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Die Medienkolumne: Vom Nobody zum Hessen-Obama

Überraschung in Hessen: Thorsten Schäfer-Gümbel, der von Ypsilanti die zweifelhafte Ehre des SPD-Spitzenkandidats übernommen hat, legt eine ein selbstbewusste Medien-Performance hin. Dabei bedient er sich einfacher, aber effektiver Tricks.

Von Bernd Gäbler

Zunächst war da die Brille. Eigenartig ragt sie in die Gegenwart - wie ein Symbol aus einer anderen Zeit. Trug man so etwas in den achtziger Jahren oder waren es gar die siebziger? Inzwischen wissen wir: Das ist ein 16-Dioptrin-Schliff. Größere Gläser gehen da nicht. Und "Runter-Lasern" will er sich nicht lassen, weil da der Durchblick kurzzeitig verloren gehen könnte. Darum sitzt diese kleine dicke Sehhilfe zwar mitten im Gesicht des kauzigen Mannes, aber es wirkt, als hingen etwa achtzig Prozent des Kopfes teigig unterhalb der Gläser und darüber befinde sich nur eine kleine "Denkbeule" - so formuliert es die anspruchsvolle "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Und der Mann heißt auch noch genau so seltsam wie er aussieht: Thorsten Schäfer-Gümbel. Eine Pröpstin der evangelischen Landeskirche darf so einen Namen haben oder die Flötistin im Kammermusik-Kreis, aber einer, der vorstoßen will in die Riege veritabler Politiker, die allesamt Brandt heißen, Kohl, Schmidt, Fischer oder Koch? Schon mit mehr als zwei Silben hat man hierzulande keine Chancen gewählt zu werden.

Zeigt Sinn für Pointen

Und dann der, den einfach niemand kennt. Ganz frech wird da der sonstige Charme-Bolzen Claus Kleber vom "heute journal" des ZDF. Er sei doch völlig unbekannt, fragt er, wie er das denn ändern wolle. "Darum machen wir doch das Interview", antwortete Schäfer-Gümbel. Siehe da, der Mann hat Sinn für Pointen. Auch im folgenden Interview mit dem Deutschlandfunk schlägt er sich prima. Den Redaktionsbesuch in der "Faz" absolviert er schon wie ein alter Hase. Zeigt seine Brillenstärke vor, nennt gebrochene Versprechen "gebrochene Versprechen", will alles für Hessen, nur keinen wirtschaftsfeindlichen Kurs.

Bei seinem Auftritt nach der Sitzung des SPD-Vorstandes bindet er clever Franz Müntefering ein. Bei "Kerner" kommt er an der Seite von Andrea Ypsilanti zwar zunächst kaum zu Wort, hat dann aber die Lacher auf seiner Seite, als er auf die Frage, wie er denn nach der Wahl den Streit mit Frau Ypsilanti um die Fraktionsführung gestaltet wolle, erstaunt kontert, dann sei er doch Ministerpräsident. Im Landtag tritt er dann fast schon so staatsmännisch auf wie Roland Koch, dem er zugleich ins Gewissen redet, dass es im Wahlkampf nicht um "Germany's Next Topmodel" gehe, wenngleich er sicher sei, gegen Koch selbst in diesem Wettbewerb zu bestehen. Diese Passagen werden natürlich sofort Thema bei Stefan Raab. Vielleicht ist es ein Fehler, dass Roland Koch - anders als noch bei Frau Ypsilanti - ein TV-Duell strikt ablehnt. Es wirkt defensiv.

Aus Schwächen Stärken machen

So kam "TSG" - inzwischen dürfen ihn alle so nennen als trüge er den Vornamen der neuen Bundesliga-Zauberer aus Hoffenheim - aus dem Nichts und ist über Nacht da. Breite Wählermassen mögen ihn noch nicht kennen, aber wache Journalisten schätzen bereits seine Originalität. Dabei ist das Rezept seiner Medien-Performance simpel: Schwächen werden nicht unterdrückt, sondern schlagfertig ins Positive gewendet: Die hessische SPD liegt am Boden - da kann es ja nur aufwärts gehen! Keiner kennt mich? Na, dann sind es morgen schon mehr! Ich sehe komisch aus - okay; aber darum geht es ja gar nicht, und wieso fällt Euch das bei Roland Koch nicht auch auf? Du hast keine Chance, also nutze sie!

Solarpapst Hermann Scheer war gestern. Schön, dass Frau Ypsilanti sich nicht seitlich in die Büsche schlägt, aber die Wahlkampfstrategie bestimme ich. Mit niemandem schließen wir Koalitionen aus. Hessen ist noch immer für eine Überraschung gut gewesen. Ich werde hart arbeiten, will Verletzungen heilen, das Land einen. Das sagt er alles kurz und bündig, selbstbewusst und schlagfertig. Weil der Vergleich so herrlich absurd war, nannte ihn die "taz" sofort "Hessen-Obama". Er ist selbstironisch genug, sogar dies noch fröhlich anzunehmen. Einfach ist das Rezept, nach dem TSG die Medien füttert - aber es passt zu ihm. So wird man vom kuriosen Außenseiter flugs zum heimlichen Liebling mancher Journalisten, die sich nach Authentischem sehnen.

Medien wollen "Typen"

Medien aller Art leben davon. Angeblich jagen sie ja ständig Säue durch imaginäre Dörfer. Tatsächlich wollen sie immer nur Geschichten von Menschen erzählen. Und die müssen abwechslungsreich sein. Langeweile ist tödlich. Und wenn da plötzlich einer ist, den gestern keiner kannte - dann ist das interessant. Erst recht, wenn die politische Dramaturgie - wie in Hessen - so herrlich menschlich allzu menschlich ist. Sind die vier "Abweichler" Verräter oder tapfere Anwälte einer höheren Moral? Ist Andrea Ypsilanti gescheitert, weil es Frauen schwerer haben? Oder war sie gerade deswegen besonders machtgierig? Solange der politische Diskurs von solchen Fragen dominiert ist, liegt die Diskurshoheit nicht bei "Faz" und "Cicero", "Monitor" oder den klassischen Politik-Talks von Maybrit Illner bis Anne Will, sondern bei "Kerner" und "Beckmann". Und da hat man immer ein Herz für die Unorthodoxen. Sie sind allemal interessanter als die vereinten Büroklammern von Hans Eichel bis Frank-Walter Steinmeier. Nur so konnte Gabriele Pauli ins Rampenlicht treten. Diesen Bonus hat TSG fast im Vorbeigehen errungen. Er wäre töricht, würde er solche Bedürfnisse der Medien nicht bedienen.

Schäfer-Gümbel, Gabriele Pauli, Sarah Palin?

Am ersten Tag konnte der Eindruck entstehen, Andrea Ypsilanti hätte mal eben ihren Praktikanten nach vorn geschickt. Manche wollten gar Ähnlichkeiten mit Stefan Raab "Praktikanten" Elton erkennen. Aber der Spitzenkandidat Schäfer-Gümbel hat sich rasch freigeschwommen. Der Weg auf die Bühne, das erste Bestehen im Scheinwerferlicht sind noch kein Beweis für Klugheit und strategische Substanz. Aber immerhin ist er bislang noch durch keinen Fettnapf gewatet. Sein Understatement wirkt nicht wie angestaute Eitelkeit. Womöglich sorgt sogar die feste Bindung an seine Partei ausnahmsweise für Bodenhaftung, nicht für Borniertheit. In Gießen hat Schäfer-Gümbel Abitur gemacht, ein Ort mit großer sozialdemokratischer Tradition - von Wilhelm Liebknecht bis Philipp Scheidemann, der in Mittelhessen als Redakteur arbeitete. So plötzlich wie Gabriele Pauli oder Sarah Palin wurde er eine öffentliche Figur, aber Thorsten Schäfer-Gümbel liefert bisher keine Indizien dafür, dass er genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwinden wird.

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo