Siemens-Affäre Löschers Kärrnerarbeit in München


Siemens-Chef Peter Löscher müht sich, die Schmiergeldaffäre schnell aufzuklären. Am Donnerstag muss er sich den Aktionären stellen und bohrende Fragen beantworten. Am Ende könnte sogar ein Siemens-Urgestein seinen Heiligenschein verlieren.
Von Christoph Hus

Peter Löscher weiß, dass er einen langen Tag vor sich hat. Bei der Siemens-Hauptversammlung in der Münchener Olympiahalle muss der Vorstandschef rund 10.000 Aktionären Rede und Antwort stehen. Sie werden schimpfen, weil Manager dem Unternehmen jahrelang Aufträge verschafften, indem sie Entscheidungsträger bestachen. Sie werden bohrende Fragen stellen, wie der neue Chef Löscher den Scherbenhaufen beseitigen und das angekratzte Image des Unternehmens aufpolieren will. Sie werden Manager persönlich anklagen, aktuelle wie ehemalige. Und mehr als bei jeder anderen Hauptversammlung wird gelten: Ende offen. Niemand kann absehen, wann das Drama in der Olympiahalle endet.

Löscher ist lange Arbeitstage gewohnt. Vor einem halben Jahr hat der 50-Jährige Österreicher den Chefposten bei Siemens angetreten - dem Unternehmen, das von immer neuen Enthüllungen über Schmiergeldzahlungen schwer angeschlagen ist. Löscher hat seither kaum einen Stein auf dem anderen gelassen. Er führte eine neue Konzernstruktur mit drei statt zehn Sparten ein und wechselte fast den kompletten Vorstand aus.

"Es wird noch Jahre dauern"

Nach der Hauptversammlung wird diese Arbeit weitergehen. Löschers wichtigste Baustelle sind die Gespräche mit der US-Börsenaufsicht SEC: Die Amerikaner haben sich noch nicht festgelegt, welche Strafe sie Siemens für die Vergehen aufbrummen werden. Und auch um die Haltung seiner Mitarbeiter muss sich Löscher kümmern. Offenbar sind viele altgediente Siemensianer immer noch überzeugt, sie hätten alles richtig gemacht. "Die Aufarbeitung wird uns noch Jahre beschäftigen", prophezeit Löscher.

Die Siemens-Krise hatte am 15. November 2006 ihren Anfang genommen. In einer Großrazzia durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft Büros. In den folgenden Wochen und Monaten begannen auch Staatsanwälte im Ausland zu ermitteln. Der Vorwurf: Siemens habe Schmiergeld gezahlt, um an Aufträge zu kommen. Wenige Wochen später wurde Ex-Vorstand Thomas Ganswindt verhaftet und Siemens räumte zweifelhafte Zahlungen in Höhe von 420 Millionen Euro ein.

Nachdem zunächst die Kommunikationssparte im Visier der Ermittler gestanden hatte, stellte sich heraus, dass Siemens offenbar auch im Kraftwerksbau bestochen hatte. Immer neue Fälle kamen ans Tageslicht: In China soll der Konzern Offiziellen Schmiergeld gezahlt haben. Genauso in Indonesien, wo Geld im Zusammenhang mit dem Bau eines Kohlekraftwerks und der Ausstattung eines Krankenhauses geflossen sein soll. Hinzu kommen Fälle in Ungarn, Frankreich, Italien, Russland, der Schweiz und Israel. Immer deutlicher trat zutage, dass es sich nicht nur um Einzelfälle handelte, sondern um systematische Bestechung.

Die SEC im Nacken

Im Frühjahr schlitterte Siemens auch noch in eine Führungskrise. Im April erklärte Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer seinen Rücktritt. Kurz darauf gab Vorstandschef Klaus Kleinfeld bekannt, seinen Vertrag nicht verlängern zu wollen. Beide beteuerten von der Affäre nicht gewusst zu haben, trotzdem mussten sie mehr oder minder freiwillig gehen. Im Sommer trat Peter Löscher Kleinfelds Nachfolge an - als erster Vorstandschef ohne Siemens-Karriere.

Seither kämpft Löscher für eine schnelle Aufklärung und eine möglichst milde Strafe der US-Börsenaufsicht SEC. Eine einmalige Zahlung käme ihm wohl am besten zupass - selbst wenn sie Milliardenhöhe erreichen sollte. Viel härter würde es den Konzern treffen, wenn Siemens in Zukunft von öffentlichen Ausschreibungen in den USA ausgeschlossen würde.

Leistet Siemens überzeugende Aufklärungs- und Präventionsarbeit, könnte das die Amerikaner milde stimmen, hofft Löscher. Deshalb arbeitet er mit Hochdruck daran, Instrumente zu installieren, um Bestechung in der Zukunft zu erschweren. Im Zuge des Umbaus der Führungsstruktur hat er die Kompetenzen der bislang mächtigen Landeschefs beschnitten. Außerdem hat der neue Chef eine Reihe so genannter Compliance-Regeln erlassen, die Pflichten von Mitarbeitern festlegen und Verhaltensregeln vorgeben. "Wir hoffen, dass die SEC unsere Anstrengung honoriert, so konsequent vorgegangen zu sein", sagt Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme.

Um die Aufklärung der Schmiergeldzahlungen zu beschleunigen, bietet Siemens seinen Mitarbeitern seit Kurzem eine Amnestie an. Wer im Rahmen des Programms "Tell Us" seine Sünden beichtet, muss nicht um seinen Job fürchten. Experten zweifeln aber daran, dass das Programm Wirkung zeigt: Denn wer sich selbst belastet, muss mit einem Strafverfahren rechnen.

Zum Jahresende konnte Siemens-Chef Löscher mit den Geschäftszahlen endlich einmal gute Nachrichten verkünden: Der Umsatz stieg im abgelaufenen Geschäftsjahr um neun Prozent auf 72,5 Milliarden Euro. Der Gewinn nach Steuern kletterte um 21 Prozent auf über vier Milliarden Euro. Prompt gab der Manager noch höhere Renditeziele für die folgenden zwölf Monate aus. Die Aktionäre dankten es ihm mit einem steigenden Aktienkurs. Doch seit Jahresbeginn ist der Optimismus wieder vorbei - wohl auch wegen der Angst vor einer empfindlichen Strafe der SEC. Die Aktie stürzte seit ihrem Höchststand im Dezember um über 20 Prozent ab.

Was wusste von Pierer?

Die Hauptversammlung ruft den Aktionären vor allem die Probleme wieder ins Gedächtnis. So werden sie in der Olympiahalle gar nicht erst die Möglichkeit haben, alle Vorstände zu entlasten, was normalerweise nur eine Formalie wäre. Vorstandschef Löscher will nur sich selbst entlasten lassen und beruft sich zur Begründung auf ein Schreiben der US-Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton, die für Siemens die Schmiergeldaffäre im Unternehmen aufklären soll. Danach liegen den Anwälten neue Erkenntnisse vor, die Vorstände und ehemalige Vorstände belasten könnten. Auch Ex-Vorstandschef Heinrich von Pierer soll keine Absolution erhalten.

In den kommenden Wochen werden in der Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz in München also noch weitere Köpfe rollen: Spätestens im Frühjahr will die US-Kanzlei ihre jüngsten Untersuchungen abgeschlossen haben. Aufsichtsratschef Cromme erwartet die Ergebnisse gespannt: "Dann sollten wir soweit sein, dass wir einen vollständigen Überblick haben, wer wann was wusste und verantwortlich war."


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