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Massiver Preisverfall Mehr Milch als Markt


Milch ist gesund, Milch ist lecker und Milch ist zurzeit sehr günstig. Was den Verbraucher freut lässt die Bauern stöhnen - und am 7. September in Brüssel protestieren. 

Für ihre Milch bekommt die Landwirtin Christa Disch aus dem Schwarzwald nach eigenen Angaben so wenig Geld, dass ihre Kosten nicht mehr gedeckt sind. Aus der Milchproduktion sei ein Zuschussgeschäft geworden, schimpft Disch. Und das gefährde ihren Familienbetrieb. Gemeinsam mit ihrem Mann und den drei Kindern ist sie darum am Freitag nach Freiburg im Breisgau gereist, um gegen den Preisverfall bei Milch zu protestieren.

Absatzmarkt Russland ist weggebrochen

Mehr als 100 Landwirte aus Baden-Württemberg und Frankreich haben sich in der Innenstadt versammelt, direkt am Hauptbahnhof reiht sich Traktor an Traktor. Bis nach München wollen die Bauern in den nächsten Tagen fahren, als Teil einer Sternfahrt mit vier Routen durch ganz Deutschland.

Die Landwirte erlebten die dritte Milchkrise in sechs Jahren, ruft Matthias Maier vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) ins Mikrofon. "Auf gut Badisch: Mir habe die Schnauze voll." In den vergangenen Monaten sind die Milchpreise drastisch gesunken, weil zu viel Milch produziert wird. Im Zuge der EU-Agrarreform war die Milchquote zum 1. April nach mehr als drei Jahrzehnten abgeschafft worden. Die Nachfrage in wichtigen Abnehmerländern wie China war zuletzt gesunken. Dazu kommt Russlands Agrarboykott gegen den Westen.

"Landwirt, stirb langsam"

Der BDM fordert die EU daher auf, die Überproduktion zu stoppen und denjenigen einen finanziellen Ausgleich zu zahlen, die weniger Milch herstellen. Doch EU-Agrarkommissar Phil Hogan hat schon klargestellt: Eine neue Quotenregelung zugunsten der Bauern wird es nicht geben.

Beim einem Sondertreffen der EU-Landwirtschaftsminister am 7. September in Brüssel sollen zwar Sofortmaßnahmen zur Hilfe der Bauern auf den Weg gebracht werden. Doch die Landwirte sind skeptisch, ob die Politik ihnen tatsächlich helfen wird. Wenn Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) ankündige, die Agrarsubventionen vorfristig auszuzahlen, könne er nur lachen, sagt Maier. "Das hilft uns ein paar Tage, ein paar Monate, und dann stehen wir wieder da, wo wir jetzt stehen. Landwirt, stirb langsam." Auf den Höfen sei die Resignation groß. "Viele sagen, wir machen noch bis zur Rente, und dann geht der Betrieb eh den Bach runter", berichtet der Funktionär. Mehr Mut macht da noch die Ankündigung des Discounters Lidl, die Einkaufspreise für Milch nicht weiter zu senken.

Milch - ein Verlustgeschäft

Landwirt Hubert Maier aus Breitnau im Hochschwarzwald hat die Hoffnung zwar noch nicht aufgegeben, aber auch er sieht für die Zukunft eher schwarz. Sein Familienbetrieb mit 60 Kühen verdient derzeit zwölf Cent weniger pro Liter Milch als noch vor einem Jahr. Das seien 4000 Euro Verlust pro Monat, rechnet der Bauer vor. "Das Konto geht tatsächlich runter. Wir leben von der Substanz."

Maier und seine Frau haben vier Kinder, doch ob eines von ihnen den Hof übernehmen wird, steht in den Sternen. "Wir versuchen alles, wir wollen unsere Höfe weitergeben", beteuert der Endvierziger. Doch die Landwirte könnten nicht ständig zuschießen. "Wir werden wohl die letzte Generation sein, die noch Milchwirtschaft betreibt", befürchtet er.

Solche Zukunftssorgen kennt auch Christa Disch. Die braunhaarige Frau warnt zudem vor den Folgen für die Natur. Ihre Kühe weideten vor allem auf Steillagen. "Wenn die Milchbauern aufgeben müssen, dann wächst der Schwarzwald zu. Dann kommen auch keine Touristen mehr." Eine Entwicklung, vor der auch der Naturschutzbund Nabu warnt.

Landwirte marschieren gen Brüssel

In den Protestzug haben sich auch zehn Traktoren aus Frankreich eingereiht. Auf beiden Seiten des Rheins hätten die Bauern die gleichen Sorgen, sagt der französische Landwirt Germain Krantz. "Wir müssen gemeinsam miteinander kämpfen, denn nur miteinander kann man was erreichen." Er betont: "Jedes Kind kann das verstehen: Wenn zu viel Milch auf dem Markt ist, fällt der Preis." Doch die Politiker hätten das offenbar immer noch nicht verstanden. Deshalb sollen am 7. September Bauern aus ganz Europa in Brüssel demonstrieren. 

DPA

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