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Störfaktor Mensch: "Neoliberale sind Kulturbanausen"

Unternehmen wie Post oder Bahn lassen ihren Service verkümmern, weil es ihnen nur noch ums Geld geht. Der Mensch wird in der Wirtschaft zur Störgröße.

"Drücken Sie das bitte einmal in bar aus!" Das sei sein Ordnungsruf auf allzu wortreichen Managementkonferenzen, offenbarte Postboss Klaus Zumwinkel kürzlich in einem Vortrag über "Führungskunst in Unternehmen" seinen Zuhörern. Was sich nicht in Barwerten ausdrücken lässt, gibt es in der neuen Wirtschaftswelt nicht. Überhaupt wucherte der Vorstandsvorsitzende mit vielen globalen Spitzenleistungen seines Unternehmens. Umsatz, Gewinn, logistische Schnelligkeit: alles rekordverdächtig. Man staunt, wie schnell eine kostbare Maschine von Detroit, USA, nach Frankfurt, Deutschland, oder in einen anderen entfernten Ort der Welt transportiert ist.

Effizienz killt Nähe

Wie viel Zeit ein Brief von Bornheim bei Bonn nach Bonn braucht, konnte ich allerdings im Vortrag nicht erfahren; das weiß ich selbst. Achtmal am Tag sei die Post vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin ausgetragen worden, berichtete Sebastian Haffner. So viel muss es heute nicht mehr sein. Es würde mir genügen, wenn der Brief, der an mich adressiert ist, nicht allein deshalb an den Absender zurückbeordert wird, weil statt meiner richtigen Hausnummer "102" die falsche "100" in der Anschrift steht. Solche Differenzen hätte der alte Briefträger korrigiert. Er kannte nämlich jeden in der Straße. Der neue kennt niemanden mehr und niemand ihn. Nach einem geheimen Barwertkonzept wechseln die Einsatzrouten der flexiblen Briefzusteller. Und es bleibt ihnen auch keine Zeit für Freundlichkeiten.

Dem Barwert sind auch die kleinen Postämter auf dem Dorf zum Opfer gefallen. Damit ist jedoch mehr verschwunden, als die Barwertkalkulatoren bemerken. Die Post war einst schließlich nicht nur ein Logistikunternehmen, sondern das Postamt auf dem Dorf war eine wichtige Kommunikationszentrale. Selbst der Briefträger war nicht nur Transporteur, sondern auch Ansprechpartner. Alles passé. Na gut, wir haben das Handy. Ein Gespräch am Schalter ist jedoch ein mimetisches, akustisches, ästhetisches, bisweilen sogar haptisches Erlebnis. Kein Handy ersetzt den "Augenblick" und den "Handschlag".

Nostalgie? Der Verlust an Mensch muss teuer bezahlt werden. Fehlende Gesprächsmöglichkeiten werden zum Beispiel durch Arztbesuche kompensiert. Dem Ritual entsprechend fällt dann auch ein Rezept ab, obwohl schon tausend Pillen ungebraucht bis zur Auflösung des Rentnerhaushaltes in den überfüllten Hausapotheken verschwinden. Das treibt die Lohnnebenkosten hoch.

Der Mensche als Restgröße

Der Mensch ist in dieser rationalisierten Dienstleistungsgesellschaft eine Restgröße, die es zu überwinden gilt. Die Ratio des Dienstes ist der Barwert. Wem eigentlich gedient werden soll, gerät dabei außer Blick. Die Katze beißt sich in den Schwanz.

Die privatisierte Bahn AG spart Dienstpersonal. Fahrkarten speit ein Automat aus, der seine Dienste allerdings nur nach einem virtuosen Knopfdruck-Parcours ausspuckt. Kein Mensch weit und breit, der Fragen beantworten könnte. Menschenleere Dienstleistungsgesellschaft.

Waschanlagen für Patienten

Der Kranke im Großklinikum ist eine Nummer im "Patientenfluss", ein Begriff, der dem Aktenfluss in der Verwaltung nachgebildet wurde. Es fehlt nur noch die "Ablage" im Krankenhaus, dann ist die Analogie perfekt. In japanischen Pflegeheimen wird mit automatisierten Waschanlagen für Patienten experimentiert, in die Menschen in Spezialbetten geschoben werden. Der Unterschied zur Autowäsche ist relativ gering.

Es war wohl eine romantische Vorstellung, mit der Dienstleistungsgesellschaft die Hoffnung zu verbinden, dass das Bedienen aufgewertet würde. Eine Maschine bedienen: Ja. Einen Menschen bedienen hat dagegen keinen hohen (Bar-)Wert.

Marktlücke Mensch

Ich setze auf die Marktwirtschaft. Sie ist klüger als die Barwert-Wirtschaft. Irgendjemand - ein findiger Unternehmer - wird die Marktlücke Mensch entdecken. Beratung, Bedienung, Betreuung, das sind große Beschäftigungsfelder, die brachliegen. Allerdings, die Diener dürfen nicht mit einem Vergelt's-Gott-Tarif abgespeist werden. Ein staatlicher Zuschuss - gar in Form eines Kombilohns - macht die Sache auch nicht attraktiver. Wo schon der Staat mit Zuschüssen einspringt, auf die man sich nicht verlassen kann, hängt immer ein Almosengeruch in der Luft, und das ist nicht die Luft, in der Selbstbewusstsein gedeiht.

