Russland hat erneut eine neue Rakete eingesetzt, die Oreschnik. Eine Waffe, die sich noch in der Entwicklung befindet und – wenn man es so zynisch ausdrücken will – in der Ukraine unter realistischen Bedingungen getestet wird. Die Oreschnik ist so bedrohlich, weil man sie vermutlich nicht abfangen kann. Das Wort bedeutet "Haselnuss" und führt die Soviet-Tradition fort, Raketen nach Baumarten zu benennen.
Oreschnik basiert auf Interkontinentalrakete
Es handelt sich um eine neuartige Waffe eines Typs, von dem bereits gesprochen wurde, der aber noch nie eingesetzt wurde. Das Prädikat "neu" bleibt bestehen, auch wenn Teile der Oreschnik auf Vorgängern beruhen. Der Teil der Rakete, der sie in den Himmel hebt, basiert vermutlich auf der RS-26 Rubesch. Wegen ihrer begrenzten Reichweite liegt die RS-26 zwischen den Klassifikationen Interkontinentalrakete ICBM und Mittelstreckenwaffe IRBM.
Es ist anzunehmen, dass die Raketenstufe für die Oreschnik gekürzt wurde, um dafür einen größeren Waffenkopf unterzubringen. Das muss aber nicht bedeuten, dass die Reichweite abgenommen hat. RS-26 Rubesch benötigt keinen festen Silo, sie wird von einer mobilen Einheit gestartet.
Hohe Geschwindigkeit der Eintrittskörper
Neuartig ist nicht die Start-Rakete, sondern der Teil, den sie an den Rand der Atmosphäre transportiert. Beobachten konnte man bei den bisherigen Einsätzen den Einschlag der Wiedereintrittskörper. Eine Besonderheit ist die zehnfache Schallgeschwindigkeit – das sind etwa 12.000 Kilometer pro Stunde. Bei dem ersten Angriff mit der Oreschnik kam es zu sechs Wellen von Einschlägen auf dem Gebiet der Rüstungsfabrik Juschmasch, jede dieser Wellen bestand aus sechs Objekten.
Die Oreschnik ist in der Lage, mehrere unabhängige Wiedereintrittskörper zu transportieren, die sich auf dem Weg zurück wiederum in Submunition teilen. Nach dem derzeitigen Stand der Dinge können diese Körper schon allein wegen ihrer Geschwindigkeit von einem System wie der Patriot nicht abgefangen werden. Dabei ist auch zu beachten, dass eine Abfangrakete nur einen Eintrittskörper anvisieren und eventuell treffen könnte. Hier müssten also je nach Höhe der Teilung entweder sechs oder gar 36 einzelne Objekte getroffen werden.
Die Einschläge erfolgten in Gruppen mit leichter Verzögerung. Diesen Effekt kann man erreichen, indem die Körper, nachdem sie ausgesetzt worden sind, unterschiedliche Geschwindigkeiten erreichen. Dadurch ergeben sich dann auch verschiedene Flugbahnen. Ob diese Körper manövrierfähig sind, kann man derzeit nicht beurteilen. Auch schlagen sie nicht exakt auf dem gleichen Punkt ein. Hier lässt sich ebenso derzeit nicht bestimmen, ob das System ungenau arbeitet oder ob das Ergebnis beabsichtigt war.
Transportiert die Rakete über einen Hyperschall-Gleiter?
Auch über die spannendste Phase weiß die Öffentlichkeit wenig – nämlich das, was am Rande der Atmosphäre geschah. Die Eintrittskörper können konventionell vom Kopf der Waffe ausgestoßen worden sein. Putins großspurige Erklärung deutete seinerzeit darauf hin, dass die Oreschnik einen Hyperschallgleiter in die Höhe gebracht haben könnte. Für die großen, in Silos untergebrachten Interkontinentalraketen ist eine solche Waffe bereits einsatzfähig. Diese Systeme gleiten über die oberen Schichten der Atmosphäre. Sie folgen keiner festgelegten Parabelbahn, sondern können ihren Kurs selbst bestimmen.
Als Bild: Die Raketen bringen den Gleiter in die Höhe und dann flippert er wie ein Stein über das Wasser über die Schichten der Erdatmosphäre. Das Konzept dahinter ist erstaunlich alt. In den späten 1930er Jahren stellten Eugen Sänger und Irene Sänger-Bredt das Konzept des Silbervogels vor, manchmal auch "Amerika-Bomber" genannt. Dieser Gleiter sollte über die Atmosphäre hüpfen. Eine kühne Idee, die sich mit den damaligen Mitteln nicht hätte verwirklichen lassen. Sollte die Oreschnik etwas Vergleichbares wie den Avantgard-Gleiter transportieren, ist die Reichweite des Systems weit größer und unberechenbarer als bei einer ballistischen Flugbahn.
Oreschnik als Drohung gegen Europas Städte
Die Oreschnik ist vorwiegend eine Drohung an die Verbündeten der Ukraine. Eine solche Waffe kann konventionelle Gefechtsköpfe ins Ziel bringen. Die Zerstörungswirkung konventioneller Waffen steht in keinem Verhältnis zu den Kosten von Rakete und womöglich auch noch dem Gleiter.
So aufwendige Waffensysteme wie die Oreschnik können konventionell bestückt gegen sehr wertvolle Ziele eingesetzt werden. Ihr wahres Potenzial entfalten sie mit nuklearer Bewaffnung. Dann würde die Oreschnik einen oder zwei nukleare Gefechtsköpfe aufnehmen und dazu einen Schwarm von Täuschkörpern, um die Abwehr unmöglich zu machen. Die Demonstration zielte auf den Westen und bewies, dass die Rakete jede beliebige Stadt in Westeuropa, ob Berlin, Paris, London oder Rom, mit Atomwaffen angreifen und die Nato diesen Angriff nicht abwehren könnte. Vom Startpunkt bis nach Berlin benötigt die Oreschnik elf bis zwölf Minuten, sollte die Rakete im westlichen Teil Russlands starten, verkürzt sich diese Spanne auf acht Minuten. Putin hatte schon beim ersten Angriff Ende 2024 weitere Einsätze angekündigt, bereits da war klar, dass mehrere Prototypen vorhanden sein müssen. Dazu sprach er vom Beginn der Serienproduktion.