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Öko-Landwirtschaft: Bauern übersehen Zukunftschancen

In Nürnberg präsentieren sich Öko-Landwirte aus aller Welt auf der Messe Biofach. Die Branche steht unter Globalisierungsdruck, hat aber auch große Zukunftschancen - nur haben die deutschen Bauern das noch nicht erkannt.

Ein Bio-Steak aus Argentinien, dazu Öko-Gemüse aus Italien, ein Glas Öko-Bier aus Polen oder Bio-Wein aus Chile, danach ein Bio-Apfel aus Neuseeland - sieht so die Bio-Zukunft in Deutschland aus? Die Nachfrage nach Bio steigt rasant, und immer mehr Discounter und Supermärkte stellen die begehrte Ware ins Regal - mit der Folge, dass ökologisch erzeugte Produkte auf dem deutschen Markt zunehmend aus dem Ausland kommen. Denn die deutschen Bauern trauen dem Boom in der Mehrzahl nicht oder haben ihre Marktchancen noch gar nicht erkannt.

Der Bio-Markt in Deutschland steigerte seine Umsätze im vergangenen Jahr um stolze 16 Prozent auf 4,5 Milliarden Euro. Auch das Wachstum der weltgrößten Fachmesse für Bio-Produkte, Bio-Fach in Nürnberg, belegt die Dynamik: Dort sind bis Sonntag 2455 Aussteller aus 80 Ländern vertreten, ein Plus von 18 Prozent.

"Wir brauchen mehr Bio-Bauern"

Doch die ökologisch bewirtschaftete Anbaufläche und die Zahl der Bio-Landwirte in Deutschland wächst nur minimal. "Wir brauchen dringend mehr Bio-Bauern", schlägt Geschäftsführer Alexander Gerber vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) Alarm. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in fast allen anderen Ländern Europas sowie in den USA wachse der Markt stärker als die Anbaufläche.

Auch für die nächsten Jahre erwarten Branchenexperten ein unvermindertes Wachstum. Der - noch bescheidene - Bio-Anteil von drei Prozent am gesamten Lebensmittel-Einzelhandel soll sich bis 2010 verdoppeln. Einer GfK-Studie zufolge haben die Haushalte in Deutschland ihre Ausgaben für Bio-Produkte im vergangenen Jahr um 17 Prozent gesteigert. Obst, Gemüse, Kartoffeln, Eier und Milch sind besonders gefragt.

Öko-Ware darf 30 Prozent mehr kosten

Dabei kristallisiert sich immer mehr heraus, dass die Verbraucher für Bio zwar mehr zu zahlen bereit sind, aber auch nicht jeden Preis akzeptieren. Um 20 bis 30 Prozent mehr dürfe Öko-Ware im Schnitt kosten, rechnet der BÖLW vor. Zunehmend orientiere sich der Bio-Preis an dem für konventionelle Produkte.

Für manchen Bauern lohnt sich die Umstellung auf kostenintensive Öko-Produktion daher gar nicht, zumal der Lebensmittel-Einzelhandel (LEH) die Preise mit seiner Marktmacht zu drücken versucht. Der LEH- Anteil an Bio-Produkten stieg im vergangenen Jahr von 41 auf 46 Prozent. Bäuerliche Direktvermarkter sowie Reformhäuser und kleinere Naturkostläden geraten zunehmend unter Druck.

Öko-Branche hat Nische verlassen

"Wir müssen vermitteln, dass Bio seinen Preis hat, sonst setzt sich die Globalisierung in den Bio-Märkten fort", sagt BÖLW-Vorstand Thomas Dosch. Der Präsident des internationalen Branchenverbands IFOAM, Gerald A. Herrmann, sieht die Gefahr, dass die Rohstoffknappheit zu Qualitätsmängeln führen kann. "Gerüchte um dubiose Herkünfte machen die Runde, und gewünschte Qualität ist nicht mehr für jeden verfügbar", schrieb Herrmann als Schirmherr der Biofach in einem Beitrag. Der Einstieg der Discounter, aber auch die Konzentration von Firmen und Herstellermarken in multinationalen Unternehmen löse Sorge in der Branche aus, die ihre Nische längst verlassen habe und auf dem Weg zu einem "vorherrschenden Wirtschaftsfaktor" sei.

Denn die Zukunftschancen sind groß. Der weltweite Umsatz mit Bio- Produkten wachse derzeit jährlich um mehr als fünf Milliarden US- Dollar und werde 2007 die Grenze von 40 Milliarden US-Dollar überschreiten, schätzt die britische Unternehmensberatung Organic Monitor. Zu den Boom-Ländern gehören neben Deutschland auch die USA, Großbritannien und Schweden.

Stephan Maurer/DPA / DPA