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Tabakindustrie: 50 Jahre "Lug und Trug"

In den USA beginnt wohl der teuerste Wirtschaftsprozess aller Zeiten. 280 Milliarden Dollar sollen die Zigarettenhersteller zahlen - wegen "Betrug, Falschangaben, Halbwahrheiten und Lügen".

Die US-Regierung hat der amerikanischen Tabakindustrie vor Gericht einen 50 Jahre langen Betrug an den Verbrauchern vorgeworfen. Die Firmen hätten in einer Verschwörung die Gesundheitsrisiken durch das Rauchen verschwiegen. Zum Auftakt eines der größten Prozesse in der Wirtschaftsgeschichte der Vereinigten Staaten sagte der Anwalt des Justizministeriums, Frank Marine, in Washington, dass es in dem Verfahren um Betrug, Falschangaben, Halbwahrheiten und Lügen gehe. Justizminister John Ashcroft sprach vor Prozessbeginn von einem wichtigen Versuch, betrügerische Aktivitäten zu verhindern.

280 Milliarden Dollar Profite aus der Vergangenheit

Das Justizministerium will als Kläger von acht Unternehmen und Einrichtungen, darunter dem größten US-Zigarettenhersteller Philip Morris, die gigantische Summe von 280 Milliarden Dollar. Bei dem geforderten Betrag handelt es sich um Profite aus der Vergangenheit, die nach Regierungsargumentation auf kriminelle Weise und damit illegal erworben wurden.

Nach Darstellung der Zigarettenindustrie würde eine Verhängung des geforderten Strafmaßes zum Bankrott der Unternehmen führen. Eine Strafe in Höhe von 280 Milliarden Dollar wäre die höchste jemals verhängte Schadensersatzleistung. Die Anwälte der Firmen wollen sich nun erstmals vor Gericht äußern.

Absprachen schon 1953 begonnen

Nach Angaben von Regierungsanwalt Marine haben die angeklagten Firmen bereits 1953 mit Absprachen für eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit begonnen. Darin sei der falsche Eindruck erweckt worden, dass der Zusammenhang zwischen Krebs und Rauchen noch eine öffentliche Kontroverse sei. In einem offenen Brief in mehr als 400 Zeitungen sei Rauchern gesagt worden, dass Rauchen nicht ungesund sei und dass in der Angelegenheit weiter geforscht werde. "Das Problem für die Industrie war, dass die Menschen wegen der Sorge um ihre Gesundheit mit dem Rauchen aufhören könnten", sagte Marine.

Nach den Worten der Regierungsanwältin Sharon Eubanks hat die Industrie die Verbraucher jahrzehntelang in die Irre geführt. Noch vor zwei Jahren habe ein führender Unternehmensvertreter gesagt, dass Zigaretten nicht mehr abhängig machten als Zucker, Salz oder das Internet.

Prozessdauer: sechs Monate, Zeugen: 300

Es wird mit einer Prozessdauer von rund einem halben Jahr gerechnet. Rund 300 Zeugen sollen vor Gericht aussagen. Die Klage war bereits vor fünf Jahren unter der Regierung des demokratischen Präsidenten Bill Clinton eingereicht worden. Grundlage für den gerichtlichen Vorstoß ist ein Gesetz zum Kampf gegen die organisierte Kriminalität.

Zeitgleich mit Beginn des Verfahrens, hat ein kalifornisches Berufungsgericht eine frühere Rekord-Entschädigung in Höhe von drei Milliarden Dollar für einen krebskranken Raucher weiter reduziert. Nach US-Medienberichten muss der Tabakkonzern Philip Morris jetzt noch eine Strafe in Höhe von 50 Millionen Dollar an die Erben des inzwischen gestorbenen Klägers Richard Boeken zahlen.

Der Zigaretten-Hersteller bezeichnete auch die reduzierte Summe als "völlig überzogen" und kündigte weitere juristische Schritte an. Das Gericht in Los Angeles stellte den Erben zur Wahl, die Millionen- Entschädigung anzunehmen oder eine neue Klage einzureichen. Ihr Anwalt nannte das Urteil enttäuschend. 50 Millionen Dollar sei weniger als das, was Philip Morris in vier Tagen verdiene.

Ursprüngliche Entschädigung betrug drei Milliarden Dollar

Der 1999 an Lungenkrebs erkrankte Boeken hatte den Tabakkonzern wegen Betrugs und Verkaufs eines gefährlichen Produktes verklagt. Er kritisierte vor Gericht, dass der Konzern nicht deutlich genug auf die Gefahren des Rauchens hingewiesen habe. Der Kalifornier hatte 1957 mit dem Rauchen begonnen, als es noch keine Warnhinweise auf den Zigarettenpackungen gab.

Eine Jury sprach dem Raucher im August 2001 die Rekordsumme von drei Milliarden Dollar zu. Ein Richter vom Superiour Court in Los Angeles reduzierte den Anspruch später auf 100 Millionen Dollar. Der Raucher starb fünf Monate nach seiner erfolgreichen Klage im Alter von 57 Jahren.