Ratiopharm "Kultur der Umsatzausweitung"


Neue Dokumente belegen: Ratiopharm hat Ärzte bis ins Jahr 2005 systematisch für Verordnungen bezahlt. Im Skandal um den Pharmakonzern will die erste Krankenkasse Schadensersatz fordern.

"Kultur der Umsatzausweitung" Neue Dokumente belegen: Ratiopharm hat Ärzte bis ins Jahr 2005 systematisch für Verordnungen bezahlt. Im Skandal um den Pharmakonzern will die erste Krankenkasse Schadensersatz fordern Vor vier Monaten in Berlin: Ratiopharm-Werbezwillinge mit Marketingchefin Dagmar Siebert (l.) und Mini sterin Ulla Schmidt (r.) Dirk Wetzel, 36, sagt, dass Ratiopharm ihm eine Provision angeboten hat auf die Medikamente, die er verordnet. Der Arzt wies das "Bestechungsangebot" zurück Vize-Generalstaatsanwalt Karl-Rudolf Winkler: "Ermittlungen sind zu Unrecht unterblieben" Verordnungsmanagement (VOM) à la Ratiopharm: Dieses Dokument aus dem Jahr 2005 zeigt, dass Ärzte ein Prozent des Basis-umsatzes als Provision bekommen können

Seit einem Jahr arbeitet Dirk Wetzel als Arzt in Zierenberg, einem 7000-Einwohner-Ort bei Kassel. Gemeinsam mit Kollegin Gisela Stahl, beide Allgemeinärzte, betreut er 1600 Patienten. Einige Monate nach der Eröffnung bekam das Duo im Frühjahr 2005 Besuch von der Firma Ratiopharm. Wetzel und Stahl führten die Pharmareferentin ins Sprechzimmer und plauderten mit ihr über neue patentfreie Medikamente, so genannte Generika, das Geschäftsfeld, mit dem Ratiopharm zum Marktführer wurde.

Nach ein paar Minuten dachten die Ärzte, sie hörten nicht recht. Wetzel erinnert sich: "Die Ratiopharm-Mitarbeiterin bot uns plötzlich eine Umsatzbeteiligung auf die Medikamente an, die wir verordnen." Ein Prozent des Wertes der verschriebenen Arzneimittel sollten Wetzel und Stahl per Scheck bekommen, wenn sie sich verpflichteten, fleißig Ratiopharm-Präparate zu verschreiben. Der Mediziner hielt der Vertreterin vor, das sei Bestechung. "Doch sie antwortete, dass das eher als Honorar zu sehen sei." Die beiden Ärzte lehnten das Angebot ab. Sie wussten, welche Gefahren damit verbunden sind: Paragraf 34 ihrer Berufsordnung verbietet, dass Ärzte für die Verordnung eines Medikaments Vorteile annehmen dürfen. Wer als Arzt so massiv gegen die Berufsordnung verstößt, den muss die Landesärztekammer bestrafen, bis zum Entzug seiner Zulassung.

Vor zwei Monaten hatte der stern erstmals auf Grundlage umfangreicher interner Unterlagen enthüllt, dass der Pharmakonzern Ratiopharm seit Jahren systematisch Geld an Ärzte zahlt, damit diese seine Präparate verordnen - zum Schaden der Krankenkassen und der Versicherten. Und dass auch Apotheker geködert werden, indem ihnen massenhaft Arzneimittelpackungen geschenkt werden, die sie dann regulär bei den Krankenkassen abrechnen können. Ein Gesetzentwurf der Großen Koalition sieht nun vor, dass solche "Naturalrabatte" verboten werden.

Wetzel und Stahl, die beiden Ärzte aus Zierenberg, sind die ersten Mediziner, die offen zugeben, dass ihnen von Ratiopharm eine Umsatzbeteiligung bei den verordneten Arzneimitteln angeboten wurde - und das noch im Jahr 2005. Nach der stern-Enthüllung hatte Ratiopharm zunächst erklärt, es handle sich um "Einzelfälle aus der Vergangenheit, die bereits abgestellt wurden".

Dieser Aussage widerspricht nun außerdem ein firmeninternes Dokument, das dem stern und dem TV-Magazin "Monitor" (WDR) vorliegt. Es belegt, dass die Provisionszahlungen an Ärzte auch noch im Jahr 2005 andauerten - offenbar systematisch. In einer E-Mail vom 19. Mai 2005 an Außendienstmitarbeiter und an Vertriebschefin Dagmar Siebert werden die Provisionszahlungen an Ärzte ("eine neue ,Kultur" für die Umsatzausweitung") genau geregelt: "1 % auf Basis und 5 % auf MU (Mehrumsatz)." Demnach soll der Arzt ein Prozent des bisherigen Basisumsatzes der von ihm verschriebenen Ratiopharm-Medikamente bekommen und fünf Prozent vom Mehrumsatz.

Vom stern damit konfrontiert, antwortete der in Ulm beheimatete Konzern lediglich: "Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir derzeit nicht auf Ihre Fragen eingehen werden." In einem Interview mit der "FAZ" hatte der neue Chef Philipp Daniel Merckle vor kurzem die Vorwürfe zwar nicht mehr bestritten, die Geschäftspolitik aber als allenfalls moralisch bedenklich hingestellt: "Wir befinden uns in der unguten Situation einer Schande."

Bis vor kurzem sah es tatsächlich so aus, als komme das Unternehmen juristisch ungeschoren durch den Skandal. Vier Tage vor Heiligabend trafen sich 400 Pharmareferenten und Mitarbeiter der Zentrale zur Weihnachtsfeier im Millennium Hotel Stuttgart. Marketingchefin Siebert präsentierte hier den Knaller des Abends: Exklusiv konnte sie die Nachricht überbringen, dass die Ulmer Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen Ratiopharm eingestellt habe. Die Öffentlichkeit war erst kurz zuvor informiert worden.

Der Ulmer Oberstaatsanwalt Wolfgang Zieher nennt es "einen reinen Zufall", dass die Einstellung des Verfahrens am Tag der Weihnachtsfeier geschah. Die Entscheidung begründet er damit, dass der Fall zwar auf Betrug, Untreue und Bestechlichkeit geprüft worden sei, man aber zur Ansicht gelangt sei, dass "es sich im Grund um legale, nicht als solche strafbare Handlungen handelt". In einer Presseerklärung schrieben die Ulmer Staatsanwälte, dass den Ärzten "im Verhältnis zu den Krankenkassen wohl auch nicht jene besondere Vermögensbetreuungspflicht obliege, die der Untreuetatbestand voraussetzt". Der Bundesgerichtshof ist in diesem Punkt gegenteiliger Ansicht. Erstaunlich auch, dass die Ulmer Staatsanwälte keine eigenen Ermittlungen anstellten, sondern sich damit begnügten, den stern-Artikel auszuwerten. "In dem Artikel sind aber solche Belege nicht vorzufinden, dass Ärzte nur aus wirtschaftlichen Gründen die Produkte von Ratiopharm verordnet haben", so Oberstaatsanwalt Zieher.

Unter Juristen ist die Entscheidung der Ulmer Staatsanwaltschaft höchst umstritten. Der Vizechef der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz, Karl-Rudolf Winkler, etwa hält sie für "bedenklich": "Eine Pharmafirma, die derartige Boni, Umsatzprovisionen oder Beteiligungen gewährt, macht sich nach meinem sicheren Überzeugungsstand strafbar. Die mir bekannte Begründung in der Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Ulm ist doch zu dünn, um tragfähig zu sein", sagte Winkler zu "Monitor". Deutlicher kann eine Ohrfeige kaum ausfallen. Der Koblenzer Vize-Generalstaatsanwalt: "Die Ermittlungen, die die Staatsanwaltschaft Ulm hätte anstellen sollen, sind zu Unrecht unterblieben. Es geht nicht nur darum, den Straftatsbestand aufzuklären, sondern eben auch der Ermittlungspflicht zu genügen." Winkler sagt, dass "die Staatsanwaltschaft Ulm ihre Entscheidung überprüfen und zu dem Ergebnis gelangen müsste, dass Ermittlungen angezeigt sind".

Auch Ärzte und Krankenkassen machen die müden Ermittlungen gegenüber Ratiopharm fassungslos. So hält Axel Munte, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, die Entscheidung der Ulmer Staatsanwälte für eine "Katastrophe". "Pharmafirmen, die niedergelassene Ärzte mit äußerst fragwürdigen Methoden zur Verordnung unwirtschaftlicher Medikamente verleiten, kommen ungeschoren davon", empört sich der Chef der größten von 17 Kassenärztlichen Vereinigungen in Deutschland.

Die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) hat erstmals ermittelt, wie lukrativ es für Ratiopharm ist, einzelnen Ärzten eine Umsatzbeteiligung anzubieten. Das Ergebnis: Im Durchschnitt verordnen bei der KKH alle Ärzte zu 14 Prozent Ratiopharm-Präparate. Jene Ärzte aber, die regelmäßig Schecks aus Ulm bekamen, schrieben zu 56 Prozent Ratiopharm-Produkte auf. Ingo Kailuweit, Vorstandsvorsitzender der KKH, fühlt sich betrogen: "Als Krankenkasse können wir uns das nicht gefallen lassen. Denn die fünf Prozent, die Ratiopharm den Ärzten zahlt, sind ja nicht aus dem Gewinn von Ratiopharm finanziert, sondern die Medikamente sind entsprechend teurer, um solche Anreizsysteme finanzieren zu können."

Kailuweit ist "entsetzt", dass die Staatsanwälte in Ulm die Ermittlungen eingestellt haben. "Wenn die Staatsanwaltschaft das Verfahren erneut aufnimmt, werden wir unsere Informationen zur Verfügung stellen", verspricht Kailuweit. "Und wenn die Staatsanwaltschaft nichts unternimmt, werden wir alleine versuchen, Schadensersatzansprüche gegen die Ärzte geltend zu machen."

Der Pharmaskandal zieht unterdes weitere Kreise. Seit Anfang Januar kennt auch die Ärztekammer Nordrhein die Namen von sieben Ärzten, die im Verdacht stehen, Umsatzprovisionen von Ratiopharm erhalten zu haben. Präsident dieser Ärztekammer ist Jörg-Dietrich Hoppe, der auch Präsident der Bundesärztekammer ist. Seit zwei Monaten drängen etwa Vertreter von Krankenkassen Hoppe dazu, klar zu sagen, dass die Umsatzbeteiligungen der Firma Ratiopharm illegal sind. Zu Tabakwerbung, Harndrang im Alter oder dem elektronischen Arztausweis hat sich die Bundesärztekammer seither zu Wort gemeldet. Zum Fall Ratiopharm aber schweigt Hoppe. Auch in der vergangenen Woche lehnte er strikt jedes Gespräch dazu ab.

Markus Grill print

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