stern.de-Serie zu Nokia "Wir haben uns zur Arbeit gequält"


200 Millionen Euro lässt sich der finnische Handy-Konzern Nokia die Schließung des Werks in Bochum kosten. Die Cankayas begrüßen die Einigung mit dem Betriebsrat, eine berufliche Zukunft haben sie mit dem Kompromiss aber noch nicht. Ein neuer Teil der stern.de-Serie über die Nokia-Familie.
Von Christian Parth und Tim Farin

Die Arbeiterführer hatten darauf gesetzt, ihr Heer mit ganzer körperlicher Schlagkraft ins Feld zu führen. Drei Busladungen erzürnter Kollegen folgten dem Aufruf der Gewerkschafter und machten sich am Dienstagmorgen auf den Weg an den "Schreibtisch des Ruhrgebiets", wie das piekfeine Düsseldorf gern von den Malochern im Pott genannt wird.

Rund 300 Nokianer kamen in die Landeshauptstadt, um den Kampf ihres Betriebsrats in der Deutschland-Zentrale des finnischen Handy-Herstellers zu flankieren. Doch kaum waren die kampfbereiten Handy-Schrauber auf dem Schlachtfeld, durften sie nach einem kurzen Applaus schon wieder in ihre Reisebusse steigen und gen Bochum zurückkehren: Überraschenderweise nämlich überbrachten ihnen die Wortführer aus dem Betriebsrat konkrete Kunde.

Kündigungen zum 30. Juni

Der Durchbruch wird als Eilmeldung um 14:28 Uhr über die Agenturen geschickt. Nach monatelangen Verhandlungen entlang verhärteter Fronten haben sich Vorstand und Betriebsrat nun auf einen Sozialplan geeinigt. Nokia stellt 200 Millionen Euro für Abfindungen, Löhne sowie eine Auffanglösung zur Verfügung. Zum 30. Juni flattern die Kündigungen in die Briefkästen – laut Mitarbeiterangaben sollen die Kollegen bereits ab 1. Mai freigestellt werden. Zum 1. Juli soll sich überdies eine Beschäftigungsgesellschaft um den Großteil der 2300 Nokianer kümmern, zwölf Monate lang.

Zumindest 300 Mitarbeiter dürfen sich über eine sofortige Übernahme freuen, weil Teile des Unternehmens bereits Käufer gefunden haben. Nokia kann sich aus dieser Lösung ebenfalls erhoffen, im Streit mit der NRW-Landesregierung möglichst unbeschadet zu bleiben. Jürgen Rüttgers und sein Kabinett fordern seit Monaten populistisch eine Rückzahlung von rund 60 Millionen Euro Subventionen und haben bereits juristische Schritte bemüht. Vielleicht zeigt sich die Regierung nach dem heutigen Fortschritt wieder bereit zu einer einvernehmlichen Lösung.

Für die Beschäftigten ist die Hoffnung aber zerstoben, dass Nokia sich vielleicht doch noch einmal anders entscheiden würde. Dass die finnischen Bosse nach langer Phase der Selbstreflexion gar den Wert des Bochumer Werks und seiner Angestellten neu schätzen. "Das hat zwar niemand wirklich geglaubt, aber die Hoffnung hatten noch einige", sagt Sümbül Cankaya, deren Familie stern.de seit einiger Zeit begleitet. Ihre Fantasie nährte sich am Betrieb der Produktionslinien, die nach nahezu vollständigem Stillstand in den vergangenen Wochen wieder auf arbeitsames Niveau angekurbelt worden waren.

Während nämlich im rumänischen Cluj noch an den Werkshallen geschraubt wurde, meldete der Standort in Ungarn plötzlich Überlastung. Und so war Bochum zumindest kurzfristig wieder als Ausputzer gefragt. "Wenigstens gibt es nun ein Ergebnis", sagt Cankaya betrübt. "Auch wenn die Transfergesellschaft keine wirkliche Option für mich darstellt."

Verständnis, aber kein Geld

Noch am Vormittag gab es kaum Aussicht auf Erfolg. Nokia konterte die geplante Zusammenrottung der Gewerkschafter mit allerlei Drohgebärden. "Wir behalten uns ausdrücklich vor, im Fall der Teilnahme an dieser Veranstaltung arbeitsrechtliche Maßnahmen einzuleiten sowie diese Zeiten nicht als Arbeitszeit anzuerkennen", ließ Nokia-Chef Jürgen Koll ausrichten. "Unsere Leute wollten ihren Unmut eben auch mal wieder kundtun, weil sich eben einfach nichts bewegt", sagt Gisela Achenbach noch am Vormittag.

Zwischendurch springt die Betriebsratsvorsitzende von einem Vorstandsgespräch zum nächsten. Von Nokia gebe es kaum Signale der Annäherung, sagt sie noch in einer Verhandlungspause. Der Vorstand bemühe sich zwar, sich mit Worthülsen ein menschliches Antlitz zu geben. "Es gibt Verständnis, aber kein Geld." Das letzte Angebot der Finnen für einen Sozialplan belief sich auf gerade mal 70 Millionen Euro.

Mitarbeiter psychisch angegriffen

An fünf Verhandlungsrunden hatte Achenbach zuvor schon teilgenommen, allein eine Lösung ließ sich aus den Wortgefechten nicht destillieren. Die unklare Zukunft hat die Beschäftigten in psychische Grenzbereiche getrieben. Viele kommen seit Wochen nicht mehr zur Arbeit.

Und auch Sümbül Cankaya ist seit zwei Wochen krank geschrieben, weil die Ungewissheit über ihre Zukunft so sehr an den Nerven zehrte, dass sich in ihrem Magen inzwischen ein drückendes Geschwür breit gemacht hat. "Jeden Tag haben wir uns zur Arbeit gequält, obwohl wir wussten, dass es bald zu Ende geht", sagt Sümbül Cankaya. "Nur wussten wir eben nicht, wann genau wir auf die Straße gesetzt werden."

Sie ist froh, dass die Parteien nach der kräftezehrenden Zeit einen Kompromiss gefunden haben. Auch wenn sie die Beschäftigungsgesellschaft nicht wirklich als Option betrachte, denn sie sieht dort keine Perspektive für sinnvolle Beschäftigung. Nach Wochen der Schockstarre geht sie langsam in die Offensive über und sucht nach Möglichkeiten, sich als Einzelkämpferin im unbekannten Arbeitsmarkt durchzuschlagen. "Eines ist mir klar geworden", sagt die 35-jährige Deutsch-Türkin. "Um meine Zukunft muss ich mich selbst kümmern."


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