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Größter Preissturz seit 1991: Die Saudis fluten die Welt mit Billig-Öl, um Putin zu schaden – das könnte nach hinten losgehen

Russland düpiert Saudi-Arabien bei Verhandlungen – woraufhin die Saudis nun den Öl-Preis ins Bodenlose stürzen lassen. Die Scheichs wollen mit billigem Öl ihre Konkurrenten loswerden. Doch der Plan könnte nach hinten losgehen.

Wladimir Putin (links) und Mohammed Bin Salman

Wladimir Putin (links) und Mohammed Bin Salman

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An tiefrote Kurse haben sich Börsenanleger bereits gewöhnt. Doch am Montagmorgen beschleunigte sich der Ausverkauf noch einmal dramatisch: Denn zu den Sorgen rund um das neuartige Coronavirus, dessen Folgen für die Wirtschaft derzeit nicht absehbar sind, gesellt sich nun auch noch der Absturz des Öl-Preises. In der Nacht zum Montag sank der Preis für ein Barrel Öl (159 Liter) der Nordseesorte Brent um etwa 30 Prozent auf rund 31 US-Dollar. Das ist der größte Rückgang seit Januar 1991 zu Beginn des ersten Golfkrieges. Seit Jahresbeginn hat sich der Preis fast halbiert.

Es war ein Knall mit Ansage

Am Freitag scheiterten die Verhandlungen der führenden Öl-Staaten über eine Drosselung der weltweiten Fördermenge. Allen voran die Scheichs wollten eine Verknappung durchsetzen, sie planten eine Drosselung der Rohöl-Förderung um 1,5 Millionen Barrel am Tag. Russland will dagegen so viel wie möglich fördern, um die USA mit ihrem Fracking-Öl im Zaum zu halten. Die beiden Haltungen sind unvereinbar - und so scheiterten die Gespräche. Vom 1. April an gelten nun gar keine Förderbeschränkungen mehr.

Daraufhin kündigte das Königreich Saudi-Arabien - immerhin der größte Öl-Exporteur der Welt - an, den offiziellen Verkaufspreis für alle Abnehmer zu senken. Ab April soll die Fördermenge sogar noch hochgefahren werden. Das dürfte Russland nicht einfach so auf sich sitzen lassen. Experten erwarten einen ähnlichen Schritt und sehen nun einen Krieg um das billigste Öl heraufziehen.

Das steckt hinter Saudi-Arabiens Vorstoß

Auf den ersten Blick mag es widersprüchlich erscheinen, dass Saudi-Arabien nun die Ölhähne bis zum Anschlag aufdreht, obwohl sich das Königreich vor wenigen Tagen noch für eine moderate Drosselung einsetzte. In Wirklichkeit ändert sich lediglich die Taktik: Da eine Stabilisierung des Ölpreises an Russlands sturer Einstellung scheiterte, versuchen die Scheichs nun, den Markt mit billigem Öl zu fluten - in der Hoffnung, dass die Konkurrenten kurz- oder mittelfristig die Segel streichen und man am Ende als letzter großer Player auf dem Feld steht.

Diese Taktik kann erfolgsversprechend sein, bereits Mitte der Achtziger beschleunigte der Verfall des Erdölpreises den Untergang der Sowjetunion. Der Kreml musste damals einen Staatsbankrott erklären und startete die größte Umschuldung seiner Geschichte. Doch dazu wird es Putin nicht kommen lassen wollen. "Das wird jetzt schmutzig", sagte Hedgefonds-Manager Doug King über den aufziehenden, sich möglicherweise über Monate hinziehenden Preiskrieg.

Max Viessmann, CEO der Viessmann Group.

"Die Kombination aus höherer Ölförderung und geringerer Nachfrage aufgrund des Coronavirus" mache einen Preiskrieg unausweichlich, erklärt auch Bill Farren-Price, Analyst bei Petroleum Policy Intelligence. Er scheint sich keine Illusionen mehr zu machen, dass die Sache für alle Parteien ein gutes Ende nehmen wird: "Es wird ein Blutbad geben."

Die Taktik hat viele Risiken

Die Taktik der Scheichs ist nicht frei von Risiken. Was für Saudi-Arabien spricht: Keine der großen Nationen kann Öl so billig produzieren. Im vergangenen Jahr produzierte der weltgrößte Ölkonzern Saudi-Aramco 10,3 Millionen Barrel Öl pro Tag - und das laut Unternehmensangaben für gerade mal 2,80 Dollar pro Barrel. Im Vergleich zu anderen Öl-Firmen ist das sehr rentabel. Für die gleiche Menge Öl rechnet Exxon Mobil mit etwa 16 Dollar, das russische Unternehmen Rosneft mit mehr als 20 Dollar. Und Saudi-Arabien könnte die Fördermenge sogar auf 12 Millionen Barrel pro Tag erhöhen.

Was für Russland spricht: Angaben des Internationalen Währungsfonds zufolge genügt Russland für einen ausgeglichenen Staatshaushalt ein Ölpreis von 42,40 US-Dollar je Barrel, die US-Amerikaner liegen "Bloomberg" zufolge auf einem ähnlichen Niveau. Saudi-Arabien braucht dagegen mit 83,60 Dollar fast doppelt so viel. Dieses Niveau hat es seit mehr als fünf Jahren nicht gegeben und angesichts der jüngsten Eskalation ist damit auch in naher Zukunft nicht zu rechnen.

Saudi-Arabien muss viele Schulden in Kauf nehmen

Damit ist klar: Angesichts des derzeitigen Preises von 31 US-Dollar je Barrel verlieren alle. Gewinnen wird also nicht der mächtigste Teilnehmer, sondern derjenige, der das meiste Leid - also das größte Haushaltsdefizit - ertragen kann. "Bloomberg" zufolge dürften die Amerikaner wohl als erstes aus dem Preiskampf aussteigen, denn die Wall Street hatte jüngst ohnehin nur noch wenig Geduld mit Ölkonzernen.

Saudi-Arabien wird es jedoch auch dann nicht leicht haben, wenn die US-Amerikaner sich mit ihrem Schieferöl zurückziehen. Denn heute steht der Ölgigant angesichts des aufgeblähten Staatshaushalts auf viel wackligeren Beinen als 1985.

Mohammed bin Salman, Kronprinz von Saudi-Arabien

Zwar kündigte Mohammed Bin Salman - Königssohn, Verteidigungsminister und stellvertretender Premierminister - vor vier Jahren an, das Land mit diversen Reformen unabhängiger vom Öl machen zu wollen. Doch davon ist das Land noch weit entfernt. Saudi-Arabien ist abhängig vom Öl.

Gut möglich, dass Russland sich als zäherer Widersacher herausstellt, als die Saudis zunächst vermutet haben.

Quellen: NZ Herald, Rappler, Bloomberg,