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"Sport, Mafia und Korruption" auf Arte Spiel um Milliarden


Fußball ist ein Milliardengeschäft - an dem auch die Mafia verdienen will. Eine beeindruckende Dokumentation über Sportwetten im Internet gibt einen Einblick in die mafiösen Machenschaften des organisierten Wettbetrugs.
Von Katharina Miklis

Sie haben ihr bestes Pokerface aufgesetzt. Robben, Gomez, Kroos - für den TV-Spot des Wettanbieters "bwin" werben die Bayern-Spieler an einem Spieltisch für die "größte Sportwetten-Arena der Welt". "Es ist nur ein Spiel. Aber jeder will es gewinnen", lautet der Slogan. Am 19. Mai, wenn das Champions-League-Finale in München ausgetragen wird, werden nicht nur die Bayern gegen den FC Chelsea gewinnen wollen. Auch Millionen Zocker werden auf das Spiel gesetzt haben. Und das nicht nur legal.

"Sport, Mafia und Korruption" heißt der beeindruckende Dokumentarfilm von Hervé Martin Delpierre, mit dem Arte heute Abend den organisierten Wettbetrug zum Thema macht. Es geht darin auch um mafiöse Machenschaften beim Tennis, Kricket oder dem Pferdesport, doch über all dem thront der König Fußball, dem allein rund 50 Prozent der weltweiten Wetten gelten. Von 400 Milliarden Euro Jahresumsatz ist in dem Film die Rede.

Fußballwetten im Internet sind explodiert

"Innerhalb der 90 Minuten eines Fußballspiels kommen weltweit Unsummen von Geld auf tausenden von Webseiten zusammen. Wer sollte das noch kontrollieren können?", fragt Jean-Francois Gayraud vom französischen Inlandsnachrichtendienst. Der Kampf gegen die Wettmafia sei "ein Krieg mit Algorithmen, mit Rechenleistungen und Software". Fast unmöglich, da einen Überblick zu behalten. Das Internet hat das Milliardengeschäft mit den Sportwetten zu einem Fass ohne Boden gemacht. Im Jahr 2007 hat eine technische Revolution die Welt der Sportwetten völlig verändert. Seitdem kann jeder während eines laufenden Sportereignisses am eigenen Computer seine Wetten platzieren. Ein Traum für jeden Zocker. Und der Grund, warum Fußballwetten in den letzten Jahren explodiert sind, erklärt Darren Small von der Londoner Firma "Sportradar", einer Art Frühwarnsystem gegen Wettbetrug. Seine Firma beobachtet 40.000 Spiele im Jahr.

Rund 15.000 Wettanbieter gibt es im Netz. Man kann davon ausgehen, dass die wenigsten unter ihnen legal sind oder von den Behörden kontrolliert werden. Sie werden von mafiösen Organisationen betrieben und als Geldwaschanlage benutzt. Und das, so macht es die Dokumentation deutlich, obwohl die Onlinewetten den Vereinen, den Sportlern und den Wettkämpfen doch neuen Geldsegen bescheren sollte. Erhebliche Steuereinnahmen erhofften sich auch die Regierungen, als sie die Sportwetten legalisierten. Eine Rechnung, die nicht aufging.

Milliardenspiel Champions League

Filmemacher Hervé Martin Delpierre streift für seine Dokumentation durch die nächtlichen Straßen von Hongkong, wo er auf Spielsüchtige aber auch Buchmacher für illegale Sportwetten trifft. Er begleitet einen Reporter der italienischen "Gazzetta dello Sport" bei einem Gespräch mit dem betrügerischen Torwart Marco Paolini und dringt bis in die Kabine eines belgischen Provinz-Clubs ein, vor dessen leeren Rängen sinnbildlich ein ärmlich aussehendes Maskottchen tanzt.

Wenn in wenigen Tagen das Champions-League-Finale in München angepfiffen wird, dürften bereits mehrere Millionen Euro über die Tresen der Wettbüros gegangen sein. Der Fußball bricht alle Rekorde: Auf dem asiatischen Markt und bei Fußballspielen in der englischen Ersten Liga seien Wetteinsätze von einer Million Euro möglich, erklärt "Sportradar"-Direktor Small. Während Wettanbieter bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 innerhalb von zwei Wochen 900 Millionen Euro erzielten, ging es beim Spiel vom FC Barcelona und Manchester United im vergangenen Jahr etwas schneller: Innerhalb von 90 Minuten kamen mehr als eine Milliarde Euro Wettumsatz über das Internet zusammen.

400 manipulierte Spiele in Europa

René Schnitzler, Robert Hoyzer - auch deutsche Namen fielen in den letzten Jahren im Rahmen von Wettskandalen. Seit einem Jahr versuchen große Sportverbände wie Fifa und Uefa gemeinsam mit dem Internationalen Olympischen Komitee und Interpol gegen das illegale Wettgeschäft vorzugehen. Von einem "historischen Tag für den Fußball" sprach Fifa-Boss Joseph Blatter im Mai 2011, als die Fifa Interpol eine Zusammenarbeit anbot. Die Fahndungen haben bisher ergeben, dass in Europa über 400 Fußballspiele manipuliert wurden. Allein in Deutschland wird gegen 70 Personen strafrechtlich ermittelt.

Heute kann es für einen Spieler sehr viel einträglicher sein zu verlieren als zu gewinnen, heißt es an einer Stelle des Filmes. Die Doku verweist auf unterklassige Ligen, in denen Spieler schonmal monatelang auf ihr Gehalt warten müssen. "Der perfekte Spieler ist einer mit Herz und Verstand", sagt Großverdiener Toni Kroos in dem "bwin"-Spot. Wenn es um die schnellen Milliarden geht, scheint es auch genau darauf anzukommen. In einer Welt, in der die uneingeschränkte Macht des Geldes nicht zu drosseln ist, heißt es in Delpierres Film, richtet sich alle Hoffnung auf die Integrität des Sportlers: "Er ist das Herzstück des Systems, ein schwaches Glied auf dem alles beruht".

"Sport, Mafia und Korruption", Dienstag, 20.15 Uhr auf Arte


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