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Verschuldung der USA: Auf den Spuren der siechen Griechen

Standard & Poor's warnt, die Börsen sind alarmiert, und Experten nennen die USA schon länger in einem Atemzug mit dem Euro-Prügelknaben Griechenland. Ihre Beschwichtigungen ähneln sich zumindest.

Von Thomas Schmoll

Analysten tun es, Investoren tun es, der IWF tut es: Die Weltwirtschaftsmacht USA mit dem Fast-Pleitestaat Griechenland zu vergleichen und gar - wenn auch in unterschiedlicher Härte - auf eine Stufe zu stellen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) nannte Amerika mit Blick auf seine hohe Gesamtverschuldung von 91,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in einem Atemzug mit Japan, Irland und eben Griechenland. Er riet jüngst allen vier Ländern, bis 2020 ihre Schulden um einen Betrag zu vermindern, der mehr als zehn Prozent des BIP entspricht.

Bill Gross, Guru der weltweiten Anleiheinvestoren und Gründer des Fondsriesen Pimco, zeigte vor ein paar Wochen, was er von US-Staatsbonds hält: nämlich gar nichts - und schmiss sie komplett aus seinem wichtigsten Fonds. Die Investorenlegende verband den Schritt mit heftiger Kritik an der Geldpolitik der amerikanischen Notenbank und der Schuldenmacherei der Obama-Regierung. "We're out-Greeking the Greeks", schimpfte Gross, was so viel heißt wie: "Wir sind griechischer als die Griechen."

Zwar sprechen Zahlen noch eine andere Sprache: Die Griechen müssen für ihre zehnjährigen Anleihen mittlerweile mehr als 14 Prozent Rendite zahlen, die Amerikaner nur knapp 3,5 Prozent. Aber die amerikanische Regierung gibt dem Vergleich USA/Griechenland weitere Nahrung - unfreiwillig. Als Standard & Poor's am Montag drohte, den Vereinigten Staaten das Spitzen-Rating "AAA" wegzunehmen, also die Bonität zu senken, reagierte Washington wie Athen, wenn die Griechen wieder mal von einer Ratingagentur abgewatscht wurden. Zweifel an der Kreditwürdigkeit der weltgrößten Volkswirtschaft wurden aus Washington rigoros zurückgewiesen. Die negative Einschätzung der Agentur "unterschätzt die Fähigkeit der politischen Führer Amerikas, zusammenzukommen, um die schwierigen fiskalischen Herausforderungen anzugehen, denen die Nation gegenübersteht", meinte die Abteilungsleiterin für die Finanzmärkte, Mary Miller.

Die Folgen wären schließlich verheerend: Ein schlechteres Rating kann zu erheblich höheren Zinsen für US-Staatsanleihen führen. Dies könnte nach Expertenmeinung das ohnehin zaghafte Wirtschaftswachstum abwürgen und die Gefahr einer neuen Rezession heraufbeschwören. So ähnlich wie die Amerikaner heute hatte sich Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou im März angehört: "Die Entscheidung von Standard & Poor's berücksichtigt die Anstrengungen nicht, die wir unternehmen, um unsere Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen."

Von der angeblichen Fähigkeit der "politischen Führer Amerikas" ist seit Wochen und Monaten nichts zu spüren. "Glauben Sie ihnen nicht", empfiehlt Pimco-Gründer Gross seinen Landsleuten und rät in der Annahme, dass Lügen wahrnehmbare, unangenehme Gerüche verursachten: "Und halten Sie sich die Nase zu."

Die Zweifel von Standard & Poor's

Standard & Poor's formulierte die Zweifel ebenso deutlich: "Mehr als zwei Jahre nach Beginn der aktuellen Krise haben sich die US-Politiker noch immer nicht geeinigt, wie sie den finanzpolitischen Abwärtstrend umkehren oder den langfristigen Finanzdruck angehen", erläuterten die Analysten ihre Entscheidung. Die Wahrscheinlichkeit eines Verlusts der Bestnote innerhalb von zwei Jahren bezifferten sie auf mindestens ein Drittel. Die USA hätten im Vergleich zu anderen Ländern mit der Bestnote "AAA" - wie Deutschland - sehr hohe Haushaltsdefizite. "Wie diese reduziert werden sollen, ist uns nicht klar." Die Zahlen sind katastrophal: Die staatliche Schuldengrenze von unvorstellbaren 14,3 Billionen Dollar ist bald erreicht. Sie muss wohl erhöht werden, damit der amerikanische Staat seine Verbindlichkeiten weiter bezahlen kann.

Seit Monaten wird den Ratingagenturen vorgehalten, die Euro-Krise befeuert, zugleich jedoch vor dem amerikanischen Schuldendesaster die Augen verschlossen zu haben - oder zumindest eins zuzudrücken. Damit ist es jetzt erst einmal vorbei.

Die Anleger bleiben mit Blick auf die USA aber recht gelassen. Nachdem es am Montag an den Aktienmärkten kräftig bergab gegangen war, erholten sich die europäischen Börsen am Dienstag wieder. US-Anleihen notierten mit nur geringen Verlusten. Ganz anders die griechischen Papiere: Vor der Ausgabe neuer Anleihen blieben die Anleger am Dienstagvormittag nervös, die Kurse gingen weiter in den Keller. Dabei hat sich eine Haltung an den Finanzmärkten ohnehin durchgesetzt: Griechenland wird seine ausstehenden Schulden nicht zurückzahlen können, eine Umschuldung ist nur noch eine Frage der Zeit.

mit Agenturen