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Sportwetten: Milliardengeschäft in der Grauzone

Wettbüros und Sportwetten-Anbieter im Internet sind eigentlich verboten. Trotzdem verdienen sie von Jahr zu Jahr mehr Geld und führen den Staat mit juristischen Tricks an der Nase herum.

Von David Meiländer

Wettskandal hin oder her: Das Bein zittert trotzdem. Es ist schließlich Samstagnachmittag und die Bundesliga spielt. Lars sitzt auf einem Hocker an der Theke, die Brieftasche in der linken Hand und starrt gebannt zur Leinwand, auf der Hugo Almeida gerade das erste Tor für Werder Bremen schießt. Ein Lächeln. Ein Nicken. Dann wechselt ein roter Geldschein den Besitzer. Richtig getippt. Doch noch ist Lars nicht im Plus. Also zittert das Bein weiter. 60 Minuten lang. Nach 15 Minuten fährt am Fenster eine Polizeistreife mit Blaulicht und Sirene vorbei.

Eigentlich müssten die Polizisten Lars, dessen Namen wir zu seinem Schutz geändert haben, festnehmen. Denn was er hier Samstag für Samstag tut, ist strafbar. Ob auf Fußball, Baseball, Eishockey oder Golf, ob fingiert oder nicht - private Sportwetten sind in Deutschland verboten. Wettbüros oder Internetanbieter verstoßen gegen geltendes Recht. Ausnahmen gibt es nur bei Pferderennen und beim staatlichen Wettanbieter Oddset. Wer dennoch spielt, dem drohen bis zu einem Jahr, den Anbietern bis zu fünf Jahren Haft. Abschrecken lässt sich davon aber kaum jemand. Gespielt wird weiter - ob in Wettbüros oder im Internet. Und das nicht in verrauchten Hinterzimmern, sondern in aller Öffentlichkeit. Bei manchen Wettbüros, etwa in Berlin, stehen die Quoten sogar im Schaufenster.

Branche boomt seit Hoyzer

Kein Wunder, dass es der Branche blendend geht. Vor allem im Internet. Über drei Milliarden Euro verdienten die Online-Wettanbieter noch im Jahr 2006, im kommenden Jahr werden es mehr als doppelt soviel sein, schätzt die Berliner Unternehmensberatung Goldmedia. Daran konnte auch der Wettskandal um den Schiedsrichter Robert Hoyzer vor vier Jahren nichts ändern. Manche sprachen sogar von einem regelrechten Boom, als Folge des Skandals. "Der Fall Hoyzer war jeden Tag ein großes Thema im Fernsehen. Dabei wurden Sportwetten ausführlich erklärt. Jetzt haben die Leute Lust, das selbst auszuprobieren", sagte der damalige Marketing-Chef von Bwin, Marcus Meyer, dem "Handelsblatt". Sein Umsatz stieg um über 15 Millionen Euro, die Aktie schoss um 300 Prozent nach oben. Im vergangenen Jahr verdiente sein Unternehmen fast zehn Mal soviel wie 2004.

Am dritten Tag, nachdem der größte Wettskandal in der Geschichte des Fußballs bekannt geworden ist, ist auch in dem kleinen Wettbüro im Westen Berlins nichts von Zurückhaltung zu spüren. "Das ist kein Thema", sagt Lucy, die Bardame, deren Name ebenfalls geändert ist. "Aber hier redet man ohnehin nicht viel." Ein Lächeln, ein Nicken, das muss reichen. Lars lächelt nicht mehr. Aber er setzt. Außenseiterwette. Weil Werder Bremen in Führung liegt, sind die Quoten für einen Sieg des Gegners aus Freiburg in die Höhe geschossen. Für jeden Euro, den man einsetzt, bekommt man jetzt vierzig Euro heraus - falls Freiburg gewinnt. Lars setzt zehn und nimmt den ausgedruckten Wettschein in die Hand. "Wetten kann süchtig machen", steht darauf.

Allein 60 Wettbüros in Berlin

Die Bekämpfung der Spielsucht ist die offizielle Begründung für das restriktive Glücksspielrecht in Deutschland, nach dem lediglich die staatlichen Lotto- und Totogesellschaften Lotterien und Sportwetten anbieten dürfen. Spätestens seit diesem Jahr darf außerdem im Internet gar nicht mehr gespielt werden - auch Lotto ist betroffen. Das regelt der neue Glücksspielstaatsvertrag der Bundesländer. Private Wettbüros müssen geschlossen werden - es sei denn, die jeweiligen Landesregierungen erteilen ihnen eine Lizenz, was aber in aller Regel verwehrt wird. Dennoch bleibt die Mehrzahl der Büros geöffnet - in vielen Fällen, auch in Berlin, laufen zwar Ordnungsverfahren, aber sehr langsam.

Noch immer gibt es allein hier über 60 Wettbüros. "Die Frage ist immer, wie hart ich gegen die privaten Wettanbieter vorgehen will. Wenn ich das ordnungsrechtlich mache, kann sich ein Verfahren schon mal lange hinziehen", sagt der Hamburger Rechtsanwalt Martin Bahr, der sich auf Glücksspielrecht spezialisiert hat. Seiner Einschätzung nach werden die meisten Wettbüros in Ruhe gelassen. "In München ist es schon vorgekommen, dass ein Sondereinsatzkommando vor der Tür stand. So vorzugehen ist aber sehr mühselig. Da überlegen die Behörden vermutlich, dass es sinnvoller ist, einigermaßen saubere Wettbüros gewähren zu lassen und nur gegen die schwarzen Schafe vorzugehen", meint Bahr. Auch Spieler seien bisher nicht verurteilt worden. "In der Regel werden solche Verfahren eingestellt. Allerdings kann es passieren, dass Ihr Gewinn beschlagnahmt wird", so der Rechtsanwalt.

Machtlose Behörden

Das gilt vor allem für Geld aus Internetspielen, die per Banküberweisung ausbezahlt werden und deshalb leichter auffallen. Nicht nur bei Sportwetten, auch Online-Poker und Kasinospiele erfreuen sich großer Beliebtheit in Deutschland. Doch anders als bei den privaten Wettbüros, sind die Behörden hier komplett machtlos. Erst vor wenigen Tagen ließ der Internet-Anbieter Bwin eine Frist des Oberverwaltungsgerichts Münster verstreichen. Der Richter hatte das Unternehmen aufgefordert, die Internetseite bis zum 16. November für deutsche Internetnutzer zu sperren. 100.000 Euro Zwangsgeld muss das Unternehmen nun zahlen, wird dem aber wahrscheinlich nie nachkommen.

Denn der Glücksspielbetreiber Bwin sitzt mittlerweile vollständig auf der iberischen Halbinsel Gibraltar und entzieht sich somit deutscher Gerichtsbarkeit. "Die Behörden in Gibraltar würden einen deutschen Vollstreckungstitel wahrscheinlich nicht anerkennen", sagt Rechtsanwalt Martin Bahr. So ist es bei fast allen Glückspielbetreibern, die zwar einen Großteil ihres Umsatzes in Deutschland machen, ihren Firmensitz aber Urlaubsinseln wie Malta oder der Isle of Man haben. Das hat auch Konsequenzen für Spieler, die sich ungerecht behandelt fühlen. Weigert sich ein Unternehmen, Gewinne auszubezahlen, kann es nicht dazu gezwungen werden. "Die Gewinne sind ja durch einen an sich gesetzeswidrigen Vertrag zustande gekommen, deshalb können Sie sie auch nicht einklagen", so Bahr.

Kieler Regierung will Glücksspielstaatsvertrag kippen

Möglich ist, dass der Glücksspielstaatsvertrag, 2011 ausläuft. Die neue schleswig-holsteinische Regierung hat bereits angekündigt, ihn im kommenden Jahr zu kündigen und auch an private Betreiber Glücksspielkonzessionen zu verteilen. Dann könnten auch Internet-Lotto-Betreiber, wie Tipp24, die derzeit illegal in Deutschland Ihre Dienste anbieten, wieder legal auch von Deutschland aus arbeiten.

Lars spielt nicht im Internet. Lars verliert im Wettbüro. Fünf Tore hat Werder Bremen mittlerweile geschossen, am Ende sind es sechs. Der Wettschein verschwindet im Papierkorb. Das Bein zittert nicht mehr.

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