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Eurovision Song Contest in Oslo: Es wird ernst für unsere Lena

Lenamania und hohe Erwartungen hin oder her: Deutschlands Grandprix-Hoffnung bleibt bescheiden. "Ich will nicht unbedingt, unbedingt gewinnen. Mein Ziel ist es, unter die besten Zehn zu kommen, das wäre schon krass", zitierte die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" die 19-jährige Lena Meyer-Landrut am Tag vor dem Finale in Oslo.

Am Samstagabend wird sich erweisen, was die Erstplatzierungen der Abiturientin und ihres Songs "Satellite" in Wettbüros und Google-Abstimmung wirklich wert sind. Lena tritt auf dem 22. von 25 Startplätzen an. Das bunte Feld ihrer Konkurrenten, die seit der Nacht zum Freitag endgültig feststehen, reicht von einer schwermütigen Ballade aus Russland bis zum Hardrock aus der Türkei.

Das zweite der beiden Halbfinale am späten Donnerstagabend wurde von den Experten als deutlich stärker eingestuft als die erste Runde zwei Tage zuvor. Zwar gab es auch diesmal Favoritenstürze. Doch Lenas laut den Wettbüros schärfste Rivalin Safura aus Aserbaidschan mit ihrem "Drip Drop" überstand natürlich die Vorausscheidung.

Mit ihrer starken Stimme ist sie auch sicher eine ernstzunehmende Konkurrentin, wenngleich das Lied selbst keinen nachhaltigen Endruck hinterlässt. Safura ist übrigens mit 17 noch gut ein Jahr jünger als Lena, die am Pfingstsonntag - schon in Oslo - ihren 19. Geburtstag feierte. Mit Sofia Nizharadze aus Georgien und Eva Rivas aus Armenien gehören noch zwei weitere ebenso gut aussehende wie stimmstarke Sängerinnen aus Osteuropa zu den Anwärterinnen auf vordere Plätze.

Nicht zu unterschätzen sein dürfte aber auch Dänemark, das mit dem Duo Chaneé & N'evergreen und ihrem Lied "In a Moment like This" absoluten Mainstream-Pop anbietet, das aber von bester Qualität und mit allen Chancen auf einen Ohrwurm. Russland tritt mit der Peter Nalitch Band und der schwermütigen Ballade "Lost and forgotten", bei der man nie weiß, ob sie der noch junge Sänger ernst oder ironisch meint, die aber auch absolut im Ohr bleibt. Den Kontrast bildet die Türkei mit der Gruppe Magna und dem echten Hardrock-Titel "We could be the Same".

Frankreich tritt dagegen rechtzeitig vor dem Anpfiff in Südafrika mit seinem Fußball-WM-Hit "Allez! Ola! Olé" an, gesungen von dem gebürtigen Kongolosen Jessy Matador. Wenig Chancen werden dagegen Weißrussland eingeräumt, bei dem der weibliche Teil der Band am Ende mit überdimensionalen Schmetterlingsflügeln aufwartet. Geradezu bescheiden ist dagegen der Auftritt des als Geheimtipp gehandelten Belgiers Tom Dice, der bei seinem "Me and my Guitar" wirklich nur solo mit Gitarre auf der Bühne steht.

Stimmgewaltig ist auch die walkürenhaft wirkende Isländerin Hera Björk mit dem bis auf die Titelzeile englisch gesungenen Eurodance-Song "Je ne sais quoi". Und die mittlerweile 42 Jahre alte Niam Kavanagh, die den Grand Prix 1993 schon einmal mit "In your Eyes" gewann, tritt mit der allerdings nicht ganz so eingängigen Ballade "It's for you" an. Sicher nicht wenige Stimmen von Nachbarstaaten einheimsen dürfte Serbien mit der folkloristischen Balkanhymne "Ovo je Balkan" des jungen Sängers Milan Stankovic mit seiner auffälligen blonden Ponyfrisur. Und recht eingängig ist auch der griechische Beitrag "OPA" von Erfolgssänger Giorgos Alkaios.

Kein Erfolg war dagegen im zweiten Halbfinale dem Kirmessong "Ik ben verliefd" mit Drehorgelbegleitung und dem Refrain "Shalali Shalala" beschieden. Das Lied aus der Feder des mittlerweile 75-jährigen Schlumpfsong-Erfinders Vader Abraham hätte wohl auch eher zum Grand Prix der Volksmusik gepasst. Aber auch die 18-jährige Schwedin Anna Bergendahl - wie Lena Abiturientin - schied überraschend schon im Halbfinale aus.

Der Norddeutsche Rundfunk hat derweil versprochen, Lena unabhängig von ihrer Platzierung am Samstag nicht zu verheizen. "Das ist unsere Verantwortung. Wir werden sie auf keinen Fall zu etwas drängen", sagte NDR-Intendant Lutz Marmor dem "Weser-Kurier". Die Zusammenarbeit mit dem beim Privatsender ProSieben unter Vertrag stehenden Stefan Raab aber will die ARD auch bei der Auswahl des deutschen Grandprix-Songs im nächsten Jahr fortsetzen. Schließlich ging daraus Lena hervor, und so ein Talent findet man ja nicht alle Tage.

Gerhard Kneier, APN / APN