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Türkei-Imagekampagne: Wie Nestlé, Samsung und Co. sich vor Erdogans Karren spannen lassen

Mit einer großen Image-Kampagne wirbt die Türkei kurz vor dem Referendum für den ramponierten Wirtschaftsstandort. Dafür geben sich 16 Top-Manager europäischer, amerikanischer und asiatischer Konzerne her - von Nestlé über Vodafone bis Samsung.

Werbung für die Türkei: Die Protagonisten der Imagekampagne sind Top-Manager europäischer, amerikanischer und asiatischer Großkonzerne

Werbung für die Türkei: Die Protagonisten der Imagekampagne sind Top-Manager europäischer, amerikanischer und asiatischer Großkonzerne

Was man angesichts von Nazi-Vergleichen und anderen Pöbeleien gerne vergisst: Recep Tayyip Erdogan ist nicht mit Nebelkerzen an die Macht gekommen. Die türkischen Wähler haben Erdogans Führungsanspruch über die Jahre immer wieder bestätigt, weil er dem Land einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung beschert hat. Millionen Bürger, die zu Wohlstand und Anerkennung kamen, akzeptierten im Gegenzug die zunehmend aggressiven und autoritären Methoden ihres politischen Führers.

Doch ausgerechnet vor dem schicksalhaften Referendum am 16. April, mit dem Erdogan die parlamentarische Demokratie endgültig abschaffen und durch ein auf ihn zugeschnittenes Präsidialsystem ersetzen lassen will, schwächelt der Wirtschaftsmotor der Türkei. Terroranschläge, Massenverhaftungen und das allgemeine Chaos, das Erdogan angerichtet hat, haben den Wirtschaftsaufschwung abgewürgt. Die Touristen bleiben aus, Unternehmen zögern mit Investitionen. Das Wachstum erlahmt, Arbeitslosigkeit und Inflation steigen.

Schützenhilfe von Weltkonzernen

Ein bisschen Schützenhilfe aus der Wirtschaft kann Erdogan derzeit also sehr gut gebrauchen. Das türkische Wirtschaftsministerium hat daher gemeinsam mit dem Exportverband TIM Ende März eine Werbekampagne gestartet, die das Image des Wirtschaftsstandorts mächtig aufpolieren soll: 16 ausländische Top-Manager europäischer, amerikanischer und asiatischer Weltkonzerne erklären in TV-Spots und ganzseitigen Zeitungsanzeigen, wie wunderbar es ist, in der Türkei Geschäfte zu machen.


"Ich fühle mich nicht wie ein Gast hier, in der Türkei fühle ich mich wirklich zu Hause", sagt etwa Felix Allemann, Türkei-Chef des Schweizer Großkonzerns Nestlé, in einem Spot der Kampagne. "Wir sind extrem glücklich und stolz, ein Teil der Türkei und ihrer ökonomischen Entwicklung zu sein", spricht Mark Fields, CEO von Ford, in die Kamera. Fabio Landazabal vom britischen Pharmaunternehmen Glaxo Smith Kline lobt die Türkei "als ein Land der Diversität, Gastfreundschaft und Chancen" und Laurent Boissier, Türkei-Chef von Danone findet, die Türkei sei "einzigartig, vertrauenswürdig und eine Brücke zwischen den Zivilisationen".

Die Reklame soll laut dem türkischen Exportverband TIM in sieben Ländern laufen und 500 Millionen Menschen erreichen. TV-Spots sind laut der türkischen Zeitung Hürriyet in Deutschland, USA, Frankreich, Großbritannien, Italien, Russland und den Vereinigten Arabischen Emiraten geplant. 

Wirtschaftliche Interessen gehen vor

Fraglich ist, ob sich die beteiligten Konzerne mit der Kampagne nicht das eigene Image zerschießen. Zwar loben alle Manager nur die Türkei im Allgemeinen und nehmen den Namen Erdogan nicht in den Mund. Dennoch kann man die kritiklose Lobhudelei angesichts des rücksichtslosen Vorgehens gegen Oppositionelle und Medien im Land scharf kritisieren. "Gut geführte Global Player lassen die Finger von Annäherungsversuchen zu Autokraten", sagt etwa Kommunikationsexperte Andreas Bantel im Schweizer "Tages-Anzeiger". Die beiden Schweizer Konzerne Nestlé und Novartis beschäftigen 3800 beziehungsweise 2600 Angestellte in der Türkei. "Wirtschaftliche Interessen werden vor gesellschaftliche gestellt", sagt Imageberater Bernhard Bauhofer im gleichen Artikel zu der Beteiligung der beiden Konzerne an der Kampagne.

Nestlé verteidigt sich mit der Aussage, den genauen Zeitpunkt für den Start der Kampagne nicht gekannt zu haben. "Die Entscheidung, mit anderen internationalen Unternehmen an der Kampagne teilzunehmen, wurde vor einigen Monaten getroffen", erklärte das Unternehmen dem "Tages-Anzeiger".

Deutsche Firmen beteiligen sich nicht an der vom türkischen Wirtschaftsministerium bestellten Werbung. Neben den Schweizer Vertretern sind Manager französischer Firmen (Sanofi, Axa, Danone, BNP Paribas), die britischen Riesen Vodafone und Glaxo Smith Kline sowie der niederländisch-britische Unilever-Konzern, die russische Sberbank, Ford und General Electric aus den USA, Toyota, Samsung und Hyundai sowie Fiat-Chrysler-Chef Sergio Marchionne dabei.