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Tod von Theo Albrecht: Der sagenhafte Aldi-Mitbegründer

Keine Skandale, kein Klatsch, keine Fotos: Der Aldi-Mitbegründer Theo Albrecht gehörte zu Deutschlands reichsten und geheimnisvollsten Unternehmern. Jetzt ist er im Alter von 88 Jahren gestorben.

Von Marcus Müller

Es war ein Novemberabend 1971, der Theo Albrecht endgültig das Licht der Öffentlichkeit scheuen ließ. Gegen 19 Uhr verließ der damals 49-Jährige in Essen die Zentrale von Aldi-Nord. Albrecht war nicht irgendwer: Gemeinsam mit seinem Bruder Karl hatte Theo nach dem Zweiten Weltkrieg das Discounter-Imperium Aldi aufgebaut. Karl herrschte in Mülheim über Aldi-Süd, Theo beackerte von Essen aus den Norden der Bundesrepublik. Die Brüder aus bescheidenen Verhältnissen waren damals schon mehr als wohlhabend.

Das lockte die beiden Verbrecher Hans Joachim Ollenburg, einen früheren Rechtsanwalt, und Paul Kron, in Gangsterkreisen als "Diamantenpaule" bekannt, auf die Fährte von Theo Albrecht. Sie lauerten ihm auf und zwangen ihn in ein Auto. Der Legende nach habe sich "Diamantenpaule" vorher aber erst den Personalausweis von Albrecht zeigen lassen. Angeblich hielt er Theo wegen seines einfachen Anzugs nur für den Aldi-Buchhalter.

17 Tage befand sich Theo Albrecht in der Gewalt seiner Entführer. Erst nach der Zahlung einer Lösegeldsumme von sieben Millionen Mark kam er wieder frei. Es war der bis dahin spektakulärste Entführungsfall der noch relativ jungen Bundesrepublik, und er bewirkte, dass sich Theo vollkommen aus der Öffentlichkeit zurückzog. Am Tag seiner Freilassung sagte er noch einige Sätze zu Reportern, die klickenden Fotoapparate schossen für viele Jahre die letzten Bilder des Unternehmers.

Theo darf Lösegeld steuerlich absetzen

Die beiden nicht sehr geschickten Entführer waren zwar schnell gefasst, die Hälfte der Lösegeldsumme blieb jedoch verschwunden. Jahre später klagte Theo Albrecht vor dem Düsseldorfer Finanzgericht die steuerliche Absetzbarkeit des erpressten Geldes ein.

Die Entführung warf ein Schlaglicht auf die beiden Aldi-Brüder, mehr aber auch nicht. Schon zuvor hatten sie sich praktisch unsichtbar werden lassen. Sie wollten nicht über ihre Erfolgsgeschichte reden, ihren atemberaubenden Aufstieg.

Innerhalb kurzer Zeit breiteten sich die Aldi-Filialen in Deutschland aus. In den Läden wurde seit jeher auf jeglichen Aufwand verzichtet. Die Albrechts brachen mit dem Service des Krämerladens: Die Waren mussten sich die Kunden selbst aus dem Karton nehmen, dafür waren und sind sie unschlagbar billig.

Ein Erfolgsrezept. Heute steht Aldi auf Platz elf der weltweit größten Einzelhandels-Unternehmen. Der Global Player hat mehr als 8.000 Filialen in Europa, den USA und Australien, der geschätzte Gesamtumsatz beträgt für beide Filialketten über 50 Milliarden Euro (Aldi Süd: 28 Milliarden Euro, Aldi Nord: 25 Milliarden Euro) im Jahr.

Brüder sind so sparsam wie die Läden eingerichtet sind

Zum zunächst nur mäßigen Ansehen der Aldi-Filialen als Billigläden passen die Geschichten über die extreme Sparsamkeit der Albrecht-Brüder. Über Theo hieß es, dass er nicht beschriftete Rückseiten von Papierstücken als Notizzettel weiter verwendete. Der Vater zweier Söhne soll hinter sich immer das Licht ausgemacht haben und seit der Entführung in jedem Hotel zuerst die Fluchtwege besichtigt haben. Angeblich hat er seine Sparsamkeit auch auf seine Aldi-Nord-Filialen übertragen, die als etwas weniger gepflegt gelten als die im Süden.

Eine der wenigen Quellen für viele Berichte über die privaten Details der streng katholischen Albrecht-Brüder ist der frühere Aldi-Geschäftsführer Dieter Brandes, der über den Konzern ein Buch geschrieben hat. Er beschreibt die Aldi-Brüder als höfliche, zuvorkommende und bescheidene Menschen.

Auf Kriegsfuss mit Betriebsräten

Beide sind mit ihrem Discounter-Konzept nicht nur unvorstellbar reich geworden. Theo und Karls Vermögen beträgt geschätzt jeweils mehr als 17 Milliarden Euro. Sie haben auch Kultstatus erreicht: In den 1990-Jahren wurde erstmals ein Aldi-Kochbuch aufgelegt und ein Song über Aldi geträllert. Ebenfalls bemerkswert ist freilich auch der weitgehend erfolgreiche Versuch, Gewerkschaften und Betriebräte aus den Läden herauszuhalten.

Theo Albrecht soll noch nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Geschäft täglich Aldi-Filialen inspiziert haben. Wie sein Bruder hat er angeblich gerne Golf gespielt, außerdem soll er Schreibmaschinen gesammelt haben.

Trennung wegen Zigaretten oder Publizitätspflicht

Auf die Welt kamen die beiden Brüder vermutlich in Essen, aber wie vieles in ihrer Biografie sind weder Geburtsort noch Geburtsdaten offiziell bestätigt. Der also wohl 1922 geborene Theo machte nach der Mittelschule eine Lehre im Lebensmittelgeschäft der Mutter in einem Essener Vorort. Diesen klassischen kleinen Krämerladen betrieb die Mutter seit 1913, um die Einkünfte der Familie aufzubessern. Der Vater musste sich als Hilfsbäcker verdingen, nachdem er sich als Bergmann unter Tage eine Staublunge zugezogen hatte.

Nachdem Theo Albrecht aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Italien zurückgekehrt war, übernahm er mit seinem Bruder 1946 das Geschäft der Eltern. Schnell wuchs es unter der Regie der Brüder zu einer Kette für das gesamte Ruhrgebiet. Der sagenhafte geschäftliche Erfolg der beiden setzte sich dann rasant mit den Aldi-Filialen fort, deren Name sich übrigens schlicht aus den Anfangsbuchstaben ALbrecht-DIscount zusammen setzt. 1960 trennten die Brüder die Kette in Aldi-Nord und Aldi-Süd. Angeblich konnten sie sich nicht einigen, ob sie auch Zigaretten ins Sortiment aufnehmen sollten. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sie einfach nur die Publizitätspflicht für die Unternehmenszahlen umgehen wollten. Noch heute bilden die beiden Aldi-Konzerne verschachtelte Systeme voneinander unabhängiger Gesellschaften.

Am Mittwoch wurde bekannt, dass Theo Albrecht am vergangenen Samstag im Alter von 88 Jahren in Essen gestorben ist. Er ist bereits im engsten Familienkreis beigesetzt worden.