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Regressforderungen in Millionenhöhe: Post verklagt immer häufiger eigene Zusteller

Das Gehalt ist mies, der Zeitdruck hoch: Brief- und Paketzusteller haben es ohnehin nicht leicht. Nun kommt heraus: Sie werden immer häufiger vom eigenen Arbeitgeber verklagt.

Von Daniel Bakir

Die Post nimmt ihre Mitarbeiter immer öfter in Regress

Die Post nimmt ihre Mitarbeiter immer öfter in Regress

Viele Brief- und Paketzusteller arbeiten unter hohem Zeitdruck. Manchmal reicht die Zeit noch nicht einmal, um an jeder Wohnungstür zu klingeln - das Päckchen landet dann gleich in der Filiale oder beim Nachbarn. Das kann den Zustellern zum Verhängnis werden. Denn wenn ein Paket seinen eigentlichen Empfänger nicht erreicht, kann die Post den Zusteller unter Umständen wegen "grober Fahrlässigkeit" in Regress nehmen. Andere Fehler können für die Boten noch teurer werden, etwa wenn sie ihr Fahrzeug beschädigen.

Dass die Post Mitarbeiter für grobe Fahrlässigkeit in Regress nimmt, ist nicht neu. Auffällig ist jedoch, wie stark die Zahl der Fälle zugenommen hat. Nach Zahlen der Gewerkschaft Verdi, die der NDR öffentlich gemacht hat, ist die Zahl der Regressfälle in nur zwei Jahren von rund 5000 im Jahr 2011 auf 7000 im Jahr 2013 gestiegen. Die zu zahlende Regresssumme stieg im Vergleich zu den beiden Vorjahren sogar um rund 60 Prozent - auf rund eine Million Euro. Und das sind nur die tatsächlich geleisteten Zahlungen. Inklusive noch offener Verfahren verlangte die Post 2013 von ihren Mitarbeitern sogar 1,8 Millionen Euro Schadensersatz, 2011 waren es noch 1,2 Millionen Euro.

Mehr Arbeitsstress, mehr Fehler

Die Gewerkschaft Verdi sieht für die gestiegenen Zahlen zwei Gründe. Zum einen: Arbeitsverdichtung. "Für den Berg an Arbeit gibt es immer weniger Beschäftigte", sagt Verdi-Bundesvorstand Rolf Bauermeister dem stern. "Da passieren einfach mehr Fehler". Laut Verdi waren die Beschäftigten im Brief- und Paketdienst 2013 in 51.000 Verkehrsunfälle verwickelt, acht Prozent mehr als im Vorjahr. "Wenn man sich überarbeitet oder halb krank zur Arbeit schleppt, kann es eben leichter passieren, dass man in der Eile die Handbremse nicht richtig anzieht", nennt Bauermeister ein Beispiel.

Der Verdi-Mann vermutet hinter den gestiegenen Regressforderungen noch einen zweiten Grund: Die aus seiner Sicht überzogenen Gewinnerwartungen der Post. Die Regressforderungen seien eine zusätzliche Einnahmequelle. "Daher geht man viel brutaler mit den Beschäftigten um." Vor allem die vielen befristet Beschäftigten trauten sich häufig nicht, gegen die Regressforderungen anzugehen, aus Angst ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Post will sich nicht bereichern

Die Deutsche Post wollte die Zahlen auf Anfrage weder bestätigen noch dementieren. Den Vorwurf, sich an den Beschäftigten via Regress zu bereichern, weist eine Sprecherin aber zurück: "Die vom NDR genannten "Einnahmen" von etwa einer Millionen Euro bilden keine zusätzlichen Einnahmen, sondern dienen lediglich dem Ausgleich des entstandenen Schadens, wie zum Beispiel der Reparatur an firmeneigenen Fahrzeugen bei grob fahrlässigen Schäden." Es gehe bei den Regressforderungen grundsätzlich nur um signifikante Schäden, die aufgrund von grober Fahrlässigkeit entstanden seien.

Das gelte im Übrigen nicht nur für Zusteller. "Auch das Management ist im Schadensfall, zum Beispiel an Dienstwagen, entsprechend regresspflichtig", sagt die Post. Nur dass ein Manager eben auch mehr verdient als 11,50 Euro die Stunde. So hoch ist das Einsteigergehalt für Zusteller bei der Post.