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Hype-Handy Nothing Phone 1 im Test: Einzigartiges Smartphone nimmt sich Apple zum Vorbild – scheitert aber am Preis

Nothing Phone 1 Glyph
Sehen nur wir einen dicken Elefanten? So sieht die Glyph des Nothing Phone 1 aus, wenn alle Lichter leuchten.
© stern / Christian Hensen
Selten gelingt es neuen Smartphone-Herstellern, Begeisterung für die Erstlingswerke zu wecken – zu übersättigt ist der Markt, zu klar sind die Rollen verteilt. Nothing ist es mit dem Phone 1 dennoch gelungen. Aber wird man den geweckten Erwartungen gerecht?

Die Smartphone-Revolution ist schon gut 15 Jahre her. 2007 läutete Apple mit dem iPhone eine neue Ära ein, die den Alltag der Menschen weltweit nachhaltig verändern sollte – sowohl zum besseren, als auch zum schlechteren. Entsprechend verbreitet sind inzwischen Smartphones aller Art auf der Welt. Die Menge derer, die also bei Erscheinen eines neuen Geräts himmelhoch jauchzend zum Händler ihres Vertrauens rennen, schrumpft von Jahr zu Jahr. 

Das sieht beim Start eines gänzlich neuen Herstellers von Android-Geräten erst recht so aus. Denn ob nun Nokia, Oppo, Samsung, Realme oder Xiaomi auf der Rückseite steht, verliert im Hinblick auf immergleiche Komponenten an Bedeutung. Diesem Schicksal ist Nothing, die brandneue Marke des ehemaligen Oneplus-Direktors Carl Pei, auf wundersame Weise entkommen. Der gebürtige Chinese mit schwedischem Pass hat geschafft, wovon viele Hersteller aktuell nur träumen – man hat auf sein Phone 1, so heißt das erste Gerät von Nothing, gespannt gewartet. Im Test beantworten wir die Frage: Zu Recht oder umsonst?

Aufnahme von 375 in Nevada, dem "Extraterrestrial Highway", der letzten Straße vor der Area 51.
Teaserbild: Getty Images / tobyfraley

Einzigartige Optik des Nothing Phone 1 als Alleinstellungsmerkmal

Nothing muss sich die Frage gestellt haben, was ein Android-Smartphone überhaupt einzigartig machen kann. Die Hardware ist es nicht – denn wie man die Komponenten zusammenwürfelt, ist am Ende eine Frage des gewünschten Verkaufspreises. Da ist die Formel verlässlich: Je mehr man verlangt, desto mehr kann man reinpacken – vom Prozessormodell über den Speicher bis hin zur Kamera ist Geld der einzige limitierende Faktor. Nothing hat sein Heil in der Optik des Telefons gefunden – und mit einer durchsichtigen Rückseite und der sogenannten Glyph etwas geschaffen, was tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal ist.

Bei der Glyph handelt es sich um 900 LEDs, die sich hinter einem transparenten Glas auf der Rückseite des Nothing Phones befinden. Sie ist in der Lage, verschiedenste Muster zu erzeugen und ansehnliche Effekte zu zaubern. Das wilde Geleuchte nutzt Nothing für verschiedene Aufgaben, vor allem, wenn man das Gerät mit dem Display nach unten legt. Denn dann fungiert die Glyph als Benachrichtigungsmelder, der mit verschiedenen Leuchtmustern Anrufe ankündigt, den Eingang von Nachrichten anzeigt oder den aktuellen Akkuladestand visualisiert.

Besonders Anrufe scheinen bei der Entwicklung eine zentrale Rolle gespielt zu haben, denn die eigens für das Phone 1 komponierten Klingeltöne lassen sich Kontakten zuweisen und durch eindeutige Leuchtmuster untermalen. Eine Spielerei? Absolut. Macht trotzdem was her.

Des Weiteren lässt sich die Glyph auch als Ringlicht verwenden, um Aufnahmen der hinteren Kamera aufzuhellen. Später will Nothing die Glyph auch für externe Entwickler öffnen, um eigene Anwendungen für das Lichtspiel zu finden. 

Mittelklasse zum Wohle des Preises

Abseits der hübschen Lightshow handelt es sich bei dem Nothing Phone 1 um ein solides Gerät der Mittelklasse zu einem fairen Preis. Das Gerät kostet, abhängig vom Speicher und Arbeitsspeicher zwischen 469 und 549 Euro. Dafür bekommt man ein 6,55-Zoll-OLED-Display, einen Qualcomm Snapdragon 778G+-Prozessor und eine 4500-Milliamperestunden-Batterie. Das Ganze ist verpackt in ein hübsches Gehäuse, dass dem iPhone 12 oder 13 sehr stark ähnelt.

iPhone 13 Pro Max Vergleich Nothing Phone 1
Nothing orientiert sich definitiv an Apple. Legt man das Phone 1 neben ein iPhone 13 Pro Max, ähneln sich die Geräte bei ausgeschaltetem Display sehr. Aber: Die Selfie-Kamera beim Android-Gerät stört weitaus weniger.
© stern / Christian Hensen

Die Haptik ist gut, das Smartphone liegt toll in der Hand und fühlt sich – vor allem für Apple-Kenner – sofort bekannt an. Im Gegensatz zu einem (wesentlich teureren) iPhone 13 Pro ist der Gesamteindruck weit weniger wertig, aber das Gewicht des Phone 1 mit 193 Gramm deutlich geringer. Das Display ist in Innenräumen super ablesbar, einzig fehlt es in gleißendem Licht an Helligkeit, um Inhalte erkennbar darzustellen.

Nothing Phone 1 Display Sonne
Bei direkter Sonneneinstrahlung lassen sich Bildschirminhalte nur noch erahnen – hier fehlt es dem Display deutlich an Helligkeit.
© stern / Christian Hensen

Sehr merkwürdig auch: Die Rückseite ist auffallend rutschig. Vom kabellosen Ladegerät, auf dem das iPhone den ganzen Tag verbringt, fällt das Phone 1 binnen weniger Minuten. Warum, ist nicht ganz klar.

Im Test reichten alle Komponenten – also Prozessor, Arbeitsspeicher und Akku – für den Alltag problemlos. Das Phone 1 ist kein Überflieger, hat in den meisten Benchmarks das Nachsehen im Vergleich mit vielen Geräten und hält maximal einen Tag lang durch. Aber: Für unter 500 Euro sehen die Erwartungen auch anders aus, als in der Königsklasse im vierstelligen Bereich. Immerhin: Das Gerät unterstützt kabelloses Laden und sogar umgekehrtes Laden. Das heißt, man kann das Phone 1 zur Ladestation für Kopfhörer oder andere Smartphones machen. In dieser Preisklasse (siehe Google Pixel 6a) ist das keine Selbstverständlichkeit. Das Gleiche gilt für den Fingerabdrucksensor unter dem Display und die Möglichkeit, das Smartphone per Gesicht zu entsperren. Beides funktioniert, beides gehört in dieser Klasse nicht zum Standard – wenn auch es nicht selten ist.

Solide Kamera, aber keine Überraschung

Das Kamera-System besteht auf der Rückseite aus zwei Knipsen mit je 50 Megapixeln, die Selfie-Kamera an der Vorderseite bringt es auf 16 Megapixel. Das sorgt für gute Ergebnisse auf beiden Seiten, im Test fiel das Phone 1 nicht durch negative Ergebnisse auf, auch wenn – selbstverständlich – andere Geräte wie das iPhone 13 Pro Max deutlich mehr Details einfangen. Da im Laufe des Tests bereits zwei Updates mit Verbesserungen für die Kamera erschienen sind, sind die Eindrücke wohl nicht final. Es folgen Testaufnahmen, mit denen man sich ein kleines Bild machen kann, was die Kamera leistet.

Nothing Phone 1 Vergleich iPhone 13 Pro Max Selfie
Das Lächeln ist ohnehin ausbaufähig, aber mit dem dunklen Gesicht im Nothing Phone 1 wirkt die Stimmung noch grimmiger. Das iPhone belichtet deutlich besser. Kurios: Beide Bilder sind am selben Ort entstanden – das Nothing Phone 1 spiegelt Selfies allerdings, deshalb sieht der Hintergrund völlig anders aus.
© stern / Christian Hensen
Nothing Phone 1 Vergleich iPhone 13 Pro Max
Die Aufnahmen vom Nothing Phone 1 sind etwas heller, die Farben des iPhones 13 Pro Max wirken realistischer. Beide Aufnahmen sind gut.
© stern / Christian Hensen
Nothing Phone 1 Vergleich iPhone 13 Pro Max
Nein, das Nothing Phone 1 macht aus einer Biene keine Hummel - versuchen Sie mal, die emsigen Tierchen ruhig zu halten. Was das Bild zeigen soll: Nahaufnahmen beider Geräte sehen toll aus.
© stern / Christian Hensen
Nothing Phone 1 Kameras im Vergleich
Schon kurios: Gleiches Motiv, völlig anderes Bild. Die Ultra-Weitwinkelkamera gibt Farben realistischer wieder, Details verschwimmen aber etwas. 
© stern / Christian Hensen
Tageslichtaufnahme Nothing Phone 1
Über Details auf Tageslichtfotos mit dem Nothing Phone 1 braucht man sich nicht beklagen. 
© stern / Christian Hensen
Nothing Phone 1 Portrait
Portraits sind für das Nothing Phone 1 kein Problem. Weitere Bildmodi: Panorama, Makro und Bilder mit Experteneinstellungen.
© stern / Christian Hensen

Vor dem Fazit noch ein Schlenker zur Software: Das Phone 1 kommt mit Android 12 und der eigenen Benutzeroberfläche Nothing OS. Das System ähnelt iOS doch sehr, weshalb die Bedienung sehr einfach und intuitiv ist. Äußerst positiv ist anzumerken, dass Nothing dem Firmennamen alle Ehre macht, wenn es um die Frage nach unnötiger, vorinstallierter Software geht. Denn das Phone 1 kommt ohne den ganzen Nervkram aus, den andere Hersteller Kund:innen ohne Rücksicht auf die Geräte schmeißen.

Fazit: Gelungener Einstand ohne Gefahr für die Oberklasse

Das Nothing Phone 1 ist ein gelungener Einstand in den Smartphone-Markt. Hochachtungsvoll nehmen wir zur Kenntnis, dass es ein Gerät tatsächlich noch schafft, sich von der Masse abzuheben. In Zeiten der RGB-Renaissance bei Gaming-Computern ist die Glyph zeitgemäß und dürfte sicherlich Fans finden. Auch der Verzicht auf störende Bloatware ist ein Statement.

Ohne das durchsichtige Gehäuse und die Beleuchtung wäre das Phone 1 wohl auch nicht aufgefallen: Es leistet in allen Belangen solide Arbeit, sticht aber weder durch unnachahmlich gute Aufnahmen, noch durch nie dagewesene Leistung hervor. Das Gerät ist absolute Mittelklasse - und somit auch relativ fair bepreist. Für 470 bekommt man weitaus schlechtere Geräte.

Aber: Auch bessere. Ein "Flagship"-Killer ist das Phone 1 mitnichten, eine Konkurrenz für das offensichtlich zum Vorbild genommene iPhone 13 schon gar nicht. Da hätte Gründer Carl Pei ordentlich an der Preisschraube drehen müssen.

Wer auf die Glyph verzichten kann und maximal viel Smartphone fürs Geld haben will, ist aktuell wohl beim Pixel 6 besser aufgehoben. Das etwas ältere Gerät leistet in allen Belangen bessere Arbeit und ist vollgestopft mit Top-Hardware. Aktueller Preis: Rund 510 Euro. Optisch ist das Pixel, wie so viele andere Geräte, aber eben Einheitsbrei.

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