Tarifkonflikt Papa streikt, ich nicht


Seit in Ostdeutschland der Arbeitskampf um die 35-Stunden-Woche tobt, geht ein Riss durch die Familie Hoffmann. Vater und Sohn arbeiten im selben Betrieb - und begegnen einander zunehmend ratlos.

Es ist nicht immer geil, ein "Arschloch" zu sein. Christian Hoffmann, 28, trägt die Schmähungen trotzdem mit Fassung und marschiert trotzig, Frühstück und Blaumann unterm Arm, durch die Hölle bis zum Werkstor. Wenigstens die eigenen Leute rechts und links der Gasse halten sich zurück. Am lautesten schreien seit Tagen die fremden Streikposten aus Salzgitter oder Wolfsburg, schwenken dem "Verräter" ihre roten Fahnen ins Gesicht, stellen sich provozierend vor Autos, trillern, brüllen, pfeifen - und wollen so einen Streik retten, den vor Ort kaum einer will.

"Die haben doch nur Angst um ihre Arbeitsplätze, weil die modernen Werke im Osten längst effektiver arbeiten und im konzerninternen Wettbewerb oft besser dastehen als die Stammwerke im Westen", sagt Christian Hoffmann. Natürlich weiß er auch, warum das so ist, und findet es genauso unerträglich wie alle Kollegen: Ostdeutsche arbeiten nach 13 Jahren immer noch mehr und verdienen trotzdem weniger für die gleiche Arbeit als im Westen. "Standortvorteil" nennen das die Anzugträger zynisch. Aber "Arschloch" hin, "Verräter" her - Christian hat eben auch eine Familie zu ernähren und ist deshalb einer von etwa 300 Streikbrechern der ZF Getriebe GmbH Brandenburg.

Sein Vater Wilfried, 54, dagegen steht als Streikposten am Tor, wo die IG-Metall immer noch so tut, als wäre die ganze Belegschaft einer Meinung. Dabei zieht sich der Streit bis in die Familien, und die meisten ZF-Werker sind bei diesem Streik - wenn überhaupt - nur mit halben Herzen dabei: "Ein Scheißspiel ist das, aber jetzt müssen wir es auch durchziehen", sagt Wilfried Hoffmann.

Er tut es ausdrücklich "auch für den Jungen", der dafür seit Montag täglich Spießruten läuft. "Papa kann nicht anders, sonst schmeißen sie ihn aus der Gewerkschaft", sagt Christian und glaubt, dass sein Vater in Wirklichkeit genauso denkt wie viele andere, die aus Angst vor der Konfrontation mit dem Schichtkumpel lieber gleich ganz zu Hause bleiben.

Selbst aus dem Saarland sind Gewerkschafter vor das Getriebewerk in Brandenburg an der Havel gekommen, und vielleicht liegt es ja nur an ihrer Mundart, dass manche Redner wie Erich Honecker klingen, wenn sie ständig "Solidarität" rufen oder die "Errungenschaften" beschwören, die es zu verteidigen gilt.

Nur geht es diesmal um Errungenschaften des Westens, Errungenschaften aus den fetten achtziger und neunziger Jahren, als die Auto-Industrie dort noch brummte, während im Osten trotz mindestens 42 Stunden pro Woche nur komische Autos vom Band rollten.

Knapp 20 Betriebe hat sich die IG Metall für den heißen Arbeitskampf um die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland ausgeguckt, natürlich die mit den dicksten Auftragsbüchern. Inzwischen ruht die Arbeit bei VW und Zulieferern in Sachsen schon seit knapp vier Wochen, seit neun Tagen auch in Brandenburg. Und die Wirkung, sowohl für die Konzerne als auch für das Image der HeavyMetal-Funktionäre, ist verheerend wie nie.

Bei BMW in München und Regensburg steht seit Montag die Produktion der 3er- Serie still, weil die Getriebe aus Brandenburg fehlen. Auch bei VW drohen Zwangspausen und Kurzarbeit wegen Teilemangels. Jeder Tag kostet die Konzerne etliche Millionen Euro. Zehntausende Arbeiter in Ost und West sind direkt oder indirekt betroffen, und das Verständnis der deutschen Öffentlichkeit für die Forderungen der IG-Metall schwindet stündlich, auch unter den eigenen Mitgliedern und vor allem bei denen, um die es angeblich geht.

Tatsächlich will niemand im Osten wirklich mehr Freizeit. "Wir sind doch froh über jeden Euro aus Überstunden", sagen selbst die Streikenden in Brandenburg, und Überstunden gab es bisher reichlich. Es geht nicht um weniger Arbeit. Es geht um viel mehr. Um eine aberwitzige Machtprobe. Da wollen die Arbeitgeber plötzlich nichts mehr von der Zusage wissen, in diesem Jahr wenigstens über Arbeitszeitverkürzung im Osten zu reden, obwohl der Fahrplan der Gewerkschaft nur eine Senkung um drei Stunden bis 2009 vorsieht. Da drohen die Konzerne, ihre Investitionen im Osten zu überdenken, als wenn sie dort aus nationaler Verantwortung gebaut hätten - und nicht wegen der Milliarden an Steuersubventionen.

Da bemühen die Gewerkschafter penetrant die Ost-West-Ungerechtigkeit und karren unter dem Motto "35 - Im Osten geht die Sonne auf" täglich Busse voller Mitglieder nach Brandenburg und Sachsen, als würde die Sonne nicht 100 Kilometer weiter östlich sogar noch eher aufgehen. Und manche Brandenburger ZF-Werker klagen prompt über die "Schande, dass ein Türke im Westen mehr verdient als ein Deutscher im Osten".

Jeder spielt jeden gegen den anderen aus. Konjunkturschwäche und Massenarbeitslosigkeit werden auf der einen Seite ebenso erbarmungslos ausgenutzt, wie sich die andere Seite selbst für die ältesten Parolen nicht zu schade ist: "Produktivität gefährdet Arbeitsplätze", schreibt die IG-Metall. Und nachdem Ministerpräsident Platzeck und andere SPD-Politiker den Streik "schädlich" genannt haben, skandiert der Einpeitscher am Brandenburger Mikrofon: "Wer hat uns verraten?" Keine Antwort. "Sozialdemokraten", ruft der Funktionär, und die Ostkollegen lachen nicht einmal, denn nichts kommt hier schlechter an als abgestandene Parolen der Arbeiterbewegung.

Ob der Streik eher Jobs sichert oder gefährdet, ob sie es in der Fabrik schaffen, mit einer Notschicht weiterzuproduzieren, ob die anderen Leute in der Stadt Brandenburg nicht sogar Recht haben, wenn sie den ZF-Werkern einen Vogel zeigen bei 20 Prozent Arbeitslosigkeit in der Region: Das wird vor dem Tor heftig diskutiert. Und immer öfter fragen sich auch die Brandenburger, ob die Solidarität der Westkollegen nicht vor allem Eigennutz ist?

"Die Forderung finden zwar alle richtig, aber wir können uns einen solchen Streik im Moment einfach nicht leisten - wir als Gesellschaft nicht und privat als Familie auch nicht", sagt Christian Hoffmann. Sein Vater und er haben gerade ein Haus zusammen gebaut, leben mit Kindern und Enkeln unter einem Dach. Nachdem Mutter Hoffmann zu Hause auf den Tisch gehauen hat, dürfen Vater und Sohn dort nicht mehr streiten und stehen sich nun am Werkstor mit traurigen Gesichtern gegenüber.

Die Front bröckelt täglich. Bei Federal Mogul in Dresden sollen nach drei Wochen Streik fast 90 Prozent der Belegschaft wieder bei der Arbeit sein. Der amerikanische Hersteller von Kolbenringen ließ seine Arbeiter und Verpflegung tagelang mit Hubschraubern ins Werk fliegen. Viele schlafen immer noch in Schlafsäcken neben ihrer Maschine, kriechen unter Zäunen hindurch, um nicht durch die Gasse der wütenden Gewerkschafter zu müssen. Und Christian Hoffmann in der Endmontage bei ZF in Brandenburg springt zwischen zwei Maschinen hin und her, schiebt Zahnräder auf Wellen, um mit seinen Kollegen wenigstens 100 von normalerweise bis zu 800 Getrieben pro Tag an BMW liefern zu können.

Angeblich stimmten 80 Prozent der sächsischen Metaller für den Streik. Tatsächlich waren es 9.644 Ja-Stimmen von 12.100 stimmberechtigten IG-Metall-Mitgliedern im Freistaat. Hier arbeiten in der Metall- und Elektroindustrie 125.000 Menschen. Die "Mehrheit" betrug also nicht einmal acht Prozent.

Vater Wilfried hat selbst "kurz gewankt", als am Wochenende bei allen ZF-Mitarbeitern ein Erpresserbrief der Geschäftsleitung im Briefkasten lag. Tenor: Standort oder demokratisches Streikrecht: "Sie haben zwei Möglichkeiten." Trotzdem ist er stolz, dass sein Sohn Christian "wenigstens erhobenen Hauptes" durch die Gasse geht - "nicht wie andere Kollegen, mit denen ich die ganze letzte Woche Streikposten gestanden habe, und die sich jetzt über den Zaun an die Maschine schleichen".

Holger Witzel print

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