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Siemens-Hauptversammlung: Schwarzer Tag mit rosa Ausblick

Die Siemens-Führung hatte sich auf das härteste Aktionärstreffen seit Jahren eingestellt: Die Sicherheitskontrollen waren streng, alles was als Wurfgeschoss hätte dienen können, wurde eingezogen. Die Versammlung verlief dann doch recht zahm - und endete sogar versöhnlich.

Von Rupp Doinet

Gegen Obst sind die Herren des Weltkonzerns Siemens heute offenbar allergisch. Bernd Günter aus Hamburg, Kleinaktionär, muss jedenfalls erst seinen Apfel abgeben, bevor er in die Münchner Olympiahalle zur Siemens-Hauptversammlung darf. Günter ("Ich bin ein alter Hanseat") hat dafür wenig Verständnis, wobei er noch mehr Glück hatte, als der verschnupfte Kollege vor ihm. "Dem haben sie das Nasenspray abgenommen". Überhaupt die Leibesvisitation: "So was habe ich noch nie erlebt. So lange Wartezeiten. Wie bei der Lufthansa, nur viel viel länger. Und ich dachte, wir sind ein weltweit führendes Technologieunternehmen."

von Pierer äußerte Bedauern

Das dachten alle der etwa 12.000 Aktionäre, die hier in der Arena sitzen. Doch nun ist die Rede von "größter Krise in unserer 160jährigen Geschichte", von "Korruption", "Schmiergeldskandal", der "BenQ-Pleite", habgierigen Managern, die ihr Gehalt mal so eben um 30 Prozent anheben und einer EU-Geldstrafe in Höhe von 423 Millionen Euro, wegen verbotener Preisabsprachen. Einen Schuldigen haben die Aktionäre offenbar auch ausgemacht: Aufsichtsrats-Chef und Ex-Konzernlenker Heinrich von Pierer.

Der ist zwar auch von der Hauptversammlung entlastet worden, mit 34 Prozent Nein-Stimmen erhielt der frühere Vorstandsvorsitzende aber das schlechteste Ergebnis aller Vorstände und Aufsichtsräte. Aktionärsschützer hatten kritisiert, dass Pierer die Affäre mit aufklären soll, obwohl ein Großteil der Vorfälle in seine Zeit als Vorstandschef fällt. Es sei "außerordentlich bedauernswert, wenn einzelne Vorgänge nicht so laufen, wie das geplant war", sagte von Pierer in seiner Ansprache an die Aktionäre.

Dabei habe er selbst erst vor ein paar Jahren, als er noch der Vorstandsvorsitzende war, "ganz wesentliche Schritte" zur Bekämpfung der Korruption eingeleitet" rechtfertigt sich der heutige Chef des Aufsichtsrats. Dass diese Schritte offenbar zu kurz waren, das "bedrückt mich persönlich besonders stark". Er werde "in jeder möglichen Weise" an der Aufklärung der Schwarzgeld-Affäre, die während seiner Zeit als Konzernchef begann, mitarbeiten". An den Sitzungen des Prüfungsausschusses, der den auf etwa 400 Millionen Euro geschätzten Schmiergeldskandal des Weltkonzerns aufklären soll, will Pierer dabei nicht teilnehmen, um "jeden Anschein von Befangenheit zu vermeiden".

Eher Missverständnisse denn Fehler

Fehler, so räumt er offen ein, habe es auch bei den Plänen gegeben, die Vorstandsbezüge mal eben so um 30 Prozent zu erhöhen, während draussen vor der Konzerntür die ein Jahr zuvor von Siemens an den taiwanesischen Konzern BenQ verkauften Mitarbeiter gegen den Verlust ihrer Arbeitsplätze demonstrierten. Aber diese Fehler so sagt der Aufsichtsrat seien eher Missverständnisse gewesen. Und die Vergütung des Siemens-Managements sei, gemessen an den Gehältern der anderen DAX-Vosrstände, selbst inklusive der 30prozentigen Erhöhung allenfalls durchschnittlich. Dennoch will Siemens "in Zukunft Gehaltssprünge in dieser Dimension vermeiden", um nicht "Antreiber einer Entwicklung zu werden, die in der Gesellschaft zunehmend schwerer zu vermitteln ist".

Auch Siemens-Vorstandschef Klaus Kleinfeld hat offenbar Kreide gespeist, bevor er sich vor die Kleinaktionäre wagt. Lange und fast schon mit getragener Stimme beklagt er das "düstere" Gesicht, das Siemens derzeit "auch" biete, die "Vermutungen, Spekulationen und Anschuldigungen" die sich möglicherweise sogar "bewahrheiten werden". Und was BenQ betreffe, da sei etwas gewaltig schief gelaufen".

Hervorragende Bilanz

Kaum eine Hand regt sich zum Applaus, als er das sagt. Auch dass es für die Führungskräfte des Konzerns "keine Feiertage gab", erregt nur mässiges Mitleid. Erst die Mitteilung des Vorstandsvorsitzenden, nun werde man das Regelwerk gegen schwarze Kassen, Korruption und Schmiergelder aber wirklich so verschärfen, dass man auch auf diesem Gebiet "zu einem Vorbild für andere werde", löst eine kleine Beifallsbrise aus. Und dann kommt Kleinfeld zum "strahlenden Gesicht" seiner Bilanz und die Welt ist wieder rosarot.

Umsatzzuwächse von 40 Prozent in China, 50 Prozent in Indien, 18 Prozent in den USA und 4 Prozent in der Bundesrepublik, 20 Patente pro Tag, 5,7 Milliarden Euro für die Forschung, die Entwicklung einer Turbine, bei der jede Schaufel so viel Leistung bringt, "wie zehn Porsche Turbos" und "unter allen Konkurrenten das größte Vertrauen weltweit", das sei das wirkliche Gesicht von Siemens. "So machen wir es", sagt Klaus Kleinfeld und: "Es würde dem Land gut anstehen, es auch so zu machen".

Kleinaktionäre stürmten "die Bütt"

Dann haben die Kleinaktionäre das Wort. Einer nach dem anderen steigen sie in "die Bütt", wie es ein Zuhörer aus Köln formuliert. "Die Bütt" steht zwei Stufen niedriger als das Stehpult, an dem die Siemens-Manager zuvor sprachen. Aber die Kleinaktionäre hindert das nicht daran, einer nach dem anderen dem Vorstand und Aufsichtsrat da oben bis zur Klärung der Schmiergeldaffäre die Entlastung zu versagen.

"Das Unternehmen schlittert von einer Affäre in die nächste" klagt Daniela Bergdolt von der deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz". Die Schmiergeldaffäre sei "ein Armutszeugnis für die Kontrollsysteme des Unternehmens". Henning Gebhardt von der größten deutschen Fondsgesellschaft "DWS" vermutet, dass Siemens "zu komplex aufgestellt sei" und Hans-Christof Hirt vom britischen Fondsmanager Hermes wirft dem Management des Konzerns vor, die Schniergeldaffäre "nicht verhindert und die Aufklärung zu spät eingeleitet" zu haben.

Neuanfang - aber nur mit neuer Glaubwürdigkeit

Willi Bender von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanlager fordert einen "Neuanfang für Siemens und eine neue Glaubwürdigkeit". Die aber sei "ohne einen Neuanfang nicht zu haben". Doch das, so ein Kleinstanleger und Fabrikant von Steckdosen sei alles graue Theorie, weil nämlich: Der "sensible Aufbau einer entspannenden Atmosphäre mit real existierenden Chinesen" verlaufe nun mal etwas anders, als es sich ein "Moralapostel" so denke. Auch dafür gab es Beifall.

Der Börse ist's egal. Noch während die Aktionäre über Geschäfte und Moral debattieren, schnellt der Kurs der Siemens-Aktie um 6,14 Prozent auf 82,73 Euro an die Dax-Spitze, was das Management sofort an die Wand der Olympiahalle pro-jezieren lässst. Das freut die Aktionäre und Bernd Günter aus Hamburg ist auch wieder froh. Der Vorstand des Weltkonzerns hat ihm noch während Günter den Verlust seines Apfels beklagte, einen neuen in die Bütt reichen lassen.