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Die Reimanns im Nationalsozialismus: Die Nazi-Vergangenheit des Calgon-Clans: "Wir waren sprachlos und weiß wie eine Wand"

Die Reimanns gehören zu den reichsten und geheimnisvollsten Familien Deutschlands. Ein Historiker soll die Rolle der Dynastie im Nationalsozialismus klären. Erste Ergebnisse sind schockierend.

Peter Harf

Peter Harf leitet JAB Holding, die zum Großteil in den Händen der Reimann-Familie ist

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Sie sind die zweitreichste Familie Deutschlands, sind Herrscher über bekannte Marken wie Sagrotan, Calgon, Jacobs Kaffee, Schweppes, Natreen, Kukident oder Clerasil - aber ein Gesicht zur Reimann-Dynastie gibt es nicht. Das Vermögen der Familie wird auf rund 33 Milliarden Euro geschätzt, erwirtschaft wird es in der international agierenden JAB Holding. Den Grundstein dieses Reichtums legten die Firmen-Patriarchen Albert Reimann sen. und Albert Reimann jun. - die beide offenbar überzeugte Nazis und Antisemiten gewesen sind. Ein Historiker forscht im Auftrag der Familie über die Nazi-Zeit. Und hat grausige Erkenntnisse zu Tage befördert.

Wie die "BamS" berichtet soll es in Werken und in der Privatvilla der Reimanns in Ludwigshafen zu Gewalt und Missbrauch an Zwangsarbeitern während der NS-Zeit gekommen sein. Vater und Sohn sollen demnach als überzeugte Anhänger des Hitler-Regimes auch vom Zweiten Weltkrieg profitiert haben. "Vater und Sohn Reimann waren offenbar keine politischen Opportunisten, sondern Nationalsozialisten aus Überzeugung", sagt Professor Christopher Kopper, Wirtschaftshistoriker von der Uni Bielefeld zur "BamS". 

"Wir haben uns geschämt"

Diese Ergebnisse stammen aus den Recherchen des von der Familie beauftragten Wirtschaftshistorikers Paul Erker von der Universität München. Seit rund drei Jahren forstet er sich durch Akten und Unterlagen, um die Rolle von Vater und Sohn Reimann in Nazi-Deutschland zu verstehen. Die Familie will die Zeit vollständig aufgearbeitet sehen und ließ am Sonntag verlauten: "Wir sind erleichtert, dass es jetzt raus ist."

Erker habe erst vor wenigen Wochen der Familie ein Zwischenfazit präsentiert und mit den Recherchen für Entsetzen gesorgt. "Als Professor Erker berichtet hat, waren wir sprachlos. Wir haben uns geschämt und waren weiß wie die Wand. Da gibt es nichts zu beschönigen. Diese Verbrechen sind widerlich", sagte Peter Harf, der Chef der JAB Holding, der selbst auch am Firmenvermögen beteiligt ist. Er kündigte an, dass er 10 Millionen Euro an eine entsprechende Organisation spenden wolle. Außerdem sollen die Ergebnisse der Untersuchung im kommenden Jahr, nach Abschluss, vorgelegt werden.

Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit

Nicht wenige Firmen haben in der Zeit zwischen 1933 und 1945 gute Geschäfte gemacht und direkt von der Nazi-Herrschaft profitiert. Der Umgang mit dieser Zeit war nach dem Krieg jahrzehntelang von Verdrängung geprägt. Erst in den 1980er Jahren war die Zeit offensichtlich reif, die Vorwürfe nicht mehr reflexartig beiseite zu schieben, sondern die eigene Firmengeschichte aufzuarbeiten. So stellte der Automobilkonzern Daimler-Benz zum 100. Geburtstag (1986) sich dem Thema Zwangsarbeit und der eigenen Vergangenheit. Doch einigen Hamburger Historikern war die Darstellung zu positiv. Sie verfassten eine Gegen-Studie. Im selben Jahr engagierte Volkswagen den berühmten Historiker Hans Mommsen mit der Aufarbeitung der eigenen Nazi-Vergangenheit. VW hatte 12.000 Zwangsarbeiter beschäftigt, auch KZ-Häftlinge wurden eingesetzt. 

Viele Firmen haben noch nicht reagiert

BASF, Hoechst und Bayer stellten sich in den 1990er Jahren der Vergangenheit. Die Firmen gehen auf die frühere I.G. Farben zurück, für die rund 80.000 Zwangsarbeiter schuften mussten. Auch ein Werk in der Nähe von Auschwitz wurde errichtet. Eine Tochter der I.G. Farben hat Zyklon B mitentwickelt, das zum Massenmord in den KZ eingesetzt wurde. Der Mischkonzern Siemens hat die Dokumentation der Historiker sogar online gestellt. Dort ist nachzulesen, dass auch bei Siemens rund 80.000 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge im Einsatz waren. Im Jahr 2016 analysierte ein Historiker den Stand der Aufarbeitung - damals war der Stand ernüchternd: Von den 100 größten Arbeitgebern im Dritten Reich hatten 71 Firmen keine Aufarbeitung der eigenen Nazi-Vergangenheit.

Die Familie Reimann kommt spät mit ihrer Aufarbeitung. Zur Frage, warum die Familie wohl so lange für diesen Schritt gebraucht habe, sagt Kopper, dass die Firma in der NS-Zeit nur ein kleines, mittelständisches Unternehmen gewesen sei und unter einem anderen Namen firmierte. Peter Harf lässt die "BamS" wissen, dass die Reimann-Familie erst in den 2000er Jahren angefangen hätte, die Dokumente des Vaters zu sichten. Anfang 2014 sei die Entscheidung getroffen worden, die eigene Historie aufarbeiten zu lassen.

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde aktualisiert.

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kg