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Schleichwerbung in der ARD: Aktennotiz belastet WDR

In der Affäre um Schleichwerbung im ARD-Programm gibt es neue Hinweise darauf, dass man im Senderverbund schon früh über derartige Praktiken informiert war. Betroffen ist auch ein WDR-"Tatort" mit Kommissar Schimanski.

Von Johannes Röhrig

Aktennotizen eines langjährigen Produktionsleiters der ARD-Tochter Bavaria legen nahe, dass heimliches Product Placement schon Mitte der 80er Jahre in Kooperation mit einem Manager des Westdeutschen Rundfunks installiert wurde. Im August 1985 habe es zu diesem Zweck ein erstes Treffen beim WDR gegeben, notierte später der Bavaria-Manager Lutz Hengst. Auf Seiten des Senders sei der damalige Leiter der WDR-Vertriebsfirma, Horst Schering, involviert gewesen. Hengst schreibt: "Dr. Schering ... teilte mir mit, dass auch innerhalb der Geschäftsleitung des WDR über Product Placement diskutiert werde."

In der Folgezeit seien im WDR-"Tatort" "Zahn um Zahn" sowie in den Folgen "Freunde" und "Bazooka Bande" Produkte werblich platziert worden. WDR-Mann Schering sei stets über den Stand der "Firmenangebote" informiert gewesen.

WDR bestreitet Schleichwerbung

Produktionsmanager Hengst ist seit 1999 tot. Der WDR bestreitet seine Darstellung: "Dr. Schering hat uns gegenüber erklärt, dass er in keinem Fall Product Placement sanktioniert habe", so eine Sprecherin. Die Geschäftsleitung habe keine Schleichwerbung geduldet.

Im Jahr 2005 war öffentlich geworden, dass in Produktionen der Bavaria und ihrer Tochterfirma Colonia Media für die ARD jahrelang systematisch Schleichwerbung betrieben wurde - allein in der Vorabendserie "Marienhof" in 117 Fällen. In der ARD selbst will niemand etwas von den anrüchigen Werbedeals gewusst haben, ARD-Programmdirektor Günter Struve sagte damals: "Die ARD wurde betrogen."

Gelder für 'Vermittlung Industriefilm-Projekte'

Der WDR, der an der Bavaria und der Colonia Media beteiligt ist, verklagte sogar einen der ehemaligen Produktionsmanager der Colonia Media auf Schadenersatz, Frank Döhmann. Im März wies das Landgericht Köln die Klage in erster Instanz ab. Die Begründung ist eine Ohrfeige für den Sender: Das Gericht gehe davon aus, dass "bei nur oberflächlicher Prüfung der Jahresabschlüsse und der Buchhaltung" der Colonia Media durch den WDR schon lange vorher hätte ersichtlich sein müssen, dass hier Schmu im Spiel gewesen sein könnte. Aus dem Urteil: "Schließlich hat die Colonia Media in erheblichem Umfang - unstreitig sind mindestens 129.460,64 Euro - Gelder erhalten, welche ... als 'Vermittlung Industriefilm-Projekte' verbucht waren".

Auch ein Brief aus der ARD-Programm-Direktion, der nun auftauchte, wirft ein anderes Licht auf den Fall. Er zeigt, dass auch diese Stelle an fragwürdigen Kooperationen mit der Industrie beteiligt war. So wurde die Deutsche Tourenwagenmeisterschaft (DTM) über Wochen in den Handlungsstrang bei "Marienhof" eingebunden. Am 7. Juli 2003 schreibt eine Mitarbeiterin von Programmdirektor Struve über die Beschaffung des "gesamten DTM-Materials" an den Produzenten der Serie: "Sämtliche Kosten, die dabei anfallen werden, übernimmt Opel."

Struve sagte auf Anfrage dazu, es habe sich um eine "Cross-Promotion-Aktion" gehandelt, "sie wurde nicht durch Dritte initiiert". Bei den von Opel übernommenen Kosten habe es sich um Kurierkosten für Filmmaterial gehandelt.

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