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Faszination "The Voice of Germany" Piep, piep, piep - wir haben uns alle lieb


Das Ende der Castingshows naht. Nur "The Voice of Germany" stemmt sich erfolgreich gegen den Trend. Was hat die Show um Nena, was andere nicht haben? Sie ist ein Hort des Gutmenschentums.
Von Jens Maier

Um deutsche Talentwettbewerbe ist es nicht gut bestellt: Die zehnte Staffel von "Popstars", immerhin die Mutter aller deutschen Castingshows, ist gerade wegen anhaltender Erfolglosigkeit vorzeitig aus dem Programm geflogen. RTL muss für seine Shows "Das Supertalent" und "Deutschland sucht den Superstar" mediale Dauerprügel einstecken - da hilft selbst die Verstärkung durch Thomas Gottschalk und Tokio Hotel nicht. Die Idee der Talentsuche via Fernsehen scheint ausgelutscht zu sein. Sogar RTL-Chefin Anke Schäferkordt spricht inzwischen unverhohlen vom bevorstehenden Ende des einstigen Erfolgsformats.

Umso erstaunlicher ist, was sich derzeit donnerstags- und freitagsabends im deutschen Fernsehen abspielt. Singende Putzfrauen und schräge Punker setzen die TV-Nation in Verzückung und hauchen dem totgesagten Genre neues Leben ein. "The Voice of Germany" stemmt sich gegen den allgemeinen Abwärtstrend. Bei der Auftaktsendung schalteten in der vergangenen Woche 4,69 Millionen Zuschauer ein, die zweite Ausgabe verfolgten sogar 5,24 Millionen. "The Voice" knüpft nahtlos an die guten Quoten der ersten Staffel an und liefert damit den Beweis, dass eine Castingshow nach wie vor großen Erfolg haben kann.

"The Voice" ist nett zu seinen Kandidaten

Was "The Voice" so faszinierend macht? Nena, sagen viele. Zu Beginn der 80er Jahre, als die Neue Deutsche Welle über Deutschland schwappte, wurden ihre 99 Luftballons in der ZDF-Hitparade von Rex-Gildo-Liebhabern noch ausgebuht. Inzwischen ist sie längst so etwas wie die Pop-Göre der Nation geworden. Mit meditativ verklärtem Blick und als käme sie frisch aus dem Yoga-Ashram erklärt sie meist ziemlich laut und lachend, warum eine Kandidatin oder ein Kandidat "ein ganz besonderer Mensch" ist und sie das schon nach 20 Sekunden erkannt hat. Nena ist der Anti-Bohlen. Selbst wenn ihr etwas nicht gefällt, findet sie irgendwas immer gut. Einen Kandidaten runterzumachen, käme ihr nie in den Sinn - und sei er noch so schlecht.

Offenbar kommt das bei den Zuschauern, die im restlichen Programm von Peinlichkeiten überflutet werden, an. Die kompletten Castings bei "DSDS" sind ein Gruselkabinett der Fremdschäm-Momente. Da wird gerne auch Mal ein Kandidat gezeigt, der sich in die Hosen gemacht hat. An Niveaulosigkeit ist das kaum zu überbieten. Davon hebt sich "The Voice" wohltuend ab. Die Vorab-Castings werden nicht gezeigt, besonders unfähige Teilnehmer werden aussortiert. Es entsteht der Eindruck, als bestünde ganz Deutschland aus Gesangsgenies, die nur darauf gewartet haben, entdeckt zu werden. Mitten in einer Welt aus Euro- und Griechenlandkrise ist "The Voice" ein Hort der Glücksseligkeit, in dem das Jammern ein Ende hat. Ein schönes Gefühl.

Es geht auch ohne Spektakel

Es geht um die Musik, um die Stimme, nicht um Äußerlichkeiten - so lautet die Botschaft der Show. Doch dies alleine reicht nicht, wie Anfang des Jahres die ARD-Show "Unser Star für Baku" gezeigt hat. Dröge und langweilig war die Talentsuche der schönen Stimmen. Weil der Gewinner schon von Anfang an klar war und weil trotz Blitztabelle die Dynamik fehlte. Diese wird bei "The Voice" durch den Wettbewerb der Coaches erzeugt. Denn Nena muss sich mit Xavier Naidoo, Rea Garvey und The Boss Hoss um die Showtalente streiten. Das klassische Bewertungsmodul, bei dem Juroren über einen Kandidaten urteilen, wird auf den Kopf gestellt. Plötzlich sind es die Teilnehmer, die eine Bewertung abgeben dürfen und sich für eines der Jury-Mitglieder entscheiden dürfen. The Boss Hoss gelang das Buhlen um die Kandidaten in der ersten Staffel so gekonnt, dass sie nicht nur die Siegerin Ivy Quainoo in ihrem Team hatten, sondern auch selbst deutschlandweit bekannt wurden.

Das Konzept geht auch in der zweiten Staffel auf. Am Ende wird "The Voice" zwar das Aus für das Genre nicht verhindern können, aber die Talfahrt ist deutlich langsamer geworden. Vielleicht kann es der Show sogar gelingen, nicht nur Castingshows, sondern das Fernsehen besser zu machen. Denn die Botschaft an Produzenten und Programmverantwortliche lautet: Shows, die nicht nur auf das pure Spektakel setzen und Zuschauer und Kandidaten ernst nehmen, statt sie für Vollidioten zu halten, haben eine Chance.


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