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Mimikry: Lug und Trug in der Tiefsee

Tintenfische sind Meister der Täuschung - als Weibchen verkleidet schleichen sie sich an die Opfer ihrer Begierde und tricksen Mitbewerber aus.

Ganz gezielt und nur vorübergehend legen einige Meerestiere eine Tarnkleidung an, wenn sie daraus Vorteile für sich ziehen können. Männliche Riesentintenfische etwa verkleiden sich als Weibchen, um ihre Fortpflanzungschancen zu erhöhen, berichtet ein Forscherteam im Fachblatt "Nature" (Bd. 433, S. 212). Räuberische Schlangengrundeln (Plagiotremus rhinorhynchos) hingegen tarnen sich im Korallenriff gelegentlich als harmlose Putzerlippfische (Labroides dimidiatus) und greifen aus dieser Tarnung heraus andere Riff-Fische an ("Nature", S. 211).

Erfolgreiche Tuntentintenfische

Normalerweise ist das Anlegen einer Tarntracht, auch Mimikry genannt, unter Tieren ein dauerhafter Zustand, der sie das ganze Leben oder zumindest bestimmte Entwicklungsphasen lang begleitet. Die kleineren Männchen der Australischen Riesentintenfische (Sepia apama) hingegen tarnen sich nur vorübergehend als Weibchen, um trotz größerer und angriffslustiger Konkurrenten bei der Paarung zum Zug zu kommen: Scheinbar desinteressiert schwimmen sie neben einem paarungswilligen Tintenfisch-Pärchen her. Wird das größere Männchen abgelenkt, nutzen sie ihre Chance und nähern sich an das ansonsten streng bewachte Weibchen an.

In drei von fünf Fällen, die die Wissenschaftler um Jon Havenhand von der Universität von London (Egham/Großbritannien) beobachteten, führte diese Strategie zum Erfolg: Die "Tuntenfische" konnten die Weibchen besamen. Nachfolgende Untersuchungen zeigten, dass zwei Drittel der so erfolgten Besamungen auch zur Befruchtung der Eier führten.

Zur Tarnung verstecken die Tintenfische ihren typisch männlichen Fangarm, verleihen ihrer Haut ein weibliches Sprenkelmuster und nehmen zudem eine Art "Eiablege-Stellung" ein. Allerdings löst das Verhalten in der Tintenfisch-Gesellschaft ein ganz schönes Durcheinander aus: So wurde das als Weibchen getarnte Männchen seinerseits von Männchen "angemacht", und zwar sowohl von großen als auch von kleinen. Darunter wiederum waren einige, die sich selbst als Weibchen getarnt hatten: ein Betrüger versuchte also einen Betrüger zu betrügen.

Wölfe im Schafspelz

Einen anderen Grund für die Tarnung haben die blau gestreiften Schlangengrundeln vor den Küsten Indonesiens. Sie wechseln ihr Outfit schlagartig, um leichter an Beutetiere zu gelangen. Das berichten Karen Cheney und Isabelle Côté von der Universität East Anglia in Norwich (Großbritannien). In Anwesenheit junger Putzerlippfische ahmen die Schlangengrundeln Farbe und Musterung dieser harmlosen Riff-Bewohnern nach und mischen sich als Wölfe im Schafspelz unter einen Schwarm dieser Tiere. Diese Fische fressen Parasiten von der Haut größerer Fische ab, und attackieren aus dem Schwarm heraus andere Fische. Mit ihren scharfen Zähnen reißen sie kleinere Gewebestücke und Schuppen aus ihnen heraus.

In Abwesenheit von Putzerlippfischen sind die Schlangengrundeln hingegen auf die Tarnung nicht angewiesen. Sie nehmen ihre herkömmliche olive-bräunliche oder orange Färbung an und verstecken sich hinter Schwärmen anderer Fische, um von dort aus ihre Angriffe zu starten. Wie sie schlagartig ihre Farbtracht ändern können, ist bislang nicht bekannt, schreiben die Wissenschaftler.

Anja Garms, DPA