RTL "Anke ist jetzt groß beim Fernsehen"


Seit dieser Woche ist sie die mächtigste Frau im deutschen TV-Geschäft: die neue RTL-Chefin Anke Schäferkordt. Ihr Ruf? Fleißig und bodenständig. Ihre Pläne? Mehr Kuschel-TV.

Sie ist fast einsachtzig groß, trägt oft leuchtendes Rot. Und trotzdem muss man Anke Schäferkordt immer suchen. Bei Branchentreffen in Cannes zum Beispiel, wo sich Fernsehmacher ritualisiert in den Spesenrestaurationen an der Croisette feiern: Schäferkordt sitzt in der hintersten Ecke eines Hotelfoyers und blättert in Unterlagen. Oder auf einer der Werbepartys, zuletzt in einer Hamburger Hafenhalle: Sie taucht unter im Scheinwerferschatten schräg hinter dem DJ-Pult.

Oder bei Programmpräsentationen: Allein steht sie schon lange vor Beginn der Veranstaltung am Rand der Großleinwand im Halbdunkel. In der Hand ein paar DIN-A5-Blätter, auf denen in mädchenhafter Schreibschrift ihre Begrüßungsworte notiert sind. "Manche Menschen stehen gern im Mittelpunkt", sagt sie. "Mir ist das nicht wichtig."

Anke Schäferkordt, 42, ist die mächtigste Frau im deutschen Fernsehgeschäft. Seit diesem Donnerstag leitet sie den Kölner Kanal RTL; daneben unterstehen ihr Vox, der Nachrichtenkanal n-tv sowie die Beteiligungen an Super RTL und RTL2 - kurzum: das gesamte TV-Geschäft des Bertelsmann-Konzerns in Deutschland. Jeden dritten Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren erreichen die Programme, gut 1,8 Milliarden Euro im Jahr werden umgesetzt und mehr als 260 Millionen Euro Gewinn vor Steuern und Abschreibungen eingefahren.

Doch die Unterhaltungsmaschine

stottert. Gute Geschäftszahlen aus der Vergangenheit verdecken nur notdürftig, dass mit RTL der wichtigste Sender der Gruppe bedenklich schwächelt. Zwar ist der Kanal weiterhin Marktführer bei jüngeren Zuschauern, doch ihm schwindet das Publikum - schleichend, aber stetig. Dauerbrenner wie "Wer wird Millionär?" können die Reihe von Flops mit "Bachelor" und "Beauty Queen" längst nicht mehr auffangen. "Nicht jedes Programm war erfolgreich", kritisiert Schäferkordt in ihrer vorsichtigen Art. "RTL hat eine signifikante Schwächephase", formuliert es ein RTL-Insider deutlicher. Die Frau, die das ändern soll, stapelt erst mal tief: "Wir wollen die alte Flughöhe erreichen."

In Schäferkordts Heimatort Henstorf im Weserbergland raunen die Leute: "Anke ist groß beim Fernsehen." Hin und wieder, wenn sie zu Besuch ist, grinst sie einer auf der Straße an. Wegen "Wahre Liebe", einer früheren Sendung bei Vox, in der auch mal Swingerclubs getestet wurden und für die Schäferkordt einst direkt verantwortlich war. Jeder kennt jeden in Henstorf. Das Dorf ist so klein, dass es nicht einmal zu einem gelben Schild am Ortseingang reicht. 90 Menschen wohnen hier. Weil es keine Kirche gibt, war früher Ankes Vater der wichtigste Mann im Dorf: Ihm gehörte die Kneipe.

Wer in Henstorf von der Zukunft träumt, beamt sich in der Regel in die weite Welt hinaus. Nur Anke Schäferkordt nicht. Schule im zwölf Kilometer entfernten Lemgo, Betriebswirtschaftslehre - "eine reine Vernunftentscheidung" - an der nahen Uni in Paderborn. Schäferkordt genügte das. Heute wohnt sie mit ihrem Lebensgefährten, einem Historiker, in einer Altbauwohnung im Kölner Stadtteil Lindenthal. Als erste Amtshandlung hat Schäferkordt für ihren Weg ins Büro den traditionellen Chauffeurdienst des Senders storniert.

