mannschaft"

Etliche Beschäftigte sind zornig. "Irgendwo stimmt das Verhältnis halt nicht mehr", empörte sich Mercedes-Mitarbeiter Werner Enziger. "Wenn unsere Führung irgendwelche Fehler macht, dann dankt sie ab, und gut war’s. Und ausbaden tut's der Betrieb oder die Mannschaft. Das ist so nicht in Ordnung." Nur ändern könne man nichts.

"Natürlich hat jeder Angst um den Job", beschrieb Mercedes-Mitarbeiterin Waltraut Lichtenberger die Stimmung in Sindelfingen. Ihr Kollege Norbert Schulz klagte: "Man weiß nicht, was auf einen zukommt. Die Lage in Deutschland sieht ohnehin schlecht aus. Das Land ist gerade nicht regierbar. Es ist überhaupt eine schlechte Stimmung im Land."

Kleiner Trotst: die Abfindung

Positiv sehen viele, dass die Beschäftigten, die gehen, immerhin Abfindungen bekommen sollen. Eine Summe von 100.000 Euro, die im Gespräch sei, halte er aber nicht für ein attraktives Angebot, sagte ein Mercedes-Mitarbeiter unmittelbar vor der Betriebsversammlung.

Manche nahmen aber auch das Management in Schutz. "Es ist immer einfach, hinterher Schuldzuweisungen zu machen", gab Kollege Wolfgang Nagel zu bedenken. "Die Situation ist schwierig. Entscheidend ist, dass wir wieder auf einen vernünftigen Zweig kommen, dass man sieht, wie es weitergeht", fügte er hinzu.

Ein langjähriger Mercedes-Arbeiter äußerte sich verbittert, dass am Mittwoch nach Bekannt werden des Stellenabbaus der Aktienkurs des Mutterkonzerns DaimlerChrysler auf den höchsten Stand seit drei Jahren schoss. "Solange die Aktionäre zufrieden sind, ist alles okay", sagte der Mann, der seit 33 Jahren bei Mercedes in Sindelfingen arbeitet.

Gedrückte Stimmung in Sindelfingen

Die Meldung über den geplanten Stellenabbau sorgte allerdings nicht nur für gedrückte Stimmung. Die Mitarbeiter in dem am meisten betroffenen Werk Sindelfingen zeigten sich vor allem erstaunt über das Ausmaß des Jobabbaus. Mercedes-Chef Dieter Zetsche will heute auf einer Betriebsversammlung die Pläne des Vorstands genauer erläutern.

In Sindelfingen sind 31.000 Mitarbeiter in der Autoproduktion beschäftigt. Das Werk soll ein Schwerpunkt der Stellenstreichungen bilden. Mercedes-Mitarbeiter Harald Fuhrner sagte am Morgen beim Schichtwechsel, er sei nicht überrascht über den Personalabbau. "Für Sindelfingen wird es harte Einschnitte geben", meinte er. Sein Kollege Thomas Lutz erklärte, er habe keine Angst um seinen Arbeitsplatz. "Es geht immer mal wieder bergab und wieder bergauf", erklärte er. Ein 50 Jahre alter Mitarbeiter der Presserei sagte, der Konzern wolle die Mitarbeiter "so billig wie möglich" loswerden. "Es wird wahrscheinlich nicht hinhauen, dass so viele Leute freiwillig gehen", erklärte er. Ein 42-Jähriger erklärte, er mache sich Sorgen um seinen Arbeitsplatz. Er habe Angst um seine Stelle.

Die Mitarbeiter sollen durch freiwillige Vereinbarungen sozialverträglich aus dem Unternehmen ausscheiden. In einem Brief an die Mitarbeiter erklärte Zetsche, die Geschäftsleitung habe in den vergangenen Monaten "wirklich alle Möglichkeiten untersucht". Die bereits erzielten Einsparungen änderten nichts daran, dass die Kapazitäten und damit die Beschäftigtenzahl entsprechend angepasst werden müsse. Betriebsbedingte Kündigungen sind bei Mercedes in Deutschland bis zum Jahr 2012 ausgeschlossen. Das hatten Gewerkschaft und Vorstand in harten Verhandlungen im vergangenen Sommer vereinbart.

IG Metall überrascht vom Jobabbau

Der zweite Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber, hat sich überrascht von den Plänen zum Stellenabbau bei Mercedes gezeigt. "Ich bin über den konkreten Fortgang und die konkrete Zahl überrascht", so Huber im Deutschlandfunk. Es habe zwar geheißen, dass es bei Daimler-Chrysler Arbeitsplatzüberhänge gebe und die Geschäfte bei der Mercedes Car Group nicht so gut gelaufen seien wie geplant. "Aber die Zahl achteinhalb tausend, die im Raume schwebt und genannt worden ist, ist bis dato nicht unterfüttert mit klaren Maßnahmen, mit konkreten Problemaufrissen, mit konkreten Zukunftslösungen." Deshalb erlaube er sich, die Zahl in Frage zu stellen, sagte Huber weiter.

Er fühle sich durch die Planungen für das Werk Sindelfingen nicht getäuscht, sagte Huber. "Das wäre jetzt zu weit gegriffen." Die Vereinbarungen über den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen stehe in ihrer Substanz, auch wenn die Frage von Personalüberhängen bei Mercedes noch nicht aus der Welt sei.

Stellenabbau innerhalb von zwölf Monaten

Mercedes-Chef Dieter Zetsche hat den geplanten Abbau verteidigt und angekündigt, dass "noch ein langer und harter Weg" vor dem Unternehmen liege. In einem Brief an alle rund 93.000 Mitarbeiter der Mercedes Car Group in Deutschland erklärte Zetsche: "Unsere Kosten liegen in allen Teilen der Wertschöpfungskette deutlich über denen der besten Wettbewerber." Angesichts der aktuellen Markt- und Wettbewerbssituation seien die Kapazitäten deutlich zu hoch.

Der Daimler-Chrysler-Konzern will in den nächsten zwölf Monaten den Stellenabbau über die Bühne bringen. Den Beschluss zur Stellenstreichung hatte der in Detroit tagende Vorstand gefasst. Durch die Entscheidung des Daimler-Chrysler-Vorstands werden nach Angaben des Unternehmens Belastungen von 950 Millionen Euro entstehen. In die Sanierung von Smart und Mercedes fließen in diesem Jahr mehr als zwei Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2005 waren es bereits 1,1 Milliarden Euro.

Ergebnisausblick

Der größte Teil der Belastungen durch den jetzt angekündigten Stellenabbau soll durch außerordentliche Beträge sowie durch Ergebnisverbesserungen im operativen Geschäft kompensiert werden. Der Ergebnisausblick für den Daimler-Chrysler-Konzern im Jahr 2005 bleibe deshalb unverändert, hieß es. Die Daimler-Chrysler-Aktie legte am Mittwoch an der Frankfurter Börse um 3,92 Prozent auf 45,65 Euro zu. Das war der höchste Kurs seit mehr als drei Jahren.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters