HOME

MODEBRANCHE: Das Ende der Shopping-Tour

Die Modeindustrie bekommt nicht nur die Konsumflaute zu spüren, auch an der Börse sind die rosigen Zeiten für die erfolgsverwöhnte Branche vorbei.

Die Krise trifft die Modebranche hart: Nach den Bilanzskandalen in den Vereinigten Staaten werden auch bisher gut laufende Aktien nicht verschont. Als die erfolgsverwöhnte Hugo Boss AG vor einigen Tagen die zweite Gewinnwarnung in diesem Jahr herausgeben musste, stürzte der Aktienkurs um über 14 Prozent. Bilanzunregelmäßigkeiten bei der Boss-Tochter in den USA hatten schon Ende Mai zu einer Korrektur geführt.

Weltweit alle Märkte betroffen

Das schlechte laufende Geschäft belastet nun die Erwartungen. »In Deutschland gilt 2002 als das schwierigste Jahr in der Herrenmode seit 1949«, sagt der Vorstandsvorsitzende Bruno Sälzer. Und: Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte leiden weltweit alle großen Märkte gleichzeitig unter einer Krise. Man kann also nicht von einer Hugo-Boss-Schwäche sprechen, sondern die Gesamtsituation ist einfach sehr schwierig.

Luxusmarken sehen rot

In der Tat steht der Metzinger Bekleidungsriese noch gut da. Zwar wird der Konzern nach der jetzigen Prognose über ein Drittel weniger Überschuss erwirtschaften als im vergangenen Jahr, doch mit einem erwarteten Gewinn von etwa 70 Millionen Euro nach Steuern muss man sich nicht verstecken. Die Jil Sander AG schreibt hingegen tiefrote Zahlen trotz einer Umsatzverbesserung. Und ihr Mehrheitseigner Prada musste im Juni wegen der schlechten Allgemeinlage nach dem WorldCom-Skandal zum dritten Mal den geplanten Börsengang verschieben. Auch den großen Luxusgruppen ist die Lust am Shopping vergangen. Während noch vor zwei Jahren Konzerne wie LVMH (Moët Hennessy Louis Vuitton) und PPR (Pinault-Printemps-Redoute) sich im Kaufen von immer neuen Modehäusern übertrafen, hört man nun hier kaum mehr von Übernahmen.

Fehler im System

»In der Mode wirken die Negativeffekte der Gesamtlage noch verstärkt«, meint Bruno Sälzer. Denn hier geht es nicht um das 'Need To Have', das unbedingt Notwendige, sondern das 'Nice To Have', das schöne Extra. Mode unterstellt ein positives Gefühl und tut sich in Zeiten der Skepsis schwer. Doch kommt die Krise wirklich vor allem von außen oder gibt es auch Gründe »innerhalb des Systems«? Aus heutiger Sicht erscheinen die vielen Fusionen und die Umwandlung textiler Marken zu gigantischen Marketing-Maschinen fast als größenwahnsinnig. Manchmal stehen spezialisierte Unternehmen jetzt sogar besser da. Die in Familienbesitz befindliche Firma Oui, die Damenkleidung im mittleren Preissegment herstellt, gilt beispielsweise als Aufsteiger. »Jede Krise bedeutet auch eine Chance«, sagt Geschäftsführer Alon Junger.

Spezialisten gewinnen

Im vergangenen Jahr gewann Oui den Internationalen Mode-Marketing-Preis der Igedo, der Umsatz stieg um 18 Prozent. In diesem Jahr will man noch um weitere 13 Prozent wachsen. »Heute muss ich mich spezialisieren«, meint Junger. »Ich kann nicht gleichzeitig fünf Bälle in der Luft halten.«

Auch als Insider-Tipps erfolgreich

Die Frage, ob man als Spezialist oder Generalist agiert, steht für Albert Kriemler, Chefdesigner und Miteigentümer des Schweizer Unternehmens Akris, nicht im Vordergrund. »Eigenständigkeit und Kreativität« sind für ihn entscheidend. Akris bewegt sich im Luxussegment und gehört zu den wenigen Firmen, die ihr Geld ausschließlich mit Mode verdienen. Insider in Europa und den USA zählen die Kleider zu den derzeit besten Damenkollektionen.

Qualität statt Markennamen

Bruno Sälzer von Boss glaubt, dass ein breit aufgestelltes Unternehmen in Krisenzeiten die besseren Karten hat. Schließlich können auf diese Weise mehrere Bereiche die Einbrüche in einem anderen Bereich auffangen. Die Qualität des Produkts hat jedoch auch für ihn Priorität: »Der Kunde will stabile Werte und nicht 40 Prozent nur für den Markennamen bezahlen.«

Stefanie Schütte