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Puma und Adidas: Der ewige Bruderzwist

Kurz vor dem EM-Start hat Adidas-Chef Herbert Hainer im stern-Interview über das Geschäft mit dem Fußball gesprochen. Wie hart dieses Geschäft sein kann, lässt sich an der ewigen Fehde zwischen Adidas und Puma ablesen. Die geht auf einen Bruderstreit in der Familie Dassler zurück - und offenbar auch auf einen Seitensprung.

Von Rolf-Herbert Peters

1923 war ein schweres Jahr, auch im fränkischen Städtchen Herzogenaurach. Die Weltwirtschaftskrise drückte auf die Stimmung, die Zahl der Arbeitslosen explodierte. Trotzdem fassten Rudolf und Adolf Dassler, Söhne einer Wäscherin und eines Webers, am Küchentisch den mutigen Entschluss, eine Schuhfabrik zu gründen. Sie ergänzten sich prima: Rudi, der Beau, den sie wegen seiner Geschmeidigkeit "Puma" nannten, gab den Marketingchef; Adi, der Unermüdliche, tüftelte in der Waschküche an Laufmodellen. Der Umsatz wuchs - selbst in der Nazizeit: Die braunen Propagandisten hatten den Sport zum Kult erhoben, um die deutsche Jugend fit zu machen für Hitlers Kriege.

Verhängnisvolle Affäre

Dann, nach dem Krieg, hassten sich die Geschwister plötzlich. Rudi, erzählte man, sei sauer gewesen, weil er in den Krieg ziehen musste, während Adi die Hausmacht in der Fabrik ausbaute. Adi, ebenfalls stinksauer, rührte keinen Finger, um seinen Bruder aus der amerikanischen Gefangenschaft zu befreien. Die wahre Ursache des Bruderzwistes lag allerdings fünf Jahre zurück: Rudi pflegte damals offenbar ein Verhältnis mit Schwägerin Käthe. Bis zum Tod der Brüder herrschte deshalb stille Messe zwischen den Familienzweigen. Ein paar Mal telefonierten die Brüder wohl noch miteinander und trafen sich flüchtig.

Die fränkische Teilung

Anfang 1948 wurde die gemeinsame Firma zerschlagen. Adolf nannte seinen Part fortan nach seinen Initialen "Adidas" und behielt den größten Teil der Produktion. Rudi zog unter seinem Spitznamen "Puma" in das Fabrikgebäude an der Würzburger Straße, wo noch heute die Puma-Zentrale steht. Die Angestellten und Arbeiter durften über ihre Zukunft frei entscheiden: 47 blieben bei Adolf, 13 sowie einige Handelsvertreter zogen mit Rudolf. Ab nun wuchs eine Mauer durch die kleine Stadt. Nördlich der Aurach war Puma-Land, südlich Adidas-Revier. Es gab Puma-Bäcker, bei denen kein Adi-Anhänger mehr einkaufte, und Adidas-Gaststätten, die kein Pumaner mehr betrat. Schulkinder fuhren in getrennten Busse zum Unterricht. Der Ort hieß bald "Stadt des gesenkten Blicks", weil jeder dem anderen auf die Schuhe guckte.

Kain gegen Abel

Rudolf und Adolf behakten sich aus der Ferne, wo sie nur konnten. Adi tönte, sein Bruder habe seine Produkte unverfroren kopiert. Das Gleiche hätte wohl auch Rudolf behaupten können. Die Angst vor Spionen aus dem anderen Lager nahm neurotische Züge an. Bei Sportmessebesuchen in Wiesbaden oder Köln ließen die Direktoren ihre Hotelzimmer nach Wanzen absuchen, bevor sie den Raum betraten.

In Sachen Hinterfotzigkeit war Adi seinem Bruder ein gutes Stück überlegen. Als sich der Puma-Star Heinz Fütterer bei einem Leichtathletikmeeting 1956 umzog, stand plötzlich Adi Dassler vor ihm und hielt ihm ein Paar Schuhe unter die Nase. Ob er nicht Lust habe, die neueste Entwicklung aus dem Hause Adidas in einem Vorlauf auszuprobieren? Fütterer nickte - und gewann. Im Endlauf trat er wieder in Puma an. In den Zeitungen erschienen allerdings nur Fotos mit Adidas-Tretern. Adi hatte die Fotografen - mit welchen bestechenden Argumenten auch immer - dazu bewogen, nur diese Bilder weiterzugeben.

Verpasste Chance

1951 fiel eine wichtige Vorentscheidung, warum Adidas heute 10,3 Milliarden Euro und Puma nur rund 2,4 Milliarden Euro umsetzt. Damals besuchte Fußballbundestrainer Josef "Sepp" Herberger Puma. Er sorgte seit längerem dafür, dass einige Spieler Puma trugen, und wollte dafür künftig ein Honorar von 1000 Mark pro Monat einfahren. Der geizige Rudolf kündigte ihm zornig die Freundschaft: "Du hast mich zutiefst enttäuscht!" Herberger marschierte schnurstracks zu Adi. Der rieb sich die Hände und zahlte prompt. Folge: Bei der Weltmeisterschaft 1954 lief kein einziger Spieler mehr in Puma auf. Die enge Bindung zwischen Adidas und dem Deutschen Fußballbund (DFB), der wiederum weltweit bestens verdrahtet ist, wurde zum Katalysator für das Adidas-Geschäft.

