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Tourismus: Billigflieger kontra Pauschalreiseveranstalter

Die Billigflieger versetzen nun auch den Pauschalreisemarkt in Aufruhr. Nach Routen zu europäischen Städten nehmen einige Preisbrecher Sonnenziele der Ferienflieger ins Visier.

Die Billigflieger bringen jetzt auch den deutschen Pauschalreisemarkt in Bewegung. Nach Routen zu europäischen Städten nehmen einige Preisbrecher jetzt Sonnenziele der Ferienflieger ins Visier - und kratzen damit am Geschäft der Reiseveranstalter. Gerade in der Wirtschaftsflaute könnten viele Kunden zu Billigtrips greifen und sich selbst ein Hotel dazubuchen, statt ein komplettes Pauschal-Angebot zu wählen. Die Touristikriesen TUI und Thomas Cook bringen sich schon für einen Wandel des Marktes in Stellung. Urlauber können durch zusätzlichen Wettbewerb auf niedrigere Preise hoffen.

Ab Sommer Urlaubsdestinationen

«Es wird härter kalkuliert», sagt Torsten Kirstges, Professor für Tourismuswirtschaft an der Fachhochschule Wilhelmshaven. Auf allen Ebenen belebe sich die Konkurrenz. Mit Zielen wie Rom, Paris oder London haben es die Billigflieger schon jetzt auf Städtereisende abgesehen. Im Sommer will die Berliner Germania aber auch «alle wichtigen Urlaubsdestinationen» bedienen, wie Geschäftsführer Mustafa Muscati sagt. Rivalen wie Germanwings planen ebenfalls, mehr Südeuropaziele anzusteuern.

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Pauschalreisemarkt gesättigt

Wie stark die Attacken die Reisebranche wirklich aufwirbeln, ist bislang offen. Bereits seit längerem gilt der Markt für pauschal arrangierten Sonnenurlaub für Millionen als weitgehend gesättigt. «Die Mitte wird kleiner», heißt es in den Konzernzentralen. Mehr und mehr Kunden wünschten Differenzierung - die einen hochwertigere Reisen zu etwas höheren Preisen, die anderen abgespeckte Angebote für weniger Geld. Statt Produkten von der Stange sind mehr Extras am Urlaubsort gefragt. Im oberen Segment haben die großen Zwei mit den neuen Marken «TUI Stars» und «Thomas Cook Reisen» bereits vorgelegt. Am anderen Ende erhöhen nun die Billigflieger den Handlungsbedarf.

"Low-Cost-Pauschalreisen"

Ein «ganz einfaches Basisprodukt», zu dem der Kunde Leistungen wie Hoteltransfer oder Essen im Flugzeug hinzubuchen kann, schwebt TUI-Chef Michael Frenzel beim Stichwort «Low-Cost-Pauschalreise» vor. Der Branchenprimus lässt offen, ob dafür sogar ein neuer Veranstalter gegründet werden soll. Die konzerneigenen Charterflieger müssen sich jedenfalls auf verschärftes Kostenmanagement einstellen - nach dem Vorbild der eigenen Billigtochter Hapag-Lloyd Express.

Spezialinteressen auffangen

Konkurrent Thomas Cook will die Reisepalette ebenfalls stärker für Spezialinteressen aufschlüsseln und die Hauptmarke «Neckermann» noch aggressiver mit Preisaktionen vorschicken. Den Part der Billigflieger sieht Vorstandschef Stefan Pichler aber eher gelassen. Natürlich gehe es um «ein Stück vom Kuchen», wenn sich dadurch Kunden für eigene Angebote an den Urlaubsorten gewinnen ließen. Selbst Billigflüge anbieten will die Lufthansa-Karstadt-Tocher aber nicht, da bereits Überkapazitäten absehbar seien. Über Kooperationen laufen Gespräche.

Experten bezweifeln große Wirkung

Dass der Sturm der Billigflieger die klassische Pauschalreise in ihren Grundfesten erschüttert, bezweifelt Tourismusforscher Kirstges indes. «Ich glaube nicht, dass normale Reisende, also Cluburlauber oder Familien, plötzlich anfangen, ihre Reise selber mit Kind und Kegel zusammenzubasteln.» Der Einstieg aggressiver Preisbrecher sei eine normale Marktentwicklung, die aus anderen Branchen bekannt sei. «Im Lauf der Zeit orientieren sie sich im Preis nach oben, der Unterschied verwischt sich - und dann kommt wieder ein neuer, der ganz unten anfängt.»

Sommer der Bewährung

Die Schar der Billigflieger hat bereits erkennen lassen, dass die Zeiten immer neuer Niedrigpreise weitgehend vorbei sind. Nach dem Gründungsboom 2002 steht der erste Sommer der Bewährung bevor. Einige Gesellschaften wie die Deutsche BA kämpfen mit Turbulenzen. Um die schwache Buchungslust zu beleben, sollten Veranstalter auch wegen des drohenden Irak-Krieges über mehr als günstige Preise nachdenken, sagt Professor Kirstges. «Da müssen Instrumente wie flexible Umbuchungs- oder Stornierungsmöglichkeiten dazukommen.»