Nett, fast etwas unsicher

wirkt Anke Schäferkordt. Sie klagt über schmerzende Füße, weil sie nicht auf hohen Absätzen laufen kann und es dennoch immer wieder probiert. Andauernd sagt sie Sätze wie: "Geschichten, die nicht über mich erscheinen, sind mir die liebsten." Das meint sie ernst. Insgeheim, berichten Vertraute, trainiere sie Rhetorik, damit ihre öffentlichen Auftritte einigermaßen souverän rüberkommen. Anke Schäferkordt ist wohl die einzige Person an der Spitze eines TV-Senders, die so intensiv an sich arbeitet.
Innerhalb des Senders ist ihr Ton freundlich, aber deutlich: Sie sei schrecklich fleißig und analytisch in ihrem Urteil, sagen Kollegen über sie. Interne Präsentationen bei ihr werden für die Vortragenden schon mal zur Angstpartie: Man könne sich bei Schäferkordt einfach nie sicher fühlen, heißt es. Keine Nachlässigkeit, die nicht gleich von ihr entdeckt werde. Das sorgt zunächst für Unruhe bei den rund 1100 Beschäftigten in der RTL-Zentrale. "Ich kann heute noch nicht sagen, ob hier alle einen guten Job machen", meint die neue Chefin nach der ersten Bestandsaufnahme.

Dennoch ist eine Revolution unter der neuen Führung so schnell nicht zu erwarten. Das Fernsehgeschäft ist träge, das Programm von heute manchmal schon vor Jahren gekauft oder produziert. "Schäferkordt kann jetzt nicht einfach alles umkippen", sagt ein Sender-Insider. Das verbietet schon der Stil: Schäferkordts Vorgänger, der Österreicher Gerhard Zeiler, räumt in diesen Tagen zwar sein Büro in Köln. Aus der RTL-Welt verschwindet er damit nicht. Zeiler leitet weiterhin von Luxemburg aus das europaweite RTL-Imperium mit seinen 31 TV- und ähnlich vielen Radiosendern.

Etwas weniger Trash als zuvor kommt unter Schäferkordt wohl auf Sendung, statt auf Provokation setzt sie mehr auf Reality-Show-Harmonie: "Unsere erste gemeinsame Wohnung" und "Einsatz in 4 Wänden" heißen solche Titel, "Mein Baby", "Mein Garten" und "Bauer sucht Frau". Familien sollen sich mit Schäferkordts RTL wieder etwas wohler fühlen.

Die Neue an der RTL-Spitze setzt "auf mehr Sorgfalt". Das entspricht ihrem Naturell. Mit dem RTL-Gründer Helmut Thoma, bei dem der Sender ein großer Zirkus war, hat Fernsehen à la Schäferkordt nichts gemein. Sie ist eine TV-Arbeiterin, die bei schwächelnden Serien das Drehbuch auffrischen lässt. Oder Sendungen so verlegt, dass die Quote um ein paar Zehntel Prozent steigt.

Anke Schäferkordt beschreibt sich als "diplomatisch", aber "beharrlich". Als "ehrgeizig", aber "eher nach inhaltlichen Aspekten, weniger nach Hierarchieebenen definiert". Ihre Karriere folgt denn auch weniger einem Masterplan als einer Reihe von Zufällen und von Glücksmomenten: Immer wenn sie kam, ging kurze Zeit später der Chef, und sie rückte nach.

So lief es bei Vox, wo sie, erst für die Finanzen zuständig, bald den Programmchef ersetzen musste, schließlich den Geschäftsführer. Es war ein Vabanquespiel: Als die RTL-Gruppe vor fünf Jahren die alleinige Macht bei Vox übernahm, hätte Anke Schäferkordt die Sendergruppe um ein Haar verlassen müssen. Wenig diskret fahndete Zeiler sowohl nach einem neuen Namen für den Sender als auch nach einem neuen Geschäftsführer.

Am Ende blieb's bei Vox. Und bei Schäferkordt als Senderchefin. Sie besitzt das Talent, den Programm-Wühltisch derart zu sortieren, dass ein Sender wieder eine Linie bekommt. Aus Vox formte sie einen eher weiblich orientierten Serienkanal, kaufte mit Geschick US-Programm wie "Ally McBeal" und "C.S.I." ein. Der Sender schaffte es nach verlustreichen Jahren erstmals in die schwarzen Zahlen, die Quoten stiegen um mehr als die Hälfte.

So lief es bei RTL, wo Zeiler zunächst den Programmproduzenten Marc Conrad an die Spitze des Kanals beförderte, um nach nur 100 Tagen wieder mit ihm zu brechen. Erst die zweite Wahl fiel im Februar auf Schäferkordt - zunächst auf Probe. Sie kam als Zeilers Stellvertreterin. Bevor sie den Posten annahm, überlegte sie tagelang, ob sie sich das zutrauen mag.

Wird sie ausgebremst werden von den Seilschaften im Sender? "Sie ist die richtige Frau zur richtigen Zeit. Sie kann mit Inhalten und mit Zahlen umgehen", sagt Zeiler. "Wir haben ein gutes Gefühl", meint sie. "Solche Selbstzweifel", sagt Anke Schäferkordt, "sind wahrscheinlich typisch weiblich. Ein Mann hätte sofort zugegriffen."

Johannes Röhrig print

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