Der Stollenkrieg

Der Bruderstreit manifestiert sich bis heute in einem technischen Detail: den Schraubstollen. Adi Dassler behauptete, Erfinder dieser Greifer zu sein, die das "Wunder von Bern" erst möglich gemacht hätten ("Adi, stoll' auf!"). Doch Puma experimentierte schon 1948 damit. Inzwischen ist bekannt, dass die Technologie bereits Jahrzehnte zuvor in England und den USA im Testeinsatz war. Im Museum des Herzogenauracher Heimatvereins, wo Adidas und Puma je eine Vitrine belegen, ist dennoch Puma als Schöpfer ausgewiesen. Kein Wunder: Einer der führenden Heimatpfleger ist der deutsche Werbeleiter des Raubtier-Konzerns.

Der Bruderstreit fraß sich so tief in die Seelen der Herzogenauracher ein, dass sie noch heute eine atemberaubende Loyalität für ihre Partei an den Tag legen. Anfang der Achtziger verliebte sich ein junger Adidas-Mitarbeiter, dessen Vater ebenfalls sei vielen Jahre bei dem Drei-Streifen-Unternehmen beschäftigt war, in die Tochter eines Puma-Direktors. Adidas forderte beide Herren auf, umgehend das Haus zu verlassen. Die Männer folgten der Aufforderung. Fast reumütig, wie ein Zeitzeuge berichtet.

Konflikt der Generationen

1974 starb Rudolf, vier Jahre später sein Bruder Adolf. Ihre Söhne Armin und Horst setzten den provinziellen Familienkrieg fort. Leibhaftig konnte man ihn bei den örtlichen Fußballclubs FC und ASV Herzogenaurach erleben. Der feine FC (blau-schwarz) wurde von Rudolf Dassler mit Trikots ausgestattet und in die Landesliga hochgejazzt. Puma kaufte sogar Spieler für den FC ein, in den Siebzigerjahren zum Beispiel den ehemaligen deutschen Nationalspieler Ferdinand Wenauer. Der rote Adidas-Club ASV, ein Arbeiterverein, versuchte mitzuhalten und holte unter anderem Fritz Popp, der 1968 mit Nürnberg Deutscher Meister geworden war. Die alten Fußballfreunde mutierten zu Feinden. In der Dorfdisco prügelten sie sich wie die Kesselflicker.

Das Sticheln der Manager

Bei Puma verdrängten die Banken Mitte der Achtziger die Dasslers aus dem hoch verschuldeten Unternehmen. Die Adidas-Linie stieg bei ihrem Unternehmen aus, nachdem 1993 der Pariser Händlersohn Robert Louis-Dreyfus die Firma gekauft hatte. Die jüngeren Generationen pflegten den alten Zoff nicht offensiv weiter. Tabus sind längst gebrochen. Puma warb 1990 den Adidas-Topmanager Horst Widmann ab, der 22 Jahre für Adi gearbeitet hatte. Und Adidas machte Frank Dassler, den Enkel des Puma-Gründers, 2004 zum Chefjustiziar.

Die Rivalität ist dennoch alltäglich - selbst beim Management. Während sich in anderen Städten Unternehmensbosse in geschlossenen Zirkeln beraten, gehen sich Adidas-Chef Herbert Hainer und Puma-Boss Jochen Zeitz nach Möglichkeit aus dem Weg. Wenn sie sich zufällig am Nürnberger Flughafen treffen, begrüßen sie sich bestenfalls kurz. Obwohl Hainer seit 2001 und Zeitz sogar seit 1993 Vorstandschef ist und ihre Schreibtische fast in Sichtweite stehen, haben sie sich noch nie zum Kaffee verabredet.

Besuch vom Kanzler

Als Geschäftsmann wähnt sich Hainer in einer anderen Liga als der Rivale. Puma-Dompteur Zeitz dagegen hält seine Firma für bissiger und schicker als die Konkurrenz jenseits der Aurach. In Hintergrundgesprächen mit Journalisten spannen beide gern die Büchsen. Als vor Jahren der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder Herzogenaurach besuchte, konnte der toughe Zeitz seine Schadenfreude kaum verbergen. Der Kanzler kam zu Puma - und nicht zum großen Ex-Bruder Adidas. Schröder schwebte sogar mit einem Hubschrauber der Marke Eurocopter 'Puma' ein. Adidas-Chef Hainer, der häufig von bayerischen Landeschefs besucht wird, die Puma meiden, soll kräftig gezürnt haben.

Es ist, als liege ein Fluch über dem fränkischen Städtchen: Die virtuelle Dassler-Mauer, die in diesem Jahr 60 Jahre alt wird, können auch die weltgereisten Spitzenmanager diesseits und jenseits der Aurach nicht wirklich niederreißen.