Spitzel-Skandal bei der Bahn "Der Vorstand hat uns getäuscht"


Im Spitzel-Skandal bei der Deutschen Bahn wächst der Druck auf den Vorstand. Im Interview mit stern.de kritisiert Aufsichtsratsmitglied Klaus-Dieter Hommel die "Salamitaktik" des Managements bei der Aufklärung der Vorfälle - und fordert personelle Konsequenzen.

Herr Hommel, was wussten Sie als Mitglied des Aufsichtsrats über das Ausmaß der Spitzelei?

Nichts.

Hat Herr Mehdorn den Aufsichtsrat nicht wenige Tage vor der Sitzung des Verkehrsausschusses in einem Brief informiert?

Ja, darin war aber nicht erwähnt, welches unglaubliche Ausmaß die Aktionen hatten. Wir wurden darüber informiert, dass es im Zusammenhang mit dem Kampf gegen Korruption Überprüfungen gegeben hat. Das Volumen wurde mit keinem Satz erwähnt, stattdessen wurde betont, dass sich alles im rechtlich zulässigen Rahmen befindet. Im Brief von Bahn-Chef Hartmut Mehdorn wurde betont, dass ein Vergleich zu den Fällen bei Lidl und Telekom nicht zulässig sei.

Und was sagen Sie jetzt?

Wir sind erschüttert und empört, dass über das Ausmaß weder der Aufsichtsrat noch die Betroffenen informiert worden sind. Es ist unglaublich, dass hier flächendeckend Mitarbeiter bespitzelt worden sind. Die Meisten können schon allein aufgrund ihrer Tätigkeit, die sie ausüben, in keiner Weise mit Korruption in Verbindung gebracht werden. Hier wurde einfach gerastert wie bei der Polizei. Und das geht auf keinen Fall.

Erste Gerüchte über die Zusammenarbeit mit Network Deutschland hat es ja bereits im Juni gegeben. Wie wurden Sie damals vom Vorstand informiert?

Damals wurde einfach behauptet, dass alles völlig übertrieben sei und dass es lediglich um den Kampf gegen Korruption gegangen sei.

Sie haben nicht nachgehakt, sondern den Aussagen des Vorstands geglaubt?

Wir haben natürlich dazu Gespräche geführt, aber den Aussagen des Vorstands auch Glauben geschenkt. Wir hatten keinen Anlass, den Wahrheitsgehalt zu bezweifeln. Das stellt sich jetzt natürlich anders dar. Wenn das Ausmaß damals schon im Vorstand bekannt war, hätte er uns informieren müssen.

Der Vorstand hat Sie getäuscht?

Ja, so könnte man es sagen. Der Vorstand hat uns über das wahre Ausmaß getäuscht. Ich verlange deshalb eine vollständige und umfassende Aufklärung der Vorfälle. Die bisherige Salami-Taktik des Vorstands ist unerträglich. Es müssen alle Fakten auf den Tisch. Wir brauchen im Interesse der Mitarbeiter vollständige Transparenz. Wenn es Gesetzesverstöße gab, müssen aus meiner Sicht auch personelle Konsequenzen gezogen werden.

Dann muss Hartmut Mehdorn gehen?

Es muss Konsequenzen für den geben, der für diesen unglaublichen Vorgang verantwortlich ist.

Das Verkehrsministerium schweigt und will erst ein Treffen des Prüfungsausschusses des Bahn-Aufsichtsrates abwarten.

Ich habe auch gehört, dass der Prüfungsausschuss sich am Freitag mit dem Thema beschäftigen will. Ich erwarte, dass die Informationen und Erkenntnisse aus dieser Sitzung dem gesamten Aufsichtsrat zur Verfügung gestellt werden. Wir müssen umfassend informiert werden.

Wolfgang Schaupensteiner hat im Verkehrsausschuss ausgesagt, der Vorstand sei nicht informiert gewesen. Ist das glaubhaft?

Das gilt es zu prüfen. Es muss geklärt werden, wer hat wann was gewusst und wie ist das rechtlich zu bewerten.

Was bedeutet eine solche Aktion für das Verhältnis zwischen Mitarbeitern und Unternehmensführung?

Die Aktion war völlig unangemessen und gegenüber den Mitarbeitern und deren Privatsphäre eine Unverschämtheit. Hier werden Mitarbeiter ohne jeden Grund und ohne jeden Verdacht überwacht. Das ist nicht unsere Vorstellung eines Rechtsstaates.

Interview: Marcus Gatzke


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker