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Ortstermin Streik: Bayern sucht den Superstreik

In Ostdeutschland, vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, stehen fast alle Züge still. Nichts geht mehr. In Bayern dagegen scheinen die Lokführer der Gewerkschaft GDL mit ihrem Streik kaum durchzudringen. Am Münchner Bahnhof herrscht eine fast andächtig betriebsame Stimmung.

Von Sebastian Wieschowski, München

In München hat der Mega-Streik einen Hauch des Mystischen, einer spirituellen Messe, eines sektischen Kultes - und die Verkündigung ist sicher wie das Amen in der Kirche: "Aufgrund des Streiks der Lokführergewerkschaft GDL fallen folgende Züge aus...", hallt es immer wieder aus den Lautsprechern. Auf den Bänken sitzen so wenige Zuhörer wie beim Sonntagsgottesdienst. Und die wenigen Zuhörer nehmen das Wort aus dem Jenseits gar nicht mehr wahr. Sie frieren und starren andächtig nach oben, als warteten sie auf ein Wunder: Dass die Anzeigetafel von "Zug fällt aus" auf "Verspätung circa 30 Minuten" umspringt oder von 60 auf 40 Minuten. Es sind die kleinen Schritte, die heute den Weg zur Arbeit ermöglichen.

Schell schwebt über allem

Und über allem schwebt der Geist des spirituellen Stillstandsführers: Das Konterfei von Manfred Schell erscheint immer wieder für ein paar Augenblicke - auf Zeitungsseiten, die genervte Pendler auf den Wartebänken des Münchner Hauptbahnhofes umblättern. Mal blickt er auf einem Artikelfoto grimmig, daneben eine ganzseitige Bahnanzeige mit der Aufforderung: "Stoppen Sie diesen Wahnsinn, Herr Schell!" Mal blickt er auf einer Annonce grimmig, die ein deutscher Autovermieter geschaltet hat, weil er sich freut, dass jetzt wieder mehr Reisende auf Mietwagen zurückgreifen müssen.

Die Mehrzahl der Münchner bekommt jedoch zu spüren, welche Macht ein Fortbewegungsmittel wie die Bahn auf ihren Alltag ausübt. Allerdings ist es nur eine begrenzte Macht: Auf der A9 vor der Landeshauptstadt staut sich der Verkehr auf fünf Spuren über zwölf Kilometer, bis zu zwanzig Prozent mehr Verkehrsaufkommen durch den Streik schätzt der ADAC. Doch wer clever ist, hat eine Nebenstrecke herausgesucht. Im Vorteil ist auch, wer nicht schon am Vorabend der Streik-Hysterie verfallen ist, sondern sich im Internet informiert hat: Auf der Bahnseite ist nämlich zu sehen, dass man - zumindest in Bayern - vom großen Chaos und ganztägigen Stillstand weit entfernt ist. Die S-Bahnen rund um München fahren im Stundentakt, die U-Bahn ist vom Streik nicht betroffen. Zwar drängt sich die Armada der Werktätigen nun unter der Oberfläche der Isarstadt in enge Waggons, vom Mobilitäts-Herzinfarkt ist München allerdings noch weit entfernt.

"Keine größeren Probleme"

Eine ähnliche Diagnose meldet der bayerische Rundfunk auch für den Rest des Landes: In Würzburg, Aschaffenburg und Schweinfurt habe der Ausstand zu "keinen größeren Problemen" geführt. In Landshut müssen Reisende ungefähr eine Stunde Verspätung mitbringen. Die Schlange am Service Point ist in Regensburg kürzer als an streikfreien Tagen. Wer mit dem ICE der Bahn aus Bayern in den Rest der Republik flüchten will, kann dies meist ohne Verspätung tun - nur wenige Schnellzugverbindungen sind im 25-seitigen Sonderfahrplan der Bahn rot markiert. Von den bundesweit 1085 Fernverbindungen fallen insgesamt 323 aus, betroffen sind vor allem Intercity-Züge.

Während Verspätungen von 20 Minuten oder gelegentliche Zugausfälle eher wie Kollateralschäden eines gescheiterten Mobilitätskollapses wirken, bekommen die bayerischen Pendler die wirklich schmerzhaften Auswirkungen des Streiks nur aus Medienberichten mit. Wegen mangelnder Teile-Versorgung hatte der Ingolstädter Autohersteller Audi die Frühschicht in seinem Brüsseler Werk gestrichen. Durch die Streiks hätten am Mittwoch zwei Güterzüge mit Nachschub massive Verspätungen gehabt, sagte ein Audi-Sprecher. Dies sei eine "absolute Ausnahmesituation" bei Audi.

Große Chaos noch nicht da - zumindest in Bayern

Im Hamburger Hafen käme es durch den Streik im Güterverkehr mittlerweile zu massiven Behinderungen, teilte die Hafenverwaltung mit. Und viele Firmen fürchten Produktionsengpässe in den nächsten Tagen. Mehr als ein paar Verspätungsminuten oder das Warten auf den übernächsten Zug müssen Bahnreisende vor allem in Ostdeutschland in Kauf nehmen: In manchen Regionen fährt nur jeder zehnte Zug.

Währenddessen ist das große Chaos trotz des mehrtägigen Ausstandes in München noch immer nicht angekommen. Die meisten Pendler haben vorgesorgt - über Fahrgemeinschaften, Ersatzbusse oder die U-Bahn. "Die Pendler haben eine gesunde Routine beim Umgang mit derartigen Streiks entwickelt", freut sich eine Servicepoint-Mitarbeiterin. Die wenigen Reisenden, die in der großen Halle des Hauptbahnhofes auf ihren Zug warten, blicken weiter gleichgültig ins Leere, müde, fast schon apathisch. So mancher schließt die Augen, vergräbt die frostigen Hände in der wärmenden Jacke. Vielleicht zum stillen Stoßgebet, dass ein Wunder kommen möge, ein Regionalzug nach Ingolstadt, ein Intercity nach Nürnberg. Oder dass Manfred Schell, der spirituelle Stillstandsführer, auf einen Streik an Heiligabend verzichtet.

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