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Neue Sendungen bei RTL: Das Programm zur Krise

Die Krise. Sie ist da. Auch RTL wird nicht verschont. In Hamburg präsentierte Senderchefin Anke Schäferkordt jetzt das Programm zur Flaute. Und das bedeutet: keine großen Experimente, keine neuen Aushängeschilder. Man weiß, was man hat. Und das muss reichen. In Zeiten wie diesen. Von Katharina Miklis

Bei RTL greift der Zwegatismus: Während der Schuldenberater Peter Zwegat in seiner Dokusoap erfolgreich den Filzstift ansetzt, muss nun auch der Sender besser haushalten. Und das will er machen, indem er verstärkt auf bewährte Programme wie eben Schuldenberater Zwegat setzt. "Wir müssen unsere Hausaufgaben machen", sagte Schäferkordt im Gespräch mit stern.de. Und das heißt für RTL sparen: an Produktionskosten, an großen Events. Dafür noch mehr Doku-Soaps, als es ohnehin schon gibt. "Man muss sich auf Formate konzentrieren, die dem Sender ein Gesicht geben", glaubt Schäferkordt. Im Fall RTL bedeutet dies vor allem "Deutschland sucht den Superstar", "Die Super-Nanny" oder "Bauer sucht Frau".

"Krise bedeutet Unruhe und Ängste. Da rufen die Zuschauer nach Bewährtem und etablierten Erfolgsformaten", meint die Senderchefin. Den ansehnlichen Marktanteil von 16,7 Prozent im ersten Halbjahr 2009 will man sich nicht durch risikoreiche Neuerungen kaputt machen. Auch bei den US-Serien setzt man daher auf Bewährtes wie "Dr. House" oder "Monk". Es muss gespart werden. Am besten da, wo es der Zuschauer nicht sieht, so Schäferkordt. Aus diesem Grund wird der Zuschauer künftig am frühen Morgen und späten Abend nicht mehr die gewohnte Dichte an Erstausstrahlungen vorfinden. Außerdem will man sich in Köln nun auf Langlauf-Formate konzentrieren und weniger auf große, einmalige und vor allem teure TV-Events und -Shows setzen, die laut Schäferkordt alleine im Auf- und Abbau sechsstellige Kosten verursachen.

Auch personell setzt RTL nicht auf große Neueinkäufe. "Neuzukäufe im großen Stil, wie Sat1 sie gerade tätigt, haben wir nicht nötig", betont Schäferkordt. Günther Jauch bleibt Hauptaushängeschild. "Wer wird Millionär?" feiert im Herbst zehnjähriges Jubiläum mit einer Sondersendung. Außerdem moderiert Jauch eine Eventshow mit dem Arbeitstitel "Das große Ost-West-Duell - Ist die Mauer wirklich weg?", in der Ost- und Westdeutsche getestet werden, was sie eigentlich voneinander wissen. Die zunächst einmalige, von Oliver Pocher moderierte Quizsendung "5 gegen Jauch" soll voraussichtlich bereits im September ausgestrahlt werden. Im Erfolgsfall, so Schäferkordt, sei eine Fortsetzung denkbar. Wie sich das jedoch mit Pochers im Oktober beginnendem Exklusiv-Vertrag bei Sat1 vereinen ließe, fragte sich manch einer am Rande des Hamburger Programm-Screenings.

Mehr Nannys, mehr Zwegats, mehr Rach

Auch Restauranttester Christian Rach bleibt ein wichtiger Name, gewinnt sogar an Bedeutung. Er bekommt eine neue Sendung: "Rachs Restaurant" wird eine Castingshow für arbeitslose Köche, mit deren Hilfe der Hamburger Sternekoch sein neues Restaurant eröffnen will.

Stillstand bei RTL. Kostengünstigere Real-Life- und Coachingformate behalten weiterhin einen hohen Stellenwert. Moderatorin Julia Leischik wird künftig in der Primetime bei "Vermisst" nach verschollenen Personen suchen, Vera Int-Veen soll in "Das große Abnehmen" eben dieses bei einer schwergewichtigen Truppe vorantreiben. Die Coachingformate "Endlich wieder Arbeit!" und "Nachbarschaftsstreit - Kolb greift ein", deren Konzepte sich nahezu von selbst erklären, sind zwar neu im RTL-Programm, jedoch hat man Sendungen wie diese so oder so ähnlich schon längst und zuhauf woanders gesehen.

Lesen Sie auf Seite 2 welchen furchtbaren Trend den Zuschauer im neuen RTL-Nachmittag erwartet und warum man auf das Dschungelcamp verzichtet

Neuigkeiten - jedoch fernab von bahnbrechenden Konzepten - gibt es lediglich auf der RTL-Baustelle Nachmittag. Dort sollen werktags "gescriptete Dokusoaps" aus dem Sozialmilieu die "Oliver Geissen Show" ersetzen. Pseudoreale Dokusoaps mit Laiendarstellern statt echten Schicksalen. Manch einer wird sich doch tatsächlich nach dem Daily Talk zurücksehnen. Oliver Geissen, der sich nach zehn Jahren aus diesem Segment zurückzieht, wird dafür mit "18 - Forever Young" eine neue Show am Freitagabend präsentieren. Im geissenüblichen Retro-Ranking-Konzept wird der Dauergrinser sich mit drei prominenten Gästen an ihre Zeit des Erwachsenwerdens erinnern.

Auf dem Testsendeplatz am Sonntag um 19.05 Uhr, von dem aus es schon einige Newcomer in die Primetime geschafft haben, soll ab Herbst "Die Farm" ausgestrahlt werden. Keine Eigenproduktion. Natürlich. Sondern ein Format, das sich erfolgreich in 40 Länder verkauft hat. Das passt zur Schäferkordt-Strategie. Moderiert wird die Bauernhof-Soap von Inka Bause (stern.de berichtete). Nachdem die Moderatorin im vergangenen Jahr noch als neue Wunderwaffe mit sieben eigenen Formaten und Exklusivvertrag mit viel Tamtam bei RTL präsentiert wurde, machte man diesmal nicht so viel Wind um die neuen Projekte. So werden kommende Saison auch die lange angekündigten Folgen von "Jugendliebe" ausgestrahlt, in denen Bause Ex-Paare nach Jahren wieder zusammen bringt.

Offenbar vor dem Abbau der 20 Stellen im Bereich Fiction und Sitcom hat RTL mit der Produktion des Event-Zweiteilers "Vulkan" mit Heiner Lauterbach, Katharina Wackernagel und Katja Riemann sowie von "Der Flaschengeist" mit Torben Liebrecht" begonnen. Kai Wiesinger wird in der kommenden Saison in "Die Jagd nach der Heiligen Lanze" zu sehen sein. Das Dschungelcamp muss bekanntlich für ein Jahr aussetzen. Weil man sich "auf wenige Highlights konzentrieren will". Und manche Highlights sind nun mal kostspielig: Für insgesamt neun Spiele der Fußball WM 2010 konnte sich der Privatsender die Rechte sichern.

Am Ende macht Frau Schäferkordt dann doch noch Hoffnung: Es soll sie tatsächlich noch geben, die großen, neuen Ideen, die in den RTL-Schubladen lauern. Die sind jedoch noch nicht spruchreif und werden erst etwas für die nächste Saison. Zwei, drei ganz dicke Dinger soll es da geben. "Und wenn wir die umsetzen, dann werden sie staunen", so die RTL-Chefin zu stern.de. Ist das jetzt noch Fiction, Frau Schäferkordt, oder schon Real Life?