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Otto Wolff von Amerongen: Heimlicher "Osthandelsminister" ist tot

Mit 88 Jahren ist der langjährige Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages gestorben. Wolffs Credo: "Ich muss nicht das Vaterland retten, ich will Geschäfte machen." Dennoch war er der Wegbereiter des Osthandels.

Kein anderer als Lenin versicherte 1922 dem Politbüro in Moskau, dass der Kölner Eisenhändler Otto Wolff ein verlässlicher Geschäftspartner sei. Dessen Sohn, Otto Wolff von Amerongen, hat diese Verbindung zeitlebens gepflegt: Egal ob in Moskau Chruschtschow, Gorbatschow, Jelzin oder Putin regierten - Wolff konnte mit jedem von ihnen. Am Donnerstag ist der "Wegbereiter des Osthandels" im Alter von 88 Jahren in seinem Haus in Köln gestorben.

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges hatte mancher westdeutsche Unternehmer wenig Verständnis dafür, dass Wolff auch "mit den Kommunisten" Geld verdienen wollte. Er aber hielt sich an den Leitspruch seines Vaters, welcher lautete: "Ich habe nicht das Vaterland zu retten, ich will Geschäfte machen."

Mit Adenauer auf Kölsch parliert

Schon bald klingelten Bundeskanzler Konrad Adenauer und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard bei ihm an, wenn sie Fragen zur wirtschaftlichen Lage in der Sowjetunion hatten. Vielleicht auch weil er kaum Konkurrenz hatte, stieg Wolff in kurzer Zeit zum "heimlichen Osthandelsminister" auf. Zudem stellte er jenen Unternehmertyp dar, der dem Beamtensohn Adenauer schon immer imponiert hatte: Etwas Weltläufiges, Großzügiges strahlte von ihm ab - und dann konnte er mit dem Kanzler auch noch auf Kölsch parlieren.

So war Wolff bald im Westen wie im Osten gefragt. In Bonn ging er im Kanzleramt ein und aus, auf der Leipziger Frühjahrsmesse schüttelte er die Hand des DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Fast zwanzig Jahre war er Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT), die Geschicke des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft lenkte er nahezu ein halbes Jahrhundert. Den Fall der Mauer und die anschließende Öffnung des Ostens erlebte er nach eigenen Worten als die Krönung seiner Arbeit.

Wertpapiere von Juden verkauft

Eben diese Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichsten Systeme und Persönlichkeiten hatte aber möglicherweise auch eine dunkle Seite. Bereits mit 22 Jahren hatte Wolff 1940 die Eisenhandelsfirma seines Vaters übernommen. Der WDR berichtete 2001 in einer Reportage mit dem Titel "Hehler für Hitler", dieses Unternehmen habe bis 1945 Wertpapiere aus dem Besitz deportierter Juden aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich im Auftrag der Nazis verkauft.

Wolff, der sich selbst als "rheinischen Liberalen" bezeichnete, hat sich nicht dazu geäußert. Ob sein Rückzug aus der Öffentlichkeit in den letzten Jahren auch unter dem Eindruck solcher Medienberichte geschah, ist unbekannt. Seinen Mitarbeitern in Köln wird er als charismatischer Chef in Erinnerung bleiben. Sie hatten gehofft, dass er noch einmal in sein Büro mit dem Ledersessel, der alten Kölner Stadtansicht und dem Blick ins Grüne zurückkehren würde.

Christoph Driessen/DPA / DPA