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Spielsucht: Das gefährliche Geschäft mit Sportwetten

Sportwetten boomen: Die Anbieter können Rekorderlöse einfahren. Das liegt auch an massiver Werbung. Suchtexperten sehen die Entwicklung kritisch. Denn das Gezocke mit Fußball und Co. lockt vor allem junge Menschen.

Sportwette

Das Geschäft für Sportwetten boomt - in einer Grauzone.

Wer sich für Fußball interessiert, kommt an der Werbung für Sportwetten nicht mehr vorbei. In der Halbzeitpause rührt Oliver Kahn im Reklameblock die Werbetrommel für Tipico, während der Spiele läuft Bandenreklame mit Sportwetten-Anbietern durch Deutschlands Stadien. Kaum eine andere Branche scheint derzeit so massiv und aggressiv Werbung in den Markt zu pumpen. Offenbar lohnen sich die Bemühungen - denn das Geschäft entwickelt sich rasant.

Erzielten die Anbieter von Sportwetten im Jahr 2000 rund 500 Millionen Euro, sind es 2016 bereits 6,13 Milliarden Euro gewesen. Für dieses Jahr erwartet der Deutsche Sportwettenverband Spieleinsätze von bis zu acht Milliarden Euro. Der Verband, in dem sich große Anbieter wie Bet-at-home, Betway, Bwin oder Tipico zusammengeschlossen haben, freut sich, dass die Sportwetten "in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind", so ein Sprecher zum stern. "Als Unterhaltungsprodukt macht es den Volkssport Fußball noch spannender."

Die Branche boomt - auch weil der Zugang zu Sportwetten so leicht ist. Zum einen sind es die Wett- und Zockerbüros, die sich zunehmend in Deutschlands Städten breit machen. So betreibt Tipico rund 750 solcher Wettbüros. Ein zweiter Weg ist das Internet. Übers Netz können Zocker schnell mitspielen. Dem entsprechend wächst die Zahl der Online-Wettbuden - und die ihrer Kunden. Tipico verfügt über rund 1,1 Millionen registrierter Kunden. Mybet hat rund 1,5 Millionen.

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Sportwetten-Anbieter rühren Werbetrommel

Um noch mehr Kunden zu locken, greifen die Anbieter tief in den Werbungstopf. Gaben die Wettunternehmen 2011 rund elf Millionen Euro für Werbung aus, waren es 2016 bereits 44,5 Millionen Euro - und hierbei sind Werbung via Bezahlfernsehen und im Netz noch nicht mitgerechnet, so die "Welt". Die Reklametrommel, die die Anbieter rühren, ärgert auch die Lotto-Gesellschaften, denn der Gesetzgeber hat hier die Werbung stark reguliert und eingeschränkt. "Die Sportwettenanbieter sind zunehmend laut und ziehen damit Leute an, die bei uns dann wegfallen", klagt Rüdiger Keuchel, Geschäftsführender Sprecher des Deutschen Lottoverbands, zur "Welt".

Dabei agieren sämtliche Sportwetten-Anbieter auf einer schwammigen rechtlichen Basis. Seit der Europäische Gerichtshof 2010 das Glückspielmonopol gekippt hat, laufen die Sportwetten im Bereich der Duldung. Eigentlich wollen die Bundesländer seit 2012 die Zuständigkeit ordnen und klare Konzessionen vergeben - doch bislang gibt es keine Einigung. Oder anders: Die geplante Reform des Glücksspielstaatsvertrags, die eigentlich im März auf den Weg gebracht wurde, ist schon wieder kassiert worden. Klar ist: Ohne eine klar strukturierte Konzessionsvergabe herrscht Wildwuchs auf dem Markt.

Sachverstand erhöht nicht die Gewinnchancen

Sportwetten bergen zwei Risiken, so Experten. Zum einen glauben Sportwetter, dass ihr Sachverstand direkten Einfluss auf ihre Gewinnchancen hat. Gerade bei Fußball-Wetten nehmen die Zocker an, sie hätten dank ihres Wissens über Spieler, Vereine und die Liga schon halb gewonnen. "Die Spieler glauben, das habe mit Glück nichts zu tun", so Trümper zur "WAZ". Doch Sportwetten seien eben auch nur ein Glücksspiel. Zum anderen führen gerade Live-Wetten dazu, dass Spieler ihren Einsatz aus den Augen verlieren. "Die schnelle Abfolge eines Spiels mit verschiedenen Spielereignissen, auf die Wetten abgegeben werden können, birgt ein hohes Suchtpotenzial, das unter anderem dazu führen kann, dass Menschen den Überblick über ihre Einsätze verlieren", sagt Anja Bischof, Sprecherin der Nachwuchsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie, zu "t-online.de". Der Verband der Sportwettenanbieter sieht die Gefahr weniger kritisch. "Zum Glück können die meisten Kunden sehr gut mit dem Produkt Sportwetten umgehen", so Luka Andric, Hauptgeschäftsführer der Zusammenschlusses zum stern. "Für Verbraucher, die ein problematisches Spielverhalten entwickeln, besteht die Möglichkeit sich selbst Limits zu setzen und auch dauerhaft vom Spiel auszuschließen. Wir treten dafür ein, dass dies künftig auch anbieterübergreifend möglich sein soll."

Der Boom der Wettanbieter macht Suchtexperten Sorgen. Waren vor wenigen Jahren noch kaum Sportwetter in der Sucthberatung zu finden, nehme diese Zahl zu. "Sportwetter haben in Sucht- und Spielerberatungsstellen den 'Exoten-Status' längst verloren", so der Arbeitskreis gegen Spielsucht e.V.. Besonders dramatisch: Die Zocker sind jung. Besonders die Gruppe junger Männer zwischen 21 und 25 Jahren seien gefährdet. Zwar ist der Zugang für jugendliche Spieler unter 18 Jahren durch Registrierungsverfahren verbaut, doch die Zielgruppe der nur wenig älteren Männer beunruhigt Experten. "Und die Seiten sind so gebaut, dass man von dort gleich auch ins Online-Casino kommt", sagt Jürgen Trümper, Geschäftsführer beim Arbeitskreis Spielsucht, zur "WAZ". 

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat einen Selbsttest ins Netz gestellt, damit Betroffene oder gefährdete Zocker frühzeitig auf die Warnsignale reagieren können.