Übernahme-Angst Daimler wappnet sich gegen Angriff


Seit Jahresbeginn ist der Börsenwert von Daimler um 45 Prozent geschrumpft - und damit für Investoren zum Schnäppchen geworden. Nun arbeitet der Konzern an einer Verteidigungsstrategie gegen feindliche Übernahmen - und hat auch schon einen Berater im Auge.
Von Kristina Spiller und Sven Clausen

Der Autokonzern Daimler baut eine Verteidigungslinie gegen den möglichen Einstieg feindlicher Großinvestoren auf. Beraten wird der Konzern bei den Plänen für eine Abwehr unerwünschter Käufer nach FTD-Informationen von der Deutschen Bank. Zusammen mit dem Institut erörtere das Daimler-Management etwa die Suche nach einem Ankerinvestor, um potenzielle Kaufinteressenten abzuschrecken, sagten informierte Personen. Daimlers Strategie spiegelt die Situation zahlreicher deutscher Aktiengesellschaften wider. Der drastisch gesunkene Aktienkurs der Stuttgarter hat im Konzern Sorgen vor einem feindlichen Übernahmeversuch geschürt. Alarmiert worden sei man auch vom heimlichen Anschleichen des Autozulieferers Schaeffler an den Dax-Konzern Continental, hieß es im Konzern. Schaeffler hatte sich vor seinem Kaufangebot bereits den Zugriff auf 28 Prozent an Conti gesichert.

"Im Aufsichtsrat ist das Thema feindliche Übernahme sehr intensiv diskutiert worden", sagte ein Gremienmitglied. Der Vorstand habe versichert, dass er "gute Sensoren im Markt" habe. Seit Jahren berät die Deutsche Bank den Autobauer bei Kapitalmarktfragen. Derzeit habe aber die Abwehr eines möglichen Angriffs unerbetener Aktionäre höchste Priorität, hieß es. Am Dienstag kursierten im Markt Gerüchte über den Einstieg des schwedischen Hedge-Fonds Cevian Capital bei Daimler. Cevian wollte dazu nicht Stellung nehmen. "Es ist nicht so, dass die Konzernführung glaubt, dass Hannibal vor den Toren steht", hieß es aus dem Umfeld des Vorstands. "Aber die Sorgen sind gewachsen, und man geht sehr ernsthaft mit dieser Situation um."

Seit Frühjahr 2008 kauft Daimler eigene Aktien zurück

Der Hersteller von Premiumautos und Lkw-Weltmarktführer ist ein interessantes Schnäppchen geworden. Seit Jahresbeginn ist Daimlers Börsenwert um 45 Prozent auf 36 Milliarden Euro geschrumpft. Investoren können nun recht günstig bei dem Konzern einsteigen, zumal Analysten Daimlers Unternehmenswert eigentlich bei 80 Milliarden Euro sehen. Allein der Einstieg mit einem größeren Aktienpaket könnte aus Sicht von Branchenkennern interessant sein. Darüber hinaus bietet der Stuttgarter Konzern hohe Netto-Barreserven von 8,8 Milliarden Euro, die ein Käufer zur Finanzierung einer Komplettübernahme nutzen könnte.

Mit der Deutschen Bank dekliniert Daimler das gesamte Arsenal gängiger Abwehrinstrumente durch: Dazu gehört neben dem möglichen Anwerben eines abschreckenden Ankerinvestors etwa eine Veränderung der Kapitalstruktur, um ungenutzte Cash-Reserven abzubauen. Weder Daimler noch die Deutsche Bank wollten dies kommentieren. Seit Frühjahr 2008 kauft Daimler bereits eigene Aktien im Wert von bis zu 6 Milliarden Euro zurück. Bis April 2009 will der Konzern zehn Prozent seiner Papiere erwerben. Allerdings beabsichtigt Daimler angesichts der drohenden Branchenkrise nicht, seine starke Cash-Position komplett aufzugeben. "Die Autoindustrie fährt ja nicht gerade in einen Cabrio-Sommer", hieß es im Umfeld des Vorstands.

Analysten halten einen weiteren Fall der Daimler-Aktie für gut möglich

Das Problem für Konzernchef Dieter Zetsche: Daimlers Aktien sind zu 92,4 Prozent in Streubesitz. Einziger Großaktionär des Dax-Konzerns ist mit 7,6 Prozent das Emirat Kuwait. Die Kuwaiter kämen als Ankerinvestor infrage, hieß es im Konzern. Der Finanzminister des arabischen Landes, Mustafa al-Schamali, hatte kürzlich gesagt, der kuwaitische Staatsfonds KIA denke über eine Ausweitung seiner Partnerschaft mit Daimler nach. Bei der Vorbereitung von Verteidigungsplänen habe Daimler noch keine Abwehrmandate an Banken vergeben, hieß es. Wegen der Probleme der Branche hält die Konzernspitze den Versuch einer Komplettübernahme auch für unwahrscheinlich. "Daimler ist nicht Conti. Wer wollte da feindlich kommen?", sagte ein Aufsichtsrat. "Das ist das Gute an der Situation: Wir sehen derzeit keinen logischen Käufer für Daimler", hieß es an anderer Stelle. Vor dem Einstieg eines ausländischen Staatsfonds könnte Daimler sein Anteil am Rüstungskonzern EADS schützen. "Da sind nationale Interessen betroffen. Das könnte auch den deutschen Staat zum Handeln bewegen", sagte ein Insider. Zetsche hatte bereits bei der Vorlage der Quartalszahlen vor zwei Wochen gesagt, er sehe "keine hohe Wahrscheinlichkeit" einer Übernahme. Der Konzern hatte seine Ergebnisziele für 2008 kappen müssen, was die Aktie erneut absacken ließ. Wegen der schwachen Weltkonjunktur, hoher Rohstoffkosten, der Kreditkrise und sinkender Autonachfrage in wichtigen Märkten erwartet Daimler dieses Jahr weniger Gewinn. Analysten halten einen weiteren Fall der Daimler-Aktie für gut möglich.

FTD

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