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Überwachung im Auto "Big Brother" soll mitfahren


Die Autoindustrie arbeitet an Fahrzeugen, die sich selbst steuern. Um zu verhindern, dass die Insassen dabei einschlafen, könnten sie ununterbrochen gefilmt werden. Das fordert die Hersteller-Lobby.
Von Hans-Martin Tillack

Die Autoindustrie stößt mit Plänen auf Widerstand, beim so genannten automatisierten Fahren Daten zu erheben. Wie der stern berichtet, schlugen Experten des Verbands der Automobilindustrie (VDA) in einer Lobbyistenrunde, die das Bundesverkehrsministerium eingerichtet hatte, vor, eine "Fahreraktivitätserkennung" laufen zu lassen, wenn in Zukunft Fahrzeuge auf Autopilot geschaltet sind. Zum Beispiel könnten Innenraumkameras zum Einsatz kommen, die den Fahrer beobachten. Mittels Warnfunktionen soll so verhütet werden, dass der Mensch hinter dem Lenkrad des automatisch fahrenden Autos einschläft.

In einer jüngsten Sitzung des hinter verschlossenen Türen tagenden Rundes Tisches des Verkehrsministeriums kam Kritik an diesen Plänen auf. Ein Teilnehmer sagte nach Informationen des stern, dies klinge wie bei "Big Brother". Doch in einem Resümee der Sitzung, das dem stern vorliegt, heißt es: "Eine Fahreraktivitätserkennung sollte zur Abwendung von vorhersehbarem Fehlgebrauch (z. B. Schlaf) integraler Bestandteil des Gesamtsystems sein."

Autofahrer als Versuchskaninchen?

Auf Anfrage des stern wies der VDA den Vorwurf der Überwachung als "abwegig" zurück. Zugleich ließ der Verband die Frage nach dem Einsatz von Kameras offen. Man wolle "technologieoffen" vorgehen. Der VDA wollte auch nicht die Frage beantworten, welche Informationen das Auto künftig speichern soll. Natürlich falle eine "große Menge an Daten" an, heißt es in einer von dem Verband miterstellten Vorlage, die dem stern vorliegt. Aber man habe "ein berechtigtes Interesse", diese "für die Fahrzeugentwicklung" zu nutzen.

Die geplante "Fahreraktivitätserkennung" würde über heutige Systeme zur Müdigkeitserkennung offenkundig deutlich hinausgehen, bei denen Sensoren den Lidschlag oder das Lenkverhalten verfolgen. Es sei "nicht akzeptabel, dass jemand die ganze Zeit den Fahrer beobachtet", sagte der Dresdner Fahrzeugdatenexperte Jürgen Bönninger dem stern.

Die Linken-Verkehrsexpertin Sabine Leidig sagte dem stern, "der gläserne Autofahrer" sei ein zu hoher Preis "für ein neues Geschäftsmodell" der Autoindustrie. Auch die Verkehrsexpertin des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, Marion Jungbluth, warnte, Verbraucher dürften "nicht als Versuchskaninchen missbraucht werden". Es sei bei den bisherigen Plänen zum automatisierten Fahren überdies schlicht "unrealistisch, dass Menschen in dem Moment einspringen und das Fahrzeug übernehmen können, wenn das System aufgrund der Komplexität der Situation versagt".

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