HOME

Pharmaunternehmer Merckle: Da war doch was mit Ratiopharm

Auf einer Schiffstour predigt Pharmaunternehmer Merckle heute Unternehmensethik. Klare Worte zu dem Skandal, den der stern aufdeckte, findet er aber immer noch nicht

Von Markus Grill

Es ist einer der wunderlichsten Spots, die im TV laufen: Zuerst kommt ein Segelschiff ins Bild, dann erklingen Streicher, und die Vögel zwitschern, bis eine sonore Stimme sagt: "Doktor Philipp Daniel Merckle bricht mit Freunden aus ganz Deutschland auf für eine neue Zeit. Sichern Sie sich Karten!" Nein, hier tourt kein Superstar. Merckle ist Chef der Pharmafirma Ratiopharm. Wer 120 Euro zahlt, darf vier Stunden auf einem Schiff mit ihm verbringen. Ende voriger Woche machte er in Hamburg Station, um auf dem Schaufelraddampfer "Mississippi Queen" vom "Aufbruch in eine neue Zeit" zu künden. Der 40-jährige Merckle, gelernter Apotheker, gehört zu einer der vermögendsten Familien des Landes: Auf der Liste der reichsten Deutschen, erstellt vom US-Magazin "Forbes", steht sein Vater Adolf Merckle mit neun Milliarden Euro auf Platz vier. Junior Philipp Daniel übernahm im August 2005 formal die Verantwortung für den Generikahersteller Ratiopharm. Drei Monate später enthüllte der stern, dass die Firma Ärzten systematisch Geld für die Verordnung der eigenen Medikamente gezahlt haben soll. Die Staatsanwaltschaft Ulm ermittelt bis heute gegen mehrere Hundert Unternehmensmitarbeiter.

Die "Aufbruch-Tour" ist nun Teil einer Image-Offensive mit TV-Spots und Zeitungsanzeigen. Darin behauptet Merckle, "die Pharmaindustrie seit Herbst 2005 nach ethischen Richtlinien auszurichten". Rund hundert Gäste finden sich an den Landungsbrücken in Hamburg-St.-Pauli ein. Viele haben ihre Eintrittskarte nicht erwerben müssen, sondern in einem Ratespiel gewonnen, bei dem sie den zweiten Vornamen Merckles nennen mussten. Wohin der Pharmaerbe "mit Gleichdenkenden und Freunden" aufbrechen will, bleibt für Schiffsbesucher allerdings ziemlich nebulös. Merckle selbst hatte vor drei Wochen in einem offenen Brief erklärt: "Ich spüre seit Langem ein allgemeines Unbehagen: Vieles ist besorgniserregend und sonderbar gegenwehrlos menschenfern geworden." Voller Weltschmerz schreibt er: "Ich bin sehr verletzt und traurig über vieles, das ich weiß."

"Das klingt nicht nur wie Realsatire"

Wer an Bord nun klare Worte zum Skandal erwartet, wird enttäuscht. Der Milliardenerbe spricht nur vage über die "schwierige Zeit" nach den Enthüllungen: "Ich habe im Unternehmen eine Inbalance vorgefunden. Es war nicht mehr klar, wofür wir stehen." Was sich konkret an den Marketingmethoden verändert hat, sagt er nicht. Der alte, zuletzt missverständliche Spruch "Da gibt's doch was von Ratiopharm" ist jedenfalls abgeschafft. Seit Herbst 2006 versucht das Pharmaunternehmen mit karitativem Engagement sein Image aufzupolieren. Merckle gründete "World in Balance", ein Projekt, das Hilfsorganisationen in Afrika unterstützt: Künftig soll es nicht mehr 2,5 Prozent pro Packung für die Ärzte geben, sondern ein Cent pro verkaufter Packung für Afrika. Das Werbefachblatt "Horizont" kommentierte bissig: "Das klingt nicht nur wie Realsatire. Das ist auch Realsatire."

Bevor die Passagiere der kuriosen Kreuzfahrt endlich ans "Mediterrane Büfett" dürfen, ruft eine Moderatorin, die sich selbst als "Arztfrau" vorstellt, dazu auf, "Patienten in den Arm zu nehmen", statt nur auf wissenschaftlich beweisbare Medizin zu setzen. Dann ermuntert sie zur kritischen Diskussion. Eine Studentin, die den Kurztrip gewonnen hat, fragt, ob es nicht ein wenig gedankenlos sei, eine "World in Balance"- Tour auszurufen und nun "Victoriabarsch in Pfeffer-Cognac-Sauce" zu servieren. Schließlich habe die Zucht des Fisches im afrikanischen Victoriasee zu einer ökologischen Katastrophe geführt. Doch solche Inbalancen mag man an Bord nicht hören - ihr wird das Mikrofon abgedreht. Barsch erklärt die moderierende Arztgattin, dass man doch gerade deswegen hier sei, um den hungernden Menschen in Afrika zu helfen.

Die alten Zeiten lassen ihn nicht los

Verfolgungswahn zeigt sich, als eine Ratiopharm-Mitarbeiterin sich das Mikrofon schnappt: Die kritische Studentin sei, wie auch andere Diskutanten, wohl im Auftrag des stern hier. Philipp Daniel Merckle sei "tief erschüttert", dass "dieser Krieg" nun an Bord ausgetragen werde. Kurz vor Mitternacht kehrt das Schiff zum Ausgangspunkt zurück. Plötzlich versteht man, warum Philipp Daniel Merckle so gern zu neuen Zeiten aufbrechen würde. Die alten lassen ihn einfach nicht los.

print