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Stille Weihnachten: Ohne Kommerz ging es noch nie

Weihnachten und Kommerz sind in der heutigen Zeit untrennbar miteinander verbunden. Doch Volkskundler reagieren gelassen auf die alljährliche Klagen über allzu großen Weihnachtstrubel. Denn der Widerstreit ist uralt.

Wie in jedem Jahr mehren sich auch zu diesem Weihnachtsfest die kritischen Stimmen: Viel zu früh liegen Lebkuchen und Spekulatius in den Regalen. Und die Musik in den Kaufhäusern nervt. Weil die Besinnlichkeit und die Vorfreude vor dem Fest auf der Strecke zu bleiben drohen, verwandeln sich manche Menschen in "Weihnachts-Flüchtlinge" und kehren dem Trubel den Rücken. Diese Gruppe ist gemessen an der Gesamtbevölkerung nach Einschätzung des Münchner Volkskundlers Rainer Wehse aber noch ziemlich klein. "Umfragen haben ergeben, dass zwischen drei und zehn Prozent wirklich Reißaus nehmen."

Auf das alljährlich angesprochene Problem reagieren Volkskundler wie er indes ziemlich gelassen. So rät Wehse zur Relativierung: "In Ecuador wird etwa nach der Christmette sehr viel Alkohol getrunken und auf den Tischen getanzt." Aber auch ein Blick in die Geschichte mache den Zusammenhang zwischen Weihnachten und Kommerz deutlich. "Am Wallfahrtsort stand auch immer eine Gaststätte", betont Wehse und verweist auf den üblichen Ablauf eines so wichtigen Rituals wie einer Wallfahrt. "Fastenbrechen ist auch heute noch das Ziel." Und da könne der Konsumaspekt kaum ausgeklammert werden.

Sind Sie ein "Weihnachtsflüchtling"?

Dennoch räumt Wehse ein, dass in der heutigen Zeit vielfach übers Ziel hinaus geschossen werde. Volkskundler fassen dieses Phänomen unter dem Begriff der Hypertrophie: die deutliche Übersteigerung der Bräuche. Das betrifft dann nicht nur die einzelnen Feste, sondern auch die damit verbundenen Verpflichtungen - etwa das Schenken. Für ihn ist der Wunsch vieler Menschen, bei Festen eher zurückhaltend sein zu wollen und sich auf die eigentliche Bedeutung zu besinnen, im Grunde ein alter Hut. Denn schon seit Jahrhunderten lebten Menschen in dem Widerstreit, einerseits enthaltsam sein und andererseits genießen zu wollen.

"Alles hat seine Zeit - Advent ist im Dezember"

In der Kritik steht nach Wehses Worten aber nicht nur die verfrüht eingeläutete Weihnachtszeit, sondern auch solche Feste, die als Lückenfüller zwischen den großen Festen - etwa Halloween oder der Valentinstag - angesehen werden können. "Davon profitiert natürlich die Wirtschaft", erklärt der Münchner Forscher.

Seit einigen Jahren schon macht die Kampagne "Alles hat seine Zeit - Advent ist im Dezember" speziell auf das Ausufern der Adventszeit aufmerksam. Ein Bündnis aus Kirchen, Einzelhandel, Schaustellern und Verbraucherverbänden engagiert sich seit einiger Zeit für die Aktion, die ursprünglich von der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann ins Leben gerufen wurde. Die Teilnehmer wenden sich gegen den Trend, die Vorweihnachtszeit über die Maße auszuweiten, wodurch die prägende Kraft für die Gesellschaft und für familiäre Traditionen verdrängt werde.

Kritik am Sonntags_Shopping

Denn schließlich gilt den Kirchen der November als stiller Monat mit besonders vielen Gedenktagen von Protestanten und Katholiken. Als Grenze wird in der Regel der Totensonntag genannt, an dem viele Menschen noch um verstorbene Angehörige trauern. In diesem Jahr ist den Kirchen auch die weitgehende Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten in den meisten Bundesländern ein Dorn im Auge. An vielen Orten strömten die Kunden auch an den Adventssonntagen in die Geschäfte. Bei aller Kritik, die an diesem Ausufern und der Übersättigung geübt wird, gibt Volkskundler Wehse aber zu bedenken: "Jeder beschwert sich erst darüber." Am Ende gehe man aber doch auf den Weihnachtsmarkt.

Daniel Rademacher/AP / AP