Shell stellt wieder Tankwarte ein. Das könnte der Vorbote einer Wende sein. Darauf sind die Barwert-Rationalisierer nie gekommen. Ihr Bar-Begriff ist beschränkt.

"Drücken Sie das bitte in bar aus." Die Ironie der Geschichte wäre, dass die Barwert-Strategen von ihrer eigenen Strategie überholt werden. Wer nur in Geld-Kategorien denkt, ist gar kein Unternehmer, sondern eher ein Unterlasser. Er lässt die Chancen ungenutzt, die sich daraus ergeben, dass der Mensch nicht ein ständig von Vorteilssuche getriebener Homo oeconomicus ist. Das wäre eine Amputation des Menschen. Kein Mensch hält es aus, ständig zu rechnen. Es sei denn, er verzichtet auf Liebe, Freundschaft und Vertrauen. Die besten Sachen, die den Menschen auszeichnen, haben gar keinen Barwert und bleiben unbezahlbar. Selbst ein Wirtschaftsunternehmen ist auf Tugenden angewiesen, die nicht kalkuliert werden können. Wahrscheinlich sind die größten Erfindungen und Entdeckungen nicht nur um des lieben Geldes willen gemacht worden.

Neoliberalismus ist Karikatur des Lebens

Max Weber behauptete, dass die ersten kapitalistischen Unternehmer vom Werkerfolg getrieben waren. Für sich wollten sie nichts. Der unternehmerische Erfolg sollte ihre göttliche Prädestination offenbaren. Das ist ein unzweifelhaft religiöses Motiv, das auch keinen Barwert hat. Aber man muss sich gar nicht in die Höhe der Theologie schrauben. Es genügt der alltägliche Umgang mit Menschen, die normal geblieben sind, um zu erkennen, dass der Neoliberalismus die Karikatur eines gelungenen Lebens ist.

Kein Unternehmen stellt etwas auf die Beine, dessen Arbeiter nur von Lohninteressen getragen werden. Es geht auch in der Arbeit um Anerkennung, Achtung, Selbstverwirklichung. Alles Sachen, die einen immateriellen Wert besitzen. Schon Immanuel Kant wusste, dass alles, was austauschbar ist, einen Preis hat, die Würde des Menschen jedoch nicht austauschbar ist. Deshalb lässt sich auch ein Barwert nicht angeben. Wahrscheinlich haben die Träumer und Idealisten mehr den Fortschritt der Menschheit bewirkt als der verkrüppelte Homo oeconomicus.

Kleinbürgerliche Protzerei

Als der Mensch sich vom Arbeitstier emanzipierte, träumte er. Seiner überschießenden Emotionen, seiner Fantasie konnte er nur mit der Erfindung der Sprache Herr werden. Arbeiten können auch Tiere. Der Termitenbau ist zum Beispiel eine architektonische Meisterleistung, ein Bienenstock das Ergebnis von viel Arbeit, und das Spinnennetz ist eine raffinierte Nahrungsmittelbeschaffungsmaschine. Kultur ist mehr. Nein, man glaubt es kaum, die Neoliberalen sind Kulturbanausen. Sie wissen es nur nicht. Aber manche ahnen es und beruhigen ihr schlechtes Gewissen, indem sie es mit Geld füttern.

Der Neoliberalismus ist der praktische Feldversuch, die Geld-Theorie von Karl Marx zu verifizieren. "Ich bin hässlich, aber ich kann mir die schönste Frau kaufen, also bin ich nicht hässlich ..., und meiner Individualität nach bin ich lahm, aber das Geld verschafft mir 24 Füße, also bin ich nicht lahm... Ich bin geistlos, aber das Geld ist der wirkliche Wert aller Dinge. Wie sollte sein Besitzer geistlos sein?" In dieser Persiflage hält Karl Marx der bürgerlichen Protzerei, "Geld regiert die Welt", den Spiegel vor.

Dinosaurier der Jetzt-Zeit

Nur gemach. Diese materialistische Wirtschaftsordnung wird nicht überleben. Und über die Global Players wird man in einigen Jahrhunderten so reden wie über die Dinosaurier, mit denen sie das Schicksal teilen, ausgestorben zu sein.

Im "Kampf der Kulturen" zählt der Barwert des Westens wenig. Ohne eine Idee davon, was der Mensch ist, hat keine Gesellschaft eine Überlebenschance. Eines steht jedenfalls fest: Er ist mehr als ein armseliger Geldzähler.

Gold und Geld sind nicht alles

Midas, der König von Phykien, wünschte von Dionysos, dem Gott der Lust, dass alles, was er berühre, sich in Gold verwandele. Der Wunsch wurde dem goldgierigen Midas erfüllt. Alles, was der arme Mann berührte, verwandelte sich in Gold. Und hätte ihn Dionysos nicht von dem Göttergeschenk befreit, wäre Midas verhungert und verdurstet. Denn auch Speis und Trank verwandelten sich unter seinen Händen in Gold.

Der Midas-Mythos ist ein Menetekel des Neoliberalismus. Alles, was der Global Player berührt, verwandelt sich in Geld. Deshalb wird diese Wirtschaftsordnung so zugrunde gehen, wie Midas verhungert und verdurstet wäre, wenn er nicht von seinem Goldrausch geheilt worden wäre. Zumwinkels Management-bar-Test wird dann in völkerkundlichen Abhandlungen unter skurrilen Marginalien Erwähnung finden, und unsere Nachfahren werden über die neoliberalen Global Players so staunen wie wir über die Neandertaler.

Ein Gastbeitrag von Norbert Blüm / print