Thomas Middelhoff "Wir waren eingeschlafen"


Thomas Middelhoff, Vorstandschef des angeschlagenen Handelskonzerns Karstadt-Quelle, über verstaubte Ware, das Ende der Grabbeltische und unzufriedene Kunden: "Melden Sie sich direkt bei mir!"

Herr Middelhoff, Sie sind seit einem halben Jahr Chef von Karstadt-Quelle. Hand aufs Herz, waren Sie davor jemals Kunde des Hauses?

Ja, ich habe als Junge häufig bei Karstadt eingekauft, als Student noch ab und an. Meine Frau hat während ihres Studiums Haushaltswaren bei Quelle bestellt. Und als wir in Berlin wohnten, sind wir gern ins KaDeWe gegangen.

Wie viele Anzüge von Karstadt hängen heute in Ihrem Schrank?

Drei. Ich wollte im KaDeWe eigentlich nur einen Mantel kaufen. Aber der Verkäufer hat mich so gut beraten, dass ich das Haus auch noch mit drei Anzügen verlassen habe.

Kein Wunder, dass der Chef zuvorkommend bedient wird...

...nein, nein, das war vergangenes Jahr. Der Verkäufer, Herr Kutzner, kannte mich nicht.

Otto Normalkäufer macht eher die Erfahrung: Verkäuferinnen verstecken sich hinter Säulen, die Ware liegt verstaubt im Regal.

Wenn Kunden so etwas erleben, möchten wir das unbedingt erfahren. Wir wollen alle zufrieden stellen. Ich bitte deshalb jeden, der vielleicht mal nicht so gute Erfahrungen gemacht hat, sich bei mir persönlich zu melden und mir eine Mail zu schicken an: kunden.middelhoff@karstadtquelle.com.

Wann entstauben Sie Ihre Warenhäuser?

Ihre Frage zeigt, dass leider unser Image deutlich schlechter ist als die Wirklichkeit. Ob Sie das Alsterhaus in Hamburg oder etwa unsere Häuser in Wiesbaden oder Karlsruhe nehmen: Da finden Sie nichts Angestaubtes mehr! Diese und alle anderen bereits modernisierten Häuser laufen über Plan, die Menschen kaufen dort gern ein. Deshalb bin ich überzeugt, dass das Warenhaus in der Innenstadt eine Renaissance erleben wird.

Weiß das auch schon die Kundschaft, die lieber bei Mediamarkt oder Aldi einkauft?

Das "Geiz ist geil"-Konzept stößt an seine Grenzen. Karstadt kann ganz sicher über den Preiswettbewerb nicht bestehen.

Ist das das Ende der Grabbeltische?

Ja, Grabbeltische und rote Preiskampfschilder wird es bei uns in zwei Jahren nicht mehr geben. Karstadt wird hochwertiger, zu einem Konsumtempel, in dem sich die Massen verführen lassen, weil ihnen der Einkauf Spaß macht. Wir arbeiten daran an vielen Ecken: mehr Kundenfreundlichkeit, mehr Service, bessere Beratung, mehr Komfort. Wir werden unsere Fachkräfte künftig gezielt einsetzen: Die einen sind Experten im Regalauffüllen, die anderen können verkaufen, und Dritte sind auf das Kassensystem spezialisiert. Zudem statten wir in Absprache mit den Betriebsräten das Verkaufspersonal für einen modischen, schicken und einheitlichen Auftritt aus, damit es leichter auffindbar ist - zum Beispiel mit schwarzen Anzügen oder Kostümen und weißen Hemden oder Blusen wie jetzt schon im Alsterhaus. Und auch der Vorstand wird dazulernen: Meine Kollegen und ich werden im Weihnachtsgeschäft alle einen Tag in einer Karstadt-Filiale arbeiten.

Sie haben 74 Kaufhäuser verkauft, die kleinen. Wie viele der verbliebenen 90 Warenhäuser schreiben Verluste?

Einige wenige. Aber für die gibt es klare Ziele. Zum 31. Dezember werden die 90 Warenhäuser in Summe einen Gewinn ausweisen.

Müssen Häuser geschlossen werden?

Dazu gibt es keine Überlegungen. Es gibt aber auch keine Bestandsgarantie. Die kann Porsche vielleicht anbieten, wir nicht. Wie wollen Sie das Karstadt-Sortiment flotter machen? Wir erwirtschaften 38 Prozent des Warenhausumsatzes mit Mode. Bisher gab es aber nur zwei- oder dreimal pro Jahr eine neue Kollektion. Künftig werden wir acht- bis zwölfmal neue Ware bekommen, so wie es inzwischen üblich ist. Gehen Sie mal zu Karstadt: Sie werden staunen, was sich alles verändert!

Ihr Optimismus ist grenzenlos...

...begründet.

...dabei kommen aus Berlin keine ermutigenden Signale für den Handel. Die Mehrwertsteuer soll von 2007 an auf 19 Prozent steigen, und die Bürger werden an vielen weiteren Stellen belastet.

Was in Berlin geschieht, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Auch wenn die Lohnnebenkosten nun ein wenig gesenkt werden sollten, ist die Mehrwertsteuererhöhung verantwortungslos. Sie wird die ohnehin geringe Konsumneigung der Bevölkerung noch weiter verringern.

Fürchten Sie einen Einbruch des Geschäfts?

Für den Einzelhandel insgesamt ist die Lage dramatisch. Wir haben gerade den schwärzesten September seit Jahren erlitten. Für dieses und nächstes Jahr haben die Wirtschaftsweisen 1,2, vielleicht sogar nur ein Prozent Wachstum vorausgesagt. Das ist für so eine große Volkswirtschaft wie die Bundesrepublik eine Katastrophe. Für viele Händler wird es grausam, wenn nicht noch etwas Positives passiert. Zum Glück haben wir Karstadt-Quelle so aufgestellt, dass sich - unabhängig von den Rahmenbedingungen - eine ordentliche Firmenkonjunktur entwickeln kann.

Haben Sie das Vertrauen in die Politik verloren?

Es ist Zeit, bei den Politikern ein Stück Zivilcourage einzufordern. Hohe Ämter bergen nun mal das Risiko, sie wieder zu verlieren. Das ist in der Wirtschaft nicht anders.

Wen meinen Sie konkret?

Jeden, der sich angesprochen fühlt. Man kann ohne durchgreifende Maßnahmen keinen Patienten heilen. Ich spreche von dem Patienten Deutschland, der meines Erachtens dringend auf die Intensivstation gehört. Bei Karstadt wissen wir, dass wir die richtigen Mittel für jeden Gesundheitszustand einsetzen. Das hat unseren Mitarbeitern den Optimismus zurückgegeben. Würde die große Koalition, die auf einem breiten Konsens fußt, ähnlich mutige Reformen konsequent beschließen, dann würde auch der Optimismus nach Deutschland zurückkehren.

Sie haben noch vor einem Jahr, damals als Aufsichtsratschef, den klinischen Tod von Karstadt-Quelle diagnostiziert. Wie lautet der Befund von Doktor Middelhoff für den Konzern heute?

Meine damalige Analyse war richtig, auch wenn viele dies nicht wahrhaben wollten. Karstadt-Quelle ist das größte Sanierungsvorhaben in Europa. In den zurückliegenden Monaten haben 25 000 Mitarbeiter das Unternehmen verlassen. Die chirurgischen Eingriffe haben Wirkung gezeigt. Heute können wir feststellen, dass sich der Patient in der Rekonvaleszenz befindet. Bis auf den Versandhandel liegen alle Unternehmensbereiche im Plan oder darüber. Der Konzern hat noch immer 4,3 Milliarden Euro Schulden. Am Jahresende werden es nur noch 3,3 Milliarden Euro sein. Das ist eine dramatische Verbesserung gegenüber dem Vorjahr, als wir noch mehr als fünf Milliarden Euro Schulden hatten, reicht uns aber nicht. Erst wenn wir eine Eigenkapitalquote von 15 Prozent und weniger als zwei Milliarden Schulden haben, ist Karstadt-Quelle wieder genesen.

Betreiben Sie den Schuldenabbau auch so wie Ihr Vorgänger Christoph Achenbach, der Zulieferer in Briefen, die dem stern vorliegen, noch im März ziemlich rabiat aufforderte, einen "Solidaritätsbeitrag" für den notleidenden Konzern abzuliefern und auf diese Weise Beträge von 4500 Euro eintrieb?

Diese Aktivität ist in dieser Form nicht weiter fortgesetzt worden.

Dem Vernehmen nach verhandeln Sie in den USA über einen neuen Kredit. Wofür brauchen Sie frisches Geld?

Wir verhandeln über ein nachrangiges Darlehen, um noch schneller bei der Restrukturierung zu werden. Es gibt eine Menge, vor allem amerikanische und englische Investoren, die an Karstadt-Quelle und unser Konzept glauben. Deren Bereitschaft geht über die kolportierten 300 Millionen Euro hinaus.

Der Versandhandel schreibt nach wie vor tiefrote Zahlen.

Ich habe ja nicht behauptet, der Konzern sei kerngesund. Aber vor dem Hintergrund der positiven Entwicklung gehen wir davon aus, 2008 ein prosperierendes, ertragreiches Geschäft zu haben.

Ihre größten Sorgenkinder heißen Quelle und Neckermann, bei denen keinerlei Besserung in Sicht ist. Werden dort Arbeitsplätze verloren gehen?

Wir glauben fest daran, dass sich das Geschäft bessern wird. Aber wir werden nicht darum herumkommen, Stellen streichen zu müssen, natürlich sozialverträglich. Vor kurzem haben wir uns mit dem Betriebsrat in sehr konstruktiven Gesprächen auf ein Eckpunktepapier geeinigt. Es geht nicht nur um Personalabbau. Wir werden ein Sanierungspaket vorlegen, das es dem Versandhandel ermöglicht, zukunftsfähig zu arbeiten.

Längere Wochenarbeitszeiten? Weniger Urlaub? Weniger Weihnachtsgeld?

Die Ergebnisse werden wir zuerst unseren Mitarbeitern bekannt geben, nicht dem stern.

Warum geben Sie den Versandhandel nicht auf?

Weil ich von der Zukunft des Home-Shopping felsenfest überzeugt bin. Wir werden Neckermann sogar in neckermann.de umtaufen. Wo elektronisch bestellt wird, verzeichnen wir Wachstumsraten von 20 bis 25 Prozent.

Das allerdings ist kein Neugeschäft, sondern geht meist zulasten der Katalogbestellungen.

Natürlich. Aber wir sind ja nicht abhängig vom Katalog. Dessen Bedeutung nimmt ab. Home-Shopping heißt, über jedweden Kommunikationsweg, auch interaktives Fernsehen, Telefon und Internet, seine Bestellung aufzugeben, rund um die Uhr.

Klingt euphorisch, doch trotz Elektronik dümpelt der Versandhandel bei Quelle und Neckermann vor sich hin.

Ja, denn wir waren eingeschlafen. Wir müssen Home-Shopping weiterentwickeln. Mein Gott, was können wir aus dieser Riesenmaschine noch alles rausholen! Dazu gehört auch, das Sortiment um 30 Prozent zu reduzieren. Müssen wir bei Quelle wirklich einen Golf verkaufen, wie in der Vergangenheit geschehen? Wohl kaum.

Wie viele Kataloge pro Jahr wird es künftig geben?

Es wird sicher nicht bei zwei Hauptkatalogen bleiben.

Was verbindet man mit der Marke Quelle?

Quelle-Textil, Quelle-Technik, Quelle-Küche. Allein damit ließe sich der Katalog aufteilen.

Die Quelle-Erbin und Hauptaktionärin Madeleine Schickedanz kauft stetig Karstadt-Quelle-Anteile zu. Die Vermutung liegt nahe, dass sie das Unternehmen von der Börse nehmen und veräußern will

. Zunächst einmal hat Frau Schickedanz viel Geld verloren durch jahrelanges Missmanagement einzelner Führungskräfte. Es ist auch ein Irrglaube, Frau Schickedanz würde alle frei werdenden Aktien kaufen. Wir haben festgestellt, dass in letzter Zeit auch angelsächsische Investoren bei Karstadt-Quelle einsteigen, die an eine gute Zukunft des Unternehmens glauben.

Gerade hat Frau Schickedanz die bis dahin sakrosankten Büros ihrer verstorbenen Eltern Grete und Gustav in Fürth räumen lassen. Ein Symbol für den Abschied?

Frau Schickedanz agiert sehr professionell und diszipliniert. Sie ist keine Gesellschafterin, die für sich beansprucht, jeden Tag in der Konzernzentrale zu sein, dort ein Büro zu unterhalten mit vielen Sekretärinnen, sich in die Unternehmenspolitik einzumischen und Vorträge zu Unternehmenskultur zu halten. Wenn sie an einigen persönlichen Sachen ihrer Eltern hängt, halte ich das für sehr verständlich.

Sind Sie sicher, dass es 2008 den Karstadt-Quelle-Konzern noch gibt?

So bestimmt nicht, denn wir wollen ja bekanntlich unsere Aktivitäten im Reisebereich weiterentwickeln unter der Marke Thomas Cook. Das Unternehmen gehört uns zur Hälfte.

Wir meinen Karstadt und Quelle gemeinsam unter einem Dach.

Ich weiß, dass einige glaubten, nur durch die Zerschlagung des Konzerns - was immer das auch heißen soll - könne die Zukunft gesichert werden. Das ist ein Irrtum. Ja, es wird Karstadt-Quelle noch sehr lange geben. Und beide Teile werden profitabel arbeiten. Geben Sie uns nur noch etwas Zeit dafür.

Interview: Rolf-Herbert Peters, Frank Thomsen